Der US-israelische Waffengang im Nahen Osten frisst sich immer tiefer in die Region. Während die Welt nach Teheran blickt, tobt an Israels Nordgrenze eine zweite Front. Tel Aviv hat die dauerhafte Besatzung des Nachbarn zum erklärten Kriegsziel gemacht. In unserer Ausgabe „Der Brandstifter – Wie Netanjahu die Welt anzündet“ decken wir die Hintergründe schonungslos auf. Hier mehr erfahren.
Der Südlibanon, ein schmaler Gebirgsstreifen zwischen der israelischen Grenze im Süden und dem Litani-Fluss im Norden, ist seit Jahrzehnten umkämpftes Terrain. Rund 30 Kilometer tief, von Olivenhainen und Schiitendörfern durchzogen, grenzt er im Westen ans Mittelmeer, im Osten an das Bekaa-Tal.
Seit dem Waffenstillstand im November 2024 hielt Israel bereits fünf Posten im Grenzgebiet besetzt und griff fast täglich Hisbollah-Ziele an. UNIFIL (UN-Friedenstruppen im Libanon) dokumentierte in diesem Zeitraum mehr als 10.000 israelische Verstöße gegen das Abkommen. Verteidigungsminister Israel Katz hat das Ziel bereits 2025 benannt: dauerhafte militärische Kontrolle über das gesamte Gebiet bis zum Litani-Fluss (auf der Karte direkt nördlich der Küstenstadt Tyre/Sur).
An Khiam bricht der Vormarsch
Seit dem 12. März dieses Jahres ist aus dem Schwelen des Konflikts ein offener Krieg geworden. Die 146. Infanteriedivision der israelischen Armee (IDF) hat den westlichen Sektor (des Südlibanons) bis zum Kap Ras al-Bayada südlich von Tyros eingenommen. Weitere Verbände haben Qantara erreicht, einen Zufluss des Litani unter Kontrolle gebracht. Fünf Brücken über den Fluss sind gesprengt. Der Süden des Landes ist vom Rest abgeschnitten. Die 98. Division der IDF, eine Eliteformation aus Fallschirmjägern und Kommandoeinheiten, wird in Bereitschaft versetzt.

Was nach Stärke aussieht, verdeckt eine strukturelle Krise. Israel kämpft gleichzeitig gegen den Iran, in Gaza, im Westjordanland und nun im Libanon. Mehr als 100.000 Reservesoldaten sind an allen Fronten im Einsatz. Für ein Land mit neun Millionen Einwohnern ist das eine Belastung die keine Armee dauerhaft trägt. IDF-Generalstabschef Eyal Zamir warnte im Sicherheitskabinett bereits Ende März:
„Ich hebe zehn rote Flaggen vor euch. (…) Die IDF wird in sich zusammenbrechen. Das Reservesystem wird nicht halten.“
Dazu kommt das Gelände. Südlich des Litani erstreckt sich keine flache Ebene, sondern eine 500 bis 900 Meter hohe Hügellandschaft mit tief eingeschnittenen Tälern. Viele israelische Gemeinden im Norden liegen direkt unterhalb höher liegenden Terrains im Südlibanon. Von diesen Hügeln und Bergen aus haben Hisbollah-Kämpfer freies Schussfeld auf israelische Städte. Wer dieses Gelände nicht kennt, zahlt einen hohen Preis. Die Hisbollah kennt es seit Jahrzehnten.

Am deutlichsten zeigt sich das in Khiam. Die 25.000 Einwohner zählende Stadt liegt auf einer strategischen Anhöhe von 800 Metern im östlichen Südlibanon, rund fünf Kilometer von der israelischen Grenze entfernt, mit Blick über die gesamte Ebene von Marjayoun. Wer Khiam hält, kontrolliert die Zufahrtswege in den östlichen und westlichen Sektor des Südlibanons zugleich. Die Hisbollah weiß das seit Jahrzehnten. Sie hat die Stadt ausgebaut, jeden Keller befestigt, jeden Tunnel verlängert.
Die israelische Tageszeitung Haaretz titelte am 1. April nüchtern:
„Israels Militär ist am Rande seiner Belastbarkeit und steckt im Libanon in einer vertrauten tödlichen Pattsituation.“
Versprechen eines weiteren entscheidenden Sieges über die Hisbollah deckten sich nicht mit der Realität vor Ort. Ein weiteres Scheitern nach 2006 droht. Denn Israels Merkava-Panzer, die schwersten und modernsten Tanks der IDF und Symbol militärischer Überlegenheit, verbrennen in den Gassen von Khiam.

