“Das ist völliger Quatsch” – Interview mit Thilo Sarrazin zur Familienpolitik

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Interview: Jürgen Elsässer // Foto: SvM

? In Frankreich führte die sozialdemokratische Regierung vor kurzem die Schwulenehe ein, dagegen gab es Massenproteste. Wo steht der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin in dieser Auseinandersetzung?

Man muss staatliche Familienpolitik und private Lebensführung unterscheiden. Die Schwulenehe gehört zu letzterer. In Frankreich gibt es von beiden Seiten eine künstliche Aufheizung der Debatte. Wichtig ist festzuhalten: Homosexualität ist seit langem straffrei. Schwul-lesbische Lebenspartnerschaften sind vom Gesetzgeber ausdrücklich als ebenso legitim zugelassen wie die klassische Ehe. Allerdings ist es fraglich, ob man dafür auch den Begriff „Ehe“ verwenden sollte, der ja traditionell der Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau vorbehalten ist. Das ist ungefähr so, als würde man ein „Faultier“ als „Löwe“ bezeichnen. Das kann man selbstverständlich machen, aber es ändert nichts daran, dass beide unterschiedliche Eigenschaften haben. Staatliche Familienpolitik muss sich darauf konzentrieren, für die Geburt und die Erziehung von Kindern möglichst gute Voraussetzungen zu schaffen.

? Zu diesen „möglichst guten Voraussetzungen“ gehört für Sie die flächendeckende Bereitstellung ganztägiger Betreuungsangebote. Mehr Kitas gleich mehr Kinder – ist das nicht etwas mechanisch gedacht?

Ich muss von der Lebenswirklichkeit ausgehen. Dazu gehört, dass sehr viele Frauen heutzutage berufstätig sind und sie gar nicht in der Lage wären, Kinder zu bekommen und großzuziehen, wenn es die staatlichen Betreuungsangebote nicht gäbe.

?Dagegen spricht doch aber, dass in den neuen Bundesländern, wo die Kita-Dichte höher ist als im Westen, eher noch weniger Kinder geboren werden.

(…)

?In den USA wächst die Bevölkerung stark – und das ohne Kindergeld, staatliche Zuschüsse und Betreuungsangebote!

Das ist eine andere Situation. In den USA gibt es keinen ausgebauten Sozialstaat. Wer für sein Alter vorsorgen will, braucht eine ausreichende Zahl an Kindern, die sich später um ihn kümmern. Außerdem ist dort der Prozentsatz besonders religiöser Menschen viel höher, und diese Familien sind im Durchschnitt mit mehr Kindern gesegnet. Junge Frauen in den USA bekommen ihr erstes Baby oft schon unmittelbar nach dem College- oder Masterabschluss. Auch in Frankreich ist die Nettoreproduktionsrate mit 2,1 Kindern pro Frau deutlich höher als bei uns und auf einem bestandserhaltenden Niveau. Dort gilt es, anders als bei uns, unter vielen Akademikern oder Besserverdienenden als schick, drei oder mehr Kinder zu haben. Außerdem gibt es Kindergeld in lukrativer Höhe erst ab dem dritten Kind, das schafft einen Anreiz. Kurzum, die Faktoren, die Kinderfreundlichkeit fördern, sind von Land zu Land ganz unterschiedlich