Was wäre wohl los, wenn ein Mitarbeiter der Washington Post in einer russischen oder iranischen Botschaft ermordet worden wäre? Riad musste mittlerweile jedenfalls einräumen, dass Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul zu Tode kam.

    _von Sven Reuth

    Jetzt also doch: Saudi-Arabien hat bestätigt, dass der Journalist und Regimekritiker Jamal Kashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul zu Tode gekommen ist – angeblich weil ein Streit derartig eskalierte, dass es zu einer heftigen Schlägerei kam, an deren Folgen der Kolumnist der Washington Post verstorben sein soll. In der saudischen Hauptstadt Riad dürfte man in den vergangenen Tagen verzweifelt nach einer halbwegs entlastenden (Lügen-)-Geschichte gesucht haben, um das Verschwinden des Dissidenten nach seinem Besuch im Konsulat vor 18 Tagen halbwegs glaubwürdig zu erklären. Anfänglich hatte man ja sogar noch behauptet, Kashoggi habe das Gebäude doch am gleichen Tag noch unversehrt wieder verlassen, ohne dass man für diese Version der Geschichte Belege vorlegen konnte.

    Die Wahrheit dürfte weit schrecklicher gewesen sein. Die türkischen Behörden wollen Audiobänder und möglicherweise sogar Videoaufnahmen darüber vorliegen haben, dass der Journalist mit viehischer Brutalität ermordet worden sein soll. Er soll bei lebendigem Leib zersägt worden sein, seine Schmerzensschreie durch mehrere Mauern hindurch zu hören gewesen sein. Was auf den ersten Blick wie aus dem Drehbuch eines Horrorfilms entnommen zu sein scheint, hat eine schreckliche Plausibilität dadurch bekommen, dass nach mit Fotos und Videos belegten Berichten verschiedener türkischer Fernsehsender und der Tageszeitung Sabah kurz vor dem mutmaßlichen Mord an Kashoggi ein 15köpfiges Killerkommando am Flughafen in Istanbul eingecheckt haben soll. Klar ist wohl, dass sich unter diesen Männern auch Salah Muhammed A. Tubaigy befand, der berüchtigte Chef-Gerichtsmediziner des saudischen Geheimdienstes. Er steht nun im Verdacht, den unfassbar brutalen Mord begangen zu haben.

    Politische Morde Compact Spezial 19

     

    Der „Fall Kashoggi“ könnte weitreichende diplomatische Folgen haben. Saudi-Arabien war das Ziel von Donald Trumps erster Überseereise zum Beginn seiner Präsidentschaft, das Land gilt schon seit Jahrzehnten als der nach Israel wichtigste Partner der USA im Nahen Osten. Und ab dem nächsten Monat sollte die Bedeutung der internationalen Rolle des Landes sogar nochmals enorm steigen, dann treten nämlich die verschärften US-Sanktionen gegen den Iran in Kraft. Um ein Hochschießen des Ölpreises auf Preise von über 100 US-Dollar pro Barrel und einen Absturz der Weltwirtschaft zu verhindern, soll dann das saudische Königreich seine Förderung massiv ausweiten.

    Die US-Regierung und der Westen generell setzen dabei ganz auf Riads starken Mann, den Kronprinzen Mohammed bin Salman. Der vermeintliche Märchenprinz und „Reformer“ hat allerdings schon mehrfach seine Maske fallen lassen und gezeigt, dass er im Grunde eher ein Risiko als ein Gewinn für die Stabilität im Nahen Osten ist. Zu nennen wäre hier nicht nur die allen diplomatischen Gepflogenheiten Hohn sprechende und seit einem Jahr andauernde Totalblockade der Landwege zum Nachbarstaat Katar, sondern vor allem der völkerrechtswidrige Angriffskrieg, den die Saudis im Jemen führen. Mit High-Tech-Waffen wird hier ein Land zurück in die Steinzeit gebombt, ohne dass der Westen – wie im Falle des angeblichen „Schlächters“ Assad – sich in irgendeiner Weise empören würde.

    In Riad dürfte man mittlerweile aber realisieren, dass der Mord an Kashoggi aus Sicht des Regimes ein verhängnisvoller Fehler war. Diese eine Tat hat in den globalen Medien mehr Aufmerksamkeit gefunden als die Tausenden von Toten und Millionen von Hungernden, die seit Beginn der saudischen Militäroffensive im Jemen im Jahr 2015 zu verzeichnen sind. Nach der Ermordung Kashoggis, die möglicherweise durch eine Person erfolgte, die sich im engeren Umfeld des Kronprinzen bewegt, wird Mohammed bin Salman in Zukunft auch durch noch so gute PR nicht mehr als der große Hoffnungsträger der Region darzustellen sein.

    Der Westen muss einmal mehr zur Kenntnis nehmen, wie pharisäerhaft und verlogen seine Bündnis- und Außenpolitik ist. Während man einerseits mit der Pose totaler moralischer Überlegenheit permanent über Länder wie Russland und den Iran herfällt, zählt man andererseits Herrscher vom Schlage eines Mohammed bin Salman zu den besten und privilegiertesten Freunden. Man möchte jedenfalls nicht wissen, was jetzt los wäre, wenn ein Mitarbeiter der Washington Post im russischen oder iranischen Konsulat in Istanbul auf diese Weise ermordet worden wäre – die Welt stünde möglicherweise am Abgrund eines Krieges.

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