Zu ihrem 25-jährigen Gründungsjubiläum präsentierte sich die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit als eurasischer Ordnungsfaktor. Doch das ist noch nicht überall angekommen. Deutschland taumelt erneut in den Abgrund: Zum dritten Mal marschiert Berlin gegen Russland – getrieben von fremden Interessen. Ein unverzichtbares Zeitdokument gegen den Marsch ins Verderben. Hier mehr erfahren.

    _ von Kai-Uwe Reiter

    Preisfrage: wo liegt Bischkek? Allein die Frage sagt viel über das Niveau und den Gesichtskreis des deutschen Qualitätsjournalismus. Er hat in diesen Tagen außer Putin-Bashing und hysterischem AfD-Hass nicht viel zu bieten. Bischkek, die Hauptstadt von Kirgistan (ehemals Kirgisistan), hat er nicht auf dem Radarschirm. Das ist ein Fehler. Denn in Bischkek wurde dieser Tage im Windschatten plakativerer Schlagzeilen ein Signal ausgesandt, das für die Welt des 21. Jahrhunderts ungleich wichtiger sein dürfte als das Säbelrasseln der Merz-Regierung oder Trumps Rüpeleien.

    In der letzten Augustwoche hielt die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) dort ihren zweitägigen Gipfel ab, der diesmal mit dem 25-jährigen Bestehen der Organisation zusammenfiel. Grund genug, ein wenig genauer hinzuschauen.

    Die SOZ ist neben dem BRICS-Block der zweite große nicht-westliche Länderblock, der sich – zumindest unausgesprochen – als Konkurrenzorganisation zum Westen sieht. Die zehn Mitgliedstaaten China, Indien, Pakistan, Russland, Weißrussland, Iran, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan stehen nach eigenen Angaben für mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung und rund 36 bis 38 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Das ist fast so viel wie beim BRICS-Block (ca. 40 Prozent) und deutlich mehr als bei den G7, die nur noch rund 28 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auf die Beine bringen. Angesichts solcher Zahlen ist die Welt gut beraten, mit der Shanghaier Organisation zu rechnen.

    Frieden, Entwicklung und Wohlstand

    Doch in den deutschen Mainstream-Medien kommt sie so gut wie nicht vor. Am Gipfel in Bischkek nahmen Staats- und Regierungschefs aus 21 Ländern teil, unter ihnen mit Chinas Xi Jinping, Indiens Narendra Modi, Kremlchef Wladimir Putin, dem türkischen Präsidenten Erdogan und Irans Regierungschef Peseschkian Vertreter der wichtigsten nichtwestlichen Staaten.

    Anders als beim BRICS-Verbund, zu dem auch Brasilien, Südafrika und seit 2024 bzw. 2025 Ägypten, Äthiopien sowie Indonesien zählen, handelt es sich dabei ausschließlich um Akteure des eurasischen Kernareals. Ein Blick auf die Landkarte belehrt darüber, dass der Schwerpunkt auf dem asiatischen Teil des Großkontinents liegt.

    Er ringt in einer Zeit vermehrter geopolitischer Spannungen um ein stabiles, ökonomisch solides Binnengefüge. Das Gipfelmotto in Bischkek lautete «25 Jahre SOZ: Gemeinsam für nachhaltigen Frieden, Entwicklung und Wohlstand». Das Signal ist weltweit (allerdings nicht in Berlin und Brüssel) verstanden worden. Selbst UN-Generalsekretär António Guterres machte dem Treffen seine Aufwartung und gab damit zu erkennen, dass die Vereinten Nationen die SOZ längst als feste Größe auf dem Radarschirm haben.

    Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit
    15. Gipfeltreffen Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit im Juli 2015 im russischen Ufa. Die Staatschefs der damals neu aufgenommenen Mitglieder Indien und Pakistan sind nicht auf dem Foto. Foto: Kremlin.ru, CC BY 4.0, Wikimedia Commons

    Die abschließende Gipfel-Deklaration verurteilte die «militärischen Angriffe auf das Territorium der Islamischen Republik Iran, die zu zahlreichen zivilen Opfern und erheblichen Schäden für die Wirtschaft des Landes geführt haben». Die Angriffe der USA und Israels verletzten – was kaum jemand bestreiten kann, der seine fünf Sinne beisamen hat – «die Grundsätze und Normen des Völkerrechts sowie die UN-Charta». Zugleich bekundeten die Unterzeichner nach dem Tod des früheren obersten Führers Irans, Ayatollah Ali Chamenei, der beim amerikanischen Enthauptungsschlag Ende Februar ums Leben gekommen war, ihr «aufrichtiges Beileid».

    Die SOZ stellte sich hinter Irans «Souveränität und territoriale Integrität» und sprach sich für eine politische und diplomatische Lösung des Konflikts am Golf aus. Teherans «unveräußerliches Recht», Atomenergie für friedliche Zwecke zu nutzen, wurde ebenfalls bekräftigt.Gegenstand der Erklärung waren zudem «einseitige Zwangsmaßnahmen», die gegen UN- und WTO-Regeln verstießen und «negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft» haben könnten – damit waren Europäer und Amerikaner gemeint, die mittlerweile nach Freibeutermanier dazu übergegangen sind, russische Vermögenswerte wie etwa Schiffe der sogenannten «Schattenflotte» zu beschlagnahmen oder sich gleich komplette Länder wie das ölreiche Venezuela unter den Nagel zu reißen.

