Kalte Füße! Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat angekündigt, den dubiosen Polit-Gipfel von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in diesem Jahr nicht zu fördern. Alle Fakten zur Tegernsee-Connection finden sich in der aktuellen Januar-Ausgabe von COMACT. Hier mehr erfahren.

    Bayern zieht sich 2026 vom höchst umstrittenen Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee zurück. Ministerpräsident Söder bestätigte, dass der Freistaat weder die Schirmherrschaft übernehmen noch mit offizieller Beteiligung oder einem Staatsempfang bei dem Treffen am Tegernsee vertreten sein werde. Der Gipfel, der vom 28. bis 30. April 2026 stattfinden soll, wird seit Jahren von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer organisiert.

    Politischer Einfluss als Ware

    Hintergrund der Entscheidung sind anhaltende Vorwürfe gegen Weimer und dessen Medienfirma. Die Weimer Media Group war vor einigen Wochen damit aufgeflogen, Unternehmen gegen ein üppiges Entgelt privilegierten Zugang zu Spitzenpolitikern in Aussicht gestellt zu haben. In Werbematerialien für den Ludwig-Erhard-Gipfel war davon die Rede, man könne dort „Einfluss auf politische Entscheidungsträger“ nehmen.

    Kanzler Merz hatte das indirekt auch eingeräumt, als er in einem ARD-Interview auf die Praktiken des Events am Tegernsee angesprochen wurde und lapidar zum Besten gab: „Das ist eine Veranstaltung, wie übrigens zahlreiche andere Medienverlage sie im gleichen Format regelmäßig machen.“

    Die bayerische Staatsregierung hatte im November eine Prüfung eingeleitet, ob der Gipfel weiterhin mit staatlichen Mitteln unterstützt werden solle. Diese Prüfung sei noch nicht abgeschlossen, so Söder. Man nehme daher mit der Absage auch keine rechtliche oder politische Bewertung vor. Das ist natürlich dummes Zeug, denn natürlich hat es vor allen Dingen politische Aussagekraft, wenn Söder diesem Gipfel den Rücken zudreht. In den vergangenen Jahren wurden hier reichlich Steuergelder versenkt, sonnten sich Söder und Freunde dort im Scheinwerferlicht.

    Es war von Beginn rätselhaft, warum der 61-jährige Weimer zum Staatsminister beim Bundeskanzler und Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufsteigen konnte, ohne der Postenverteilungsmaschine CDU anzugehören. Inzwischen sind wir schlauer: Er ist ein Falschspieler. Seine Firma hat systematisch Abhängigkeiten geschaffen, exklusive Kontakte vorgetäuscht und eben Einfluss auf Politiker verkauft. Dabei hat man eine Dreistigkeit an den Tag gelegt, die selbst nach heutigen Maßstäben bemerkenswert ist.

    Der Gefälligkeitsschreiberling

    Wolfram Weimer, Jahrgang 1964, hat sich möglicherweise zudem schon früh in Lebenslaufkosmetik geübt. Der Journalist Alexander Wallasch wirft ihm jedenfalls gezielte Fake-Angaben zu seiner Jugendzeit vor, die ihn als frühen Konservativen in Szene setzen sollten, sowie massive Überhöhungen in der Darstellung seines beruflichen Erfolges. Ab 1990 war er Journalist bei der FAZ, stieg ab 1998 dick bei Springer ein, agierte sogar zeitweise gleichzeitig als Chefredakteur von Berliner Morgenpost und Welt. 2004 gründete er das Magazin Cicero, später wurde er neben Helmut Markwort auch noch Focus-Chefredakteur.

    Lange galt er als klassischer Hauptstadtjournalist, also als Vertreter jener Berufsgruppe, die sich spätestens seit Merkel an den Rockzipfel der Herrschenden klammert und eine Gefälligkeitsschreibe an den Tag legt, die eher an das Wirken einer staatlichen Presseabteilung erinnert.

    Seriös geht anders

    2009 gründete Weimer mit seiner Frau Christiane die Weimer Media Group (WMG), deren Alleingesellschafter das Ehepaar bis zuletzt war. Unter dem Dach dieser Gruppe erscheint das Magazin und „seriöse Debattenportal“ The European, das über einen langen Zeitraum mit einer riesigen Autorenriege Anzeigenkunden sowie Sponsoren anlockte – bis herauskam, dass hunderte Beiträge geklaut und prominente Namen ohne deren Wissen als Verfasser geführt wurden.

    In funktionierenden Demokratien wäre an diesem Punkt Feierabend gewesen. Ein Rücktritt Weimers hätte der politischen Kultur in der BRD insgesamt gut zu Gesicht gestanden. Stattdessen wurden Kritiker der geschmacklosen Praktiken kurzerhand als rechtsextrem markiert. Doch die segensreichen Alternativmedien, in diesem Falle besonders Apollo News, blieben am Ball und richteten die Scheinwerfer sodann auf unanständige Kuppelspiele mit Akteuren der höchstrangigen bundesdeutschen Politclique.

    Dennoch: Merz hatte sich demonstrativ hinter Weimer gestellt und erklärt, die erhobenen Anschuldigungen hätten sich als haltlos erwiesen. Dabei war selbst der FAZ die Spucke weggeblieben: „Das klingt nach käuflichem Zugang zur Macht.“

    In Wahrheit spitzte sich der Fall immer weiter zu: Um seine Haut zu retten, behauptete Weimer zunächst, er habe kurz nach der Berufung als Merzens Mann für Kultur seine Firma verlassen, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Der Blick ins Handelsregister überführte ihn auch in dieser Frage der Lüge.

    Verleger Wolfram Weimer am 4.11.2021 im Presseclub München. Foto: IMAGO / Lindenthaler

    Wohl nirgendwo sonst zeigt sich die Verkommenheit der BRD-Politkultur deutlicher als bei diesem „deutschen Davos“, wie das zynische Event von der ARD schon abgefeiert wurde. Allein Bayern hat in der Vergangenheit satte 700.000 Euro Steuergelder über der Weimer Media Group ausgeschüttet.

    Söder: Unlängst noch Schirmherr

    Schirmherr der Tegernsee-Veranstaltung war Ministerpräsident Markus Söder höchstselbst, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den angeblich so Freien Wählern, wies das Programm für 2026 bis zuletzt als einen der Redner aus. Auch CSU-Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Duz-Freundin der Familie vom Tegernsee, war bislang für die nächste Sause angekündigt.

    Sogar die Treuesten der Treuen werden unruhig. Die Süddeutsche Zeitung wagte sich zuletzt an die entscheidenden Fragen: „Wieso sponsert der Freistaat überhaupt ein Treffen, bei dem Vorstände und Firmengründer gegen einige Zehntausend Euro an einer ‚Executive Night‘ teilnehmen dürfen, wo laut WMG ‚Spitzenpolitiker und Top-Manager in informeller Atmosphäre die drängenden Fragen unserer Zeit‘ verhandeln? Und wieso treten gleich mehrere Kabinettsmitglieder dort auf?“

    Alle Hintergründe zur Tegernsee-Connection finden sich in der aktuellen Januar-Ausgabe von COMACT. Hier mehr erfahren.

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