Ein deutscher Pfarrer lebte sechs Jahre mit seiner Familie in Teheran und führte dort eine evangelische Gemeinde. Für Tochter Clara war die Zeit immer faszinierend und selten gefährlich. Das Kopftuch trägt sie noch heute gerne.

    _ von Magdalena Heß 

    Eine junge Frau schlendert durch den Wald; die Luft ist noch kalt von der Nacht und Tau zeichnet Muster in die Netze der Spinnen, die kunstvoll zwischen kah-len Ästen gespannt sind. Die toten Blätter am Boden haben sich bräunlich verfärbt, nur wenige hängen noch in sattem Rot und Orange an den Bäumen. Sie haben die gleiche Farbe wie die leuchtenden, langen Haare, die unter einem dunk-len Tuch versteckt sind. Clara Jacobi ist keine Muslima, sie trägt das Kopftuch nicht, wie der erste Blick vermuten lässt, aus religiösen Gründen, sondern aus Zweckmäßigkeit, als Schutz vor Kälte und aus alter Gewohnheit: Die sechs Jahre, die sie in Teheran im Iran verbracht hat, haben ihre Spuren bei der heute Achtzehnjährigen hinterlassen.

    Im Jahr 2003 hieß es für Familie Jacobi Abschied nehmen von Deutschland, von Freunden und Familie, und rein in ein neues Leben im Iran. Die Mitschüler und Freunde, die «nicht einmal wussten, wo Iran ist», konnten die Beweg-gründe der Familie nicht nachvollziehen: Vor allem die Eltern Anja und Karl Jacobi, beide evangelische Pastoren, hatte das Fernweh gepackt; nach einem halbjährigen Aufenthalt in Südafrika wollten sie wieder ins Ausland und zwar für längere Zeit. So kamen das in Südamerika gelegene Surinam sowie der Iran in Frage; hier waren evangelische Pfarrstellen frei geworden und das Unbekannte bildete großen Anreiz für die Familie. Das Pastorenpaar entschied sich nach einem Besuch für das ehemalige Persien, weil so-wohl die Gemeinde als auch das Land an sich sie begeistert hatten.

    Um 23 Uhr Ortszeit kamen die sieben Abenteurer aus dem herbstlichen Deutschland im warmen Teheran an.

    Clara und ihre vier jüngeren Geschwister Alice, Richard, Karlson und Quintus freuten sich auf ein großes Abenteuer, wobei das Abschiednehmen von der besten Freundin ge-rade für die Älteste der fünf nicht sehr leicht fiel. Als Vor-bereitung lernten sie bereits in Deutschland die arabischen Zahlen und erste Ausdrücke Persisch wie «Ja», «Nein», «Danke» oder «Bitte», die vor allem Clara zusammen mit Alice in einem zweijährigen Sprachkurs im Iran um einen kleinen Wortschatz erweitern würde, und schauten sich Filme und Fotos zu ihrer zukünftigen Heimat an.

    Im September 2003 war es dann schließlich soweit, mit dem Flugzeug machte sich die Familie auf den Weg; die Möbel befanden sich bereits im Container auf den Weg gen Süden. Um 23 Uhr Ortszeit kamen die sieben Abenteurer aus dem herbstlichen Deutschland im warmen Teheran an. Genau wie die anderen Frauen trugen auch Clara, ihre Mutter und Schwester Alice Kopftücher. Diese sollten sie ab jetzt immer in der Öffentlichkeit tragen, wie es in dem streng islamischen Land Gesetz ist. «Das war für mich nie ein Problem. Anfangs habe ich immer gelacht, wenn ich es angezogen habe, aber gestört hat es mich nicht. Meine Schwester und meine Mutter aber sehr,» meinte Clara.

    Faszinosum Märkte: Auch in Teheran zieht der überdachte Bazar unzählige Besucher an. Foto: Kodoom

    Mit dem Bus ging es jeden Morgen in die Deutsche Botschaftsschule Teheran, welche zusätzlich Kindergarten und Grundschule beinhaltet und von nur etwa 120 Kindern unterschiedlicher Nationalitäten besucht wird. Hauptsächlich natürlich von Iranern, doch auch Ungarn, Serben, Norweger, Schweizer, Australier und Russen waren zeitweise Klassenkameraden von Clara. Aufgrund der kleinen Größe der Klassen, aber auch der Schule insgesamt «kannte man alle — alle Lehrer, alle Schüler — und wusste alles über das Privatleben voneinander, was ganz nett war. Hier in Deutschland sind die Schulen so anonym.»

