Beladen vor Kriegsbeginn, erreichen die noch verbliebenen Flüssiggas-Frachter aus Katar ihre Terminals. Danach reißt die Versorgung ab.  Unsere brandneue Spezial-Ausgabe „Kriegsverbrechen – US-Außenpolitik von Truman bis Trump“ blickt hinter die Kulissen dieser Eskalation. Hier mehr erfahren. 

    _ von Furkan Yildirim

    In zehn Tagen ist der Fluss aus dem Golf unterbrochen. Neue Lieferungen bleiben aus, weil die Straße von Hormuz faktisch blockiert ist und Teile der Exportanlagen in Ras Laffan (größtes LNG-Terminal der Welt) beschädigt wurden. Unter der anhaltenden Bedrohung iranischer Angriffe beginnt eine Infrastruktur zu zerfallen, auf die ganze Volkswirtschaften angewiesen sind.

    Eine einzige Ladung davon geht nach Asien. Einen Kontinent, der 90 Prozent des katarischen Gases abnimmt. Sechs Ladungen gehen nach Europa. Wenn diese Schiffe entladen sind, ist Schluss. Kein nächster Konvoi. Kein Nachschub. Die Uhr tickt. Katar produziert ein Fünftel des weltweit gehandelten Flüssiggases.

    Verträge laufen, Gas fehlt

    Seit der Blockade der Straße von Hormuz steht der Export still. Seit den iranischen Raketenangriffen auf Ras Laffan, ist ein Teil der Infrastruktur physisch zerstört. Was jetzt noch auf dem Wasser schwimmt, sind Schiffe, die vor dem 28. Februar beladen wurden. Letzte Reste eines Systems, das nicht mehr existiert.

    Was danach kommt, zeigt Pakistan: Im Januar hatte Pakistan einen Gas-Überschuss. Die Terminals waren unterausgelastet. Die Regierung bat Katar, 24 geplante Ladungen umzuleiten. Eni (Energiekonzern) aus Italien sollte weitere 11 Ladungen verschieben. Pakistan brauchte das Gas nicht.

    Acht Wochen später brach der Krieg aus. Pakistan versuchte sofort, die Eni-Ladungen zurückzubekommen. Eni lehnte ab. Pakistan kontaktierte Händler in Europa, den USA, Oman, Aserbaidschan und Afrika. Alle boten Preise an, die Pakistan nicht bezahlen konnte. Der Spotmarkt für asiatisches Flüssiggas hat sich seit Kriegsbeginn verdoppelt, auf rund 23 Dollar pro Million BTU.

    Im März kamen 2 von 8 geplanten LNG-Ladungen an. Die anderen sechs wurden nie geliefert. Für April erwartet die Regierung, dass 3 von 6 Ladungen ausfallen. Beide LNG-Terminals des Landes laufen auf einem Sechstel ihrer normalen Kapazität. Die letzten Reste der beiden Schiffe, die vor dem Krieg ankamen, werden gestreckt bis Ende März. Der Chef eines der beiden Terminals, Iqbal Ahmed, sagt:

    „Danach sind wir trocken. Wir wissen nicht, wann die nächste Ladung kommt.“

    Pakistan zahlt trotzdem weiter. 538.000 Dollar pro Tag an die privaten Terminalbetreiber. Rund 16 Millionen Dollar im Monat. Für Anlagen, die kein Gas verarbeiten. Die Verträge laufen auf Take-or-Pay-Basis: Kein Gas, aber volle Rechnung.

    Gas aus Aserbaidschan wäre eine Alternative. Der Preis: dreimal so hoch wie der bisherige Import. Für ein Land mit einer Armutsrate von 29 Prozent und einem Pro-Kopf-Einkommen von 1.800 Dollar ist das keine Option. Pakistan wird stattdessen auf Schweröl umsteigen. Dreckiger. Teurer. Die einzige Wahl, die bleibt. Der CEO des Terminals fasst es zusammen: „Ich sehe ein sehr schwieriges Jahr vor uns, gefolgt von zwei bis drei weiteren schwierigen Jahren.“

    Pakistan ist der extremste Fall. Aber nicht der einzige.Bangladesch importiert 95 Prozent seines Energiebedarfs. Das Land hat Universitäten geschlossen, Treibstoff rationiert, Klimaanlagen in Regierungsgebäuden abgeschaltet. Vier von fünf staatlichen Düngemittelfabriken stehen still. Das Gas, das noch da ist, wird in Kraftwerke umgeleitet, um Blackouts zu verhindern. Ein Land mit 170 Millionen Menschen, im Dunkeln.