    «Westliche Werte»

    Im ökonomischen Bereich ging es um neue Finanzierungs- und Verkehrswege. Das Gastgeberland Kirgistan treibt einen eigenen SOZ-Entwicklungsfonds und einen Investitionsfonds für Großprojekte voran. Die Störungen globaler Lieferketten durch den Iran-Krieg, besonders rund um die Straße von Hormus, erhöhen die Bedeutung neuer Energie- und Transportkorridore und damit die ökonomische Integration des eurasischen Großraumes. Angestrebt wird ein «offenes, transparentes, faires, inklusives und nichtdiskriminierendes multilaterales Handelssystem» – während sich der Westen mit seinen überschnappenden und letztlich selbstmörderischen Russland- und China-Sanktionen davon längst verabschiedet hat.

    Man erinnert sich: der freie Welthandel war früher einmal eine anglo-amerikanische Doktrin. Generationenlang trugen Briten und Amerikaner die «Freiheit der Meere» wie eine Monstranz vor sich her und zögerten nicht, zu ihrer Aufrechterhaltung Kriege zu entfesseln. Diese Zeiten sind vorbei. Heute setzt Uncle Sam auf Strafzölle gegen die halbe Welt, während der freie Welthandel zum Kernanliegen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit geworden ist. Sie weiß um den Wert eines zoll- und barrierefreien Wirtschaftsraumes.Der chinesische Staats- und Regierungschef Xi Jinping vereinbarte mit dem kirgisischen Präsidenten Sadyr Dschaparow einen Vertrag über «ewige gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit» und sprach von einer «goldenen Periode». China baut seine Position in Zentralasien unter anderem mit der Eisenbahnstrecke China–Kirgistan–Usbekistan aus.

    Usbekistan seinerseits warb für den Trans-Afghan-Korridor zu Häfen am Indischen Ozean. Aserbaidschan und Armenien nutzten den Gipfel für Gespräche über ihren Friedensprozess. Die inneren Spannungen der Organisation, die kein Geheimnis sind, zeigten sich am Verhältnis Indiens zu Pakistan. Modi sprach von einer «gravierenden Herausforderung für die gesamte Menschheit» und forderte «keinen Platz für doppelte Standards». Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif wiederum verwies auf die «immensen Opfer» seines Landes im Kampf gegen den Terrorismus. Die gemeinsame Erklärung verurteilte schließlich Terrorismus in jeder Form; «doppelte Standards» seien dabei inakzeptabel. Auch in dieser Formel kann sich ohne viel Phantasie der Westen wiederfinden, der im Iran und in den Palästinensergebieten schlimmsten (Staats-)Terror unterstützt oder selbst praktiziert, aber zu den ukrainischen Terrorangriffen gegen die russische Zivilbevölkerung schweigt.

    Solche moralischen Doppelstandards sind heute ein Synonym für die vielbeschworenen «westlichen Werte». Es kann nicht überraschen, dass weite Teile der Welt nichts mehr von ihnen wissen wollen.Neben den zehn aktuellen Mitgliedern der SOZ suchen derzeit mehr als ein Dutzend weiterer Staaten, darunter Saudi-Arabien und Vietnam, als Dialogpartner eine engere Anbindung an die Organisation. Sie hat sich in den zweieinhalb Jahrzehnten ihres Bestehens als verlässlicher Motor der ökonomischen und politischen Integration der riesigen eurasischen Landmasse erwiesen und wird in dieser Funktion in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Neben dem BRICS-Block ist die SOZ damit auf dem besten Wege, zu einem machtvollen Akteur der multipolaren Weltordnung des 21. Jahrhunderts zu werden.

    Der im Abstieg begriffene Dollar-Westen kann diesem Prozess nur noch neidvoll zusehen – aufhalten kann er ihn nicht mehr. Ironie der Geschichte: Putin und sein zeitweiliger Nachfolger im Amt des Kremlchefs, Dmitri Medwedew, luden die Europäer in den frühen 2000er-Jahren mehrmals zur Teilnahme an einem gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok ein; Deutschland sollte dabei die Rolle eines privilegierten Partners zukommen. Putin trug seine Einladung 2001 höchstpersönlich auf deutsch im Bundestag vor. Die Verwirklichung seiner Vision hätte die jahrhundertelange Wühlarbeit der transatlantischen Einflusszirkel konterkariert, die – nach dem Eingeständnis des STRATFOR-Mitbegründers George Friedman – kein anderes Ziel hatte, als ein Zusammengehen der beiden großen eurasischen Kontinentalmächte Deutschland und Russland zu verhindern.

    Deshalb durften die Europäer das russische Angebot schon damals nicht annehmen. Es war nicht zu ihrem Vorteil. Heute, ein Vierteljahrhundert später, sind die Europäer dank ihrer Russland-Sanktionen und der Bankrottpolitik ihrer parasitären Eliten nur noch ein saft- und kraftloser Wurmfortsatz des eurasischen Völkerareals, der sich wirtschaftlich, politisch und demographisch im freien Fall befindet. Die künftige Großmacht Eurasien wird hingegen von vorausschauenden Regierungschefs wie Putin, Xi Jinping, Modi und anderen – allen Interessengegensätzen zum Trotz – in eigener Regie vorangebracht. Den Westen braucht es dazu nicht mehr. Er ist keine Größe mehr, auf die man zwischen Moskau, Peking und Neu-Delhi noch hören müsste.

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