Bei einem Hinterhalt an den Stadträndern traf die Hisbollah drei Merkavas mit Panzerabwehrraketen. Al-Manar, der Fernsehsender der Hisbollah, meldete am 6. April weitere Treffer im gesamten Südlibanon: Islamischer Widerstand habe die Panzer am Hügel von Ghadmatha in der Ortschaft Ainatha mit Gleitdrohnen getroffen. Propagandameldungen einer Kriegspartei, gewiss. Dass die Kämpfe feststecken, bestätigt jedoch auch die israelische Seite selbst.
Die Bilanz nach fünf Wochen ist asymmetrisch. Auf libanesischer Seite meldete das Gesundheitsministerium 1.497 Tote und 4.639 Verletzte seit dem 2. März. Das Ministerium unterscheidet dabei nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. Die Verluste der israelischen Armee sind unklar.
Das Modell Gaza
Noch weiter geht der extrem nationalistische Finanzminister Bezalel Smotrich. Er forderte, den Fluss Litani zur neuen Grenze zwischen Israel und dem Libanon zu erklären:
„So wie wir 55 Prozent des Gazastreifens kontrollieren, müssen wir dasselbe im Libanon tun.“
Eine Splittergruppe der israelischen Siedlerbewegung namens Uri Tsafon setzt sich bereits aktiv für eine jüdische Besiedlung des Südlibanons ein. Verteidigungsminister Katz wies die Streitkräfte an, das Modell Gaza auf die libanesischen Grenzdörfer zu übertragen. Gebäude und Infrastruktur, die von der Hisbollah militärisch genutzt werden könnten, sollen flächenhaft abgerissen werden.
Ramzi Kaiss von Human Rights Watch warnte eindringlich, dass die vollständige Sperrung der Litani-Übergänge die Zivilbevölkerung im Südlibanon komplett von Nahrung und medizinischer Versorgung abschneiden werde. Zwei Kraftwerke und zwei Wasserstationen im Süden sind bereits außer Betrieb.
Auch Rettungskräfte geraten ins Visier. Ali Safieddine, Leiter des libanesischen Zivilschutzes: „Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Einschläge wir hier hatten.“ Dr. Ibrahim Faraj aus dem libanesisch-italienischen Krankenhaus in Tyros klagt: „Wir sind nicht mehr viele Ärzte hier. Und wir können die Patienten nicht einfach verlassen. Die können nicht weg, die haben kein Geld, um rausfahren zu können.“ Unicef schätzt: Mindestens 370.000 Kinder sind allein im Libanon auf der Flucht.
Christen unter Druck
Was in der internationalen Debatte selten erwähnt wird: Der Libanon ist Heimat der ältesten christlichen Gemeinden der Welt. Die Maroniten gehen auf den heiligen Maron zurück, einen syrischen Mönch des 5. Jahrhunderts, und seine Anhänger, die sich in den Bergen des nördlichen Libanons niederließen.
Ihre Kirchensprache ist ursprünglich das westsyrische Aramäisch. Sie beten und singen damit noch immer in der Sprache Jesu. Eine Kontinuität die anderswo in der Welt kaum noch existiert.