    Industrienationen zittern

    Und die reichen Länder? Kaufen sich Zeit. Aber nicht viel. Taiwan bezieht ein Drittel seines Gases aus Katar. Die Regierung hat 22 Ersatzladungen gesichert, genug bis Ende April. Klingt beruhigend. Bis man eine Zahl kennt: Taiwan hat Gasreserven für elf Tage. Im Juli liegt der Stromverbrauch 40 Prozent über dem Februarniveau. Der Atlantic Council warnt vor „schweren Energieengpässen“, wenn die Straße von Hormuz geschlossen bleibt. Und Taiwan produziert über 90 Prozent der weltweit fortschrittlichsten Halbleiter. Wenn dort der Strom knapp wird, betrifft das jedes Smartphone und jeden Server auf dem Planeten.

    Die Folgen des Iran-Krieges über die kaum jemand spricht: Der Energielockdown. Screenshot. X-Kanal @Donuncutschweiz

    Japan hält sich bei Spot-Käufen zurück. Nur wenige Versorger erwägen überhaupt, auf dem freien Markt zu kaufen. Stattdessen plant Japan die Rückkehr zu Kohle und Atom. Im Januar hat das Land das größte Kernkraftwerk der Welt in Niigata teilweise wieder hochgefahren. Die Energiewende läuft rückwärts. Aber selbst wenn die Straße von Hormuz morgen wieder öffnet, bleibt ein Schaden, der nicht reparierbar ist.

    Diese Woche hat Katars Energieminister Saad al-Kaabi bestätigt: Zwei der 14 Produktionslinien von Ras Laffan sind zerstört. 12,8 Millionen Tonnen pro Jahr. 17 Prozent der gesamten katarischen Exportkapazität. Reparatur: drei bis fünf Jahre. Die Anlagen haben 26 Milliarden Dollar gekostet. Der jährliche Umsatzverlust liegt bei 20 Milliarden Dollar.

    Katar wird Force Majeure (höhere Gewalt) erklären auf Langzeitverträge mit Italien, Belgien, Südkorea und China. Für bis zu fünf Jahre. Das sind keine kurzfristigen Ausfälle. Das ist ein struktureller Verlust für den Rest dieses Jahrzehnts.

    Die Skyline der katarischen Hauptstadt Doha. . Foto: Sven Hansche I Shutterstock.com.

    Al-Kaabi sagte gegenüber Reuters: Er hätte sich „nie in seinen kühnsten Träumen“ vorstellen können, dass Katar so angegriffen würde. Von einem muslimischen Bruderland. Im Ramadan. Die Schiffe, die jetzt noch unterwegs sind, werden in zehn Tagen ihre Häfen erreichen. Die Tanks werden entladen. Das Gas wird verbraucht. Und dann beginnt die eigentliche Krise.

    Der X-Kanal @Donuncutschweiz ergänzt:

    ,,Domino-Kette, über die kaum jemand spricht: Öl steigt auf 130, 150, 180 Dollar pro Barrel. Fluggesellschaften streichen Flüge. United hat bereits Kapazitäten reduziert. Der CEO plant mit einem Ölpreis von 175 Dollar – bis mindestens Ende 2027. Transportkosten explodieren. Jedes Produkt im Laden wird teurer. Düngemittel kommen nicht mehr durch die Straße von Hormus. Bauern zahlen mehr. Lebensmittel werden teurer. Treibstoffpreise liegen bereits über 2 Euro pro Liter – und steigen weiter Richtung 2,50 € oder mehr. Du fährst weniger.“

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