Die AfD stellt den ersten Landtagspräsidenten. Hape Kerkeling dürfte deswegen schlecht schlafen. Aber sonst? Immer mehr Künstler wenden sich vom klassischen Establishment-Sprech ab und wagen Kritik an herrschenden Zuständen. Die Mainstream-Journalistin Julia Ruhs ist vorangegangen und hat in ihrem Buch „Links-grüne Meinungsmacht“ den Finger in die Wunde gelegt. Hier mehr erfahren.

    Wer Musiker, Schauspieler oder andere prominente Künstler interviewt, kennt die Regeln: Bitte nur Fragen zur neuen Platte, zum aktuellen Buch oder zum nächsten Film. Politisch äußern sich bundesdeutsche Prominente nicht oder nur superkorrekt. Aus der Deckung wagen sich Herrschaften nicht, zumeist aus Angst um die eigene Karriere. Vor Wahlen bleibt es meist bei Appellen an die eigenen Anhänger, überhaupt zur Wahl zu gehen oder bei der Aufforderung, die AfD bitte nicht zu wählen.

    Diese Form an Gratismut ist bislang immer belohnt worden, oft mit irgendeinem Orden für Zivilcourage. Doch jetzt, mit den Erfolgen der AfD, dreht sich der Wind. Zeit für Wendehälse, aber auch für Gradlinige, die bisher vom Establishment an den Rand gedrängt wurden und die jetzt Gehör finden. Sie äußern sich plötzlich kontrovers, greifen politische Entwicklungen an oder stellen Positionen zur Diskussion, die im Kulturbetrieb bislang tabuisiert waren.

    Pocher feuert

    Zuletzt wagte sich Comedian Oliver Pocher aus der Deckung. Seine Zielscheibe: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, über den sich Millionen Deutsche ärgern. Pocher fordert, den Staatsfunk grundlegend zu verändern beziehungsweise abzuschaffen und spricht damit ungezählten Zwangsgebührenzahlern aus dem Herzen. Seine Aussagen fanden weiter Verbreitung, die links-woke Blase heulte auf. Der Deutsche Journalisten-Verband erklärte, Pocher spiele mit seiner Medienschelte „einzig und allein Populisten in die Hände“.

    Auch Schauspielerin Tina Ruland äußert sich inzwischen deutlich politisch, wettert gegen Altparteien und politische Maulkörbe. Feuerschutz bekommt sie von ihrer Kollegin Caroline Beil, die ebenfalls zu Polit-Versagern in Berlin klar Stellung bezieht. Ruland bezeichnete die politische Lage in Deutschland als „extremst beängstigend“. Was derzeit in der Politik geschehe, gehe „auf keine Kuhhaut“, sagte die gebürtige Kölnerin. Politiker müssten endlich darauf hören, was der Souverän – also die Bürger – sage und wolle.

    Zugleich beklagte sie einen aus ihrer Sicht zunehmenden Vertrauensverlust: Es sei zur Normalität geworden, dass Aussagen gemacht und anschließend wieder zurückgenommen würden. „Wir werden nur noch angelogen“, sagte Ruland. Die Verantwortung für die aktuellen Entwicklungen sehe sie nicht bei den Bürgern und auch nicht bei der AfD, sondern bei den etablierten Parteien, denen sie schlechte Politik vorwirft.

    Top-Titan Dieter Bohlen steht seit Jahrzehnten für spektakuläre Erfolge auf dem Musikparkt. Mit Modern Talking landete er Hits wie „You’re My Heart, You’re My Soul“ und „Cheri, Cheri Lady“ – Songs, die ganz ohne politische Botschaften auskamen und stattdessen auf Liebe, Emotionen und eingängige Refrains setzten. Auch Bohlen hält sich politisch immer weniger zurück. In Interviews und öffentlichen Auftritten kritisiert er politische und wirtschaftliche Entwicklung. Bundeskanzler Merz attackiert er mittlerweile offensiv. Zugleich plädiert Bohlen für mehr Gesprächsbereitschaft gegenüber Russland und stellt das Thema Frieden in den Mittelpunkt.

    In dem Podcast Hopf & Kettner warnte Bohlen ausdrücklich vor einem militärischen Sieg der Ukraine. Er bezeichnete dies als „Worst Case“ und begründete seine Haltung unter anderem mit dem Risiko einer Eskalation bis hin zu einem Weltkrieg. Russland sei eine Atommacht und werde sich nicht einfach geschlagen geben.

    Die Reaktionen ließen sich lange auf sich warten. Kritiker warfen Bohlen vor, mit seinen Aussagen russische Narrative zu bedienen und Ängste zu schüren. Seine Äußerungen unterstreichen erfreulicherweise, wie weit sich manche Prominente inzwischen in politische Debatten hineinwagen; auch dann, wenn sie damit erhebliche Gegenreaktionen rechnen müssen.

    Nicht länger für den schneller Applaus

    Auch Tatort-Kommissarin Simone Thomalla hat sich schon als Kritikerin herrschender Verhältnisse präsentiert. Besonders deutlich wurde sie Mitte des Jahres. Auf einer Gala-Veranstaltung äußerte sie sich zur Meinungsfreiheit: „Wir sind in einer Demokratie, in der man letzten Endes nicht mehr sagen kann, was man denkt.“. Als „Kind der DDR ziehe sie hier besorgniserregende Parallelen zur Vergangenheit. Und: Statt über ein Verbot des AfD nachzudenken, müsse sich die Politik endlich „um die realen Probleme der Menschen kümmern, die sie erst zu solchen Wahlen treiben“.

    Erinnern wir uns: Im Frühjahr 2021 beteiligten sich rund 50 deutschsprachige Schauspieler an der Aktion „#allesdichtmachen“. In kurzen Videos nahmen sie die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung aufs Korn. Einer der bekanntesten Teilnehmer war Jan Josef Liefers. Anders als einige andere Beteiligte löschte er sein Video trotz des anschließenden öffentlichen Shitstorms nicht.

    Jan Josef Liefers

    Was diese Beispiele verbindet, ist weniger eine gemeinsame politische Richtung als die Bereitschaft, sich öffentlich zu exponieren. Pocher, Ruland, Bohlen, Thomalla und Liefers, natürlich auch Nena, Wendler, Naidoo und weitere, vertreten keineswegs dieselben Positionen. Teilweise widersprechen sie sich sogar fundamental. Gemeinsam ist ihnen vielmehr, dass sie politische und gesellschaftliche Themen nicht auf die üblichen, möglichst konsensfähigen Botschaften reduzieren. Sie nehmen in Kauf, dass Aussagen Widerspruch erzeugen, Fans verärgern oder Schlagzeilen produzieren.

    Das ist bemerkenswert in einer Branche, in der öffentliche Personen normalerweise sorgfältig darauf achten, keine unnötigen Angriffsflächen zu bieten. Managements geben Interviewregeln vor, Künstler müssen mit Streamingdiensten, Sendern, Produktionsfirmen, Werbepartnern und einem politisch unterschiedlich zusammengesetzten Publikum umgehen. Vielleicht verändert sich genau hier etwas.

    Die Mainstream-Journalistin Julia Ruhs ist vorangegangen und hat in ihrem Buch „Links-grüne Meinungsmacht“ den Finger in die Wunde gelegt. Hier bestellen.

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