    Die Schule war natürlich nicht die einzige Ver-änderung, die der Umzug mit sich gebracht hatte. Das Viertel Gholhak, in dem die Jacobis lebten, wirkte anfangs dörflich; die Straße zu ihrem Haus war zum Beispiel nicht geteert, was sich allerdings binnen zweier Jahre änderte, denn dann blieb auch dieses Viertel von der fortschreitenden Urbanisierung nicht verschont. Auch die Einkaufsmöglichkeiten waren anders: Gab es in Deutschland einen Supermarkt um die Ecke, ging man nun in kleine Läden, auf Märkte und Basare, wo man die unterschiedlichsten Dinge wie Haushaltswaren, Gewürze, Obst und Gemüse, aber auch Schuhe und Kleidung kaufen konnte; natürlich nie ohne noch vor-her um den Preis zu feilschen.

    Aufgrund mangelnder Grünflächen in den Wohnvierteln waren die sehr gepflegten Parks ein beliebter Treffpunkt für die Teheraner, die sich oft mit der gesamten Familie inklusive Kleinkindern und mit Freunden bis weit in die Nacht hinein zusammen setzten, um zu picknicken, zu tratschen, Tee zu trinken oder die Wasserpfeife zu rauchen. Die Iraner sind ein sehr freundliches und höfliches Volk. «Es gibt dort eine Höflichkeit namens Tarof, die sehr streng eingehalten wird. Wenn zum Beispiel eine Familie beim Grillen sitzt und jemand Bekanntes kommt vorbei, muss sie denjenigen einladen. Wenn sie es nicht macht, wirkt das sehr, sehr unhöflich. Der Andere wird aber wahrscheinlich auch seinerseits ablehnen, auch das ist eine Form der Höflichkeit. Wenn die Familie es sehr ernst meint, wiederholt sie die Einladung drei Mal, dann ist aber auch klar, dass er wirklich kommen soll.»

    Auch viele deutsche Frauen gehörten zur Gemeinde; sie waren ihren iranischen Männern zuliebe zum Islam konvertiert, was eine Bedingung für die Heirat ist.

    Die Iraner sind sehr arm, da der Reichtum des Landes nicht bei den Menschen ankommt. Aufgrund der Sanktionen gegen das Land, die auch von der Bundesrepublik verhängt wurden, sind Deutsche zwar immer noch akzeptiert, doch werden sie nicht mehr ganz so gerne gesehen wie früher. Angst haben musste Clara deshalb allerdings nie: «Iran ist ein sehr sicheres Land. Ich hatte als Ausländerin außerdem einen gesicherten Status.» Der Teenager fürchtete sich vor ganz anderen Dingen: Vor schweren Erdbeben, die das Haus zum Einstürzen gebracht hätten, vor einem Angriff Israels gegen die Atomanlagen des Landes, vor dem aktiven Vulkan Damavand in der Nähe Teherans oder vor Flugzeugabstürzen der Fluggesellschaft Iran Air, deren Flotte unter anderem aufgrund der Sanktionen in einem sehr schlechten Zustand ist. Diese Ängste waren allerdings immer nur unterschwellig präsent.

    Die letzte europäische Gemeinde in Teheran, die Evangelische Kirche deutscher Sprache im Iran, in der Claras Eltern als Pastoren tätig waren, bestand aus nur 50 Christen, zu denen Diplomaten und Führungskräfte ausländischer Konzerne zählten. Auch viele deutsche Frauen gehörten zur Gemeinde; sie waren ihren iranischen Männern zuliebe zum Islam konvertiert, was eine Bedingung für die Heirat ist, und trugen trotzdem mit zur Gestaltung des kirchlichen Lebens bei. Sie mussten beim Feiern ihrer Gottesdienste stets achtsam sein, denn es war ihnen untersagt, als Muslime an den Feiern teilzunehmen, andernfalls wären Strafen oder sogar eine Schließung der Kirche mögliche Konsequenzen gewesen. Eine Ausnahme bildete der alljährliche Weihnachtsbasar, zu dem immer viele Muslime kamen.

    Unterm Kopftuch: Links ist Clara und rechts neben ihr sitzt ihre jüngere Schwester Alice. Foto: Magdalena Heß

    Clara wurde misstrauisch beäugt, wenn sie als Christin zu viel Kontakt zu Einheimischen suchte — man wollte mögliches Missionieren unterbinden. Bei Apostasie, dem Abfall vom Islam, droht die Todesstrafe, und selbst wenn nur Bibeln bei Iranern gefunden worden waren, wurden diese sofort verhaftet. Was dann mit ihnen geschah, wusste niemand. Sich den Iranern gegenüber als Christin zu bekennen, war jedoch nicht problematisch. «Sie sind meistens sehr offen; für Muslime ist ja Jesus auch ein Prophet, und über Gott diskutieren sie sowieso sehr gerne.»

    Anders als in einem Land, in dem das Christentum die Hauptreligion darstellt, hatten Clara und ihre Geschwister kaum oder zumindest verspätete Weihnachts- und Osterferien; feiern durften sie ihre religiösen Festtage schon, doch mussten sie aufpassen, dies ja nicht zu auffällig oder zu laut zu tun. «An Weihnachten war bei uns längst nicht so viel geschmückt, die Iraner hatten Schule.» Und auch sonntags hieß es für die fünf Jacobi-Kinder früh aufstehen und in die Schule gehen. Der Freitag hingegen war ein schulfreier Tag. Er ist, anders als der Sabbat bei den Juden und der Sonntag bei den Christen, jedoch kein Feiertag, sondern eher «Yowm ul-Jumuah», ein Tag der Zusammenkunft, an dem die meisten Muslime in die so genann-ten Freitagsmoscheen zum Gemeinschaftsgebet gehen. Clara selbst sagt, dass es Christen, vor allem den armenischen, heute im Iran nicht gut gehe. In ihrer eigenen klei-nen Gruppe von Ausländern zu leben, sei allerdings kein Problem gewesen. Doch das alles liegt nun schon einige Zeit zurück. Wie die Situation in der Gemeinde derzeit aussieht, weiß sie nicht.

    Ansonsten erschien den Kindern das Leben wie ein langer Urlaub: Ihr großes verwinkeltes Haus verfügte über einen Pool, der von einer Palme vor Sonne geschützt war, und im Sommer war es immer heiß. Auch das Essen schuf ein Gefühl von Urlaub: Das Brot kam nicht, wie wir es kennen, in Laiben, sondern als dünne Fladen auf den Tisch. Zu vielen Gerichten wie Kebab — einem langen Fleischspieß aus Hühnchen-, Rind- oder Kalbfleisch — oder zu Eintöpfen aller Art wurde Reis, meistens mit Kruste, gegessen. Häufig gab es auch Schafskäse sowie Datteln. Das deutsche Essen, vor allem deutsche Süßigkeiten, vermisste Clara trotz alledem. «Iranische Schokolade ist schrecklich, wir haben uns immer welche mitgebracht, wenn wir im Sommer aus Deutschland gekommen sind», sagt sie lachend.

    Clara genießt neue Freiheiten, wie etwas mit Freunden zu unternehmen oder einfach als Frau alleine auf die Straße gehen zu können.

    Im Juli 2009 kehrte die Familie in die alte Heimat zurück. Vor allem für Clara wurde es Zeit: «Ich wollte mein Abitur in Deutschland machen, denn es war nicht klar, ob es an unserer Schule im Iran möglich sein würde.» Vor allem Claras Mutter war für die Rückkehr, da sie ihrer damals sechzehnjährigen Tochter eine unbeschwerte Jugend ohne Einschränkungen ermöglichen wollte. So konnte Clara zurück in Deutschland zum Beispiel alleine oder in einer gemischten Gruppe Jugendlicher ins Kino gehen, was ihr im Iran nicht möglich gewesen war. Der Abschied aus Teheran fiel trotzdem schwer. Quintus, der jüngste in der Jacobi-Kinderschar, war bei dem Umzug in den Iran gerade einmal ein halbes Jahr alt gewesen; eigentlich war also das warme Persien, in dem er aufgewachsen war, sein Zuhause.

    Mittlerweile hat sich die Familie hier wieder gut eingelebt. Sie wohnen in einem südhessischen Dorf namens Seckmauern. Clara genießt neue Freiheiten, wie etwas mit Freunden zu unternehmen oder einfach als Frau alleine auf die Straße gehen zu können. Auf die Frage, was sie denn am meisten vermisse, antwortet sie: «Kleine Dinge wie die ständige Sonne, unsere Katze, das Fladenbrot oder eben die Möglichkeit, ein Kopftuch zu tragen, ohne dass ich seltsam angeschaut werde, so wie es früher auch in Deutschland üblich war.»

    _ Magdalena Heß ist Schülerin und besucht die 12. Klasse des Julius-Echter-Gymnasiums in Elsenfeld. Für die Jugend-Seite der FAZ hat sie ebenfalls eine Reportage verfasst.

    Dieser Artikel erschien im COMPACT-Magazin 05/2012. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form hier bestellen.

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