In Rmeisch, einer maronitischen Enklave im Südlibanon, harrt die Bevölkerung trotz ständiger Bombardierungen aus. Pater Toni Elias, stellvertretender Pfarrer des Ortes, berichtet von Angst vor Vertreibung und Hunger. Wenige Kilometer entfernt, in Qlayaa, wurde der maronitische Priester Pater Pierre El Raii bei einem israelischen Luftangriff getötet als er versuchte, Opfern eines vorangegangenen Einschlags zu helfen.
Der Libanon hat 18 anerkannte Religionsgemeinschaften. Im Jahr 1956 stellten Christen noch 54 Prozent der Bevölkerung. Heute wird ihr Anteil auf unter 40 Prozent geschätzt.
Die alte Front im Norden
Die Wurzeln der heutigen Kämpfe reichen weit zurück. Der Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 sah vor, das britische Mandatsgebiet Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Der jüdische Staat sollte jedoch rund 55 Prozent des Landes erhalten, obwohl Juden damals nur etwa ein Drittel der Bevölkerung stellten. Viele Politiker der Region betrachteten diese Aufteilung als ungerecht.
Der arabische UN-Vertreter erklärte in den Vereinten Nationen, der Plan würde „einer Minderheit den größten Teil des Landes geben“. Auch die Arabische Liga warnte, eine solche Lösung könne „nicht als gerecht oder dauerhaft akzeptiert werden“. Für viele Regierungen war diese Verteilung der zentrale Grund, den Plan abzulehnen. Hinzu kam, dass führende palästinensische Politiker die Gründung eines jüdischen Staates grundsätzlich zurückwiesen.

Als 1948 schließlich der Staat Israel ausgerufen wurde, eskalierte der Konflikt zum Krieg. In den Monaten der Kämpfe flohen oder wurden rund 700.000 Palästinenser aus ihren Städten und Dörfern vertrieben. Dieses Ereignis ging als Nakba in die Geschichte ein, die „Katastrophe“, wie Palästinenser bis heute sagen. Nach dem Krieg kontrollierte Israel zudem rund 78 Prozent des früheren Mandatsgebiets, deutlich mehr Territorium, als der Teilungsplan ursprünglich vorgesehen hatte.
Die Fluchtbewegung wurde durch Gewalt und Massaker zusätzlich beschleunigt. Besonders berüchtigt wurde das Deir Yassin Massaker, bei dem im April 1948 mehr als hundert Bewohner eines Dorfes bei Jerusalem getötet wurden. Die Nachricht verbreitete sich rasch in der Region und löste Panik aus.
Ein Teil dieser Flüchtlinge landete im Libanon. Dort entstanden große Lager, in denen Generationen von Palästinensern ohne eigene Staatsbürgerschaft lebten. Hier formierte sich später der bewaffnete Widerstand der Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO).

Der Libanon selbst versank kurz darauf im Chaos. 1975 brach der Bürgerkrieg aus, ein Konflikt zwischen verschiedenen Ethnien, christlichen Milizen, linken Parteien, palästinensischen Kämpfern und verschiedenen muslimischen Gruppen. Kämpfer der PLO griffen immer wieder Ziele in Israel an, woraufhin Israel militärisch reagierte.
1982 griff Israel schließlich selbst massiv in den libanesischen Bürgerkrieg ein. Die IDF marschierte in den Libanon ein, offiziell um die PLO aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Der Feldzug führte jedoch weit über dieses Ziel hinaus: Israelische Truppen rückten bis nach Beirut vor, belagerten die Hauptstadt und hielten anschließend jahrelang eine sogenannte Sicherheitszone im Südlibanon besetzt. Die Hisbollah entstand Anfang der achtziger Jahre als Reaktion auf die Besatzung des Südlibanon, maßgeblich unterstützt durch den Iran. Fast dauerhaft kommt es seitdem zu gegenseitigen Angriffen.
Wie zerstörerisch diese Konfrontation werden kann, zeigte sich besonders im Libanonkrieg 2006. Nachdem Kämpfer der Hisbollah zwei israelische Soldaten entführt hatten, reagierte das Land mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Wochenlang standen Städte und Dörfer unter Beschuss. Straßen, Brücken und ganze Wohnviertel wurden zerstört, Hunderttausende Menschen mussten fliehen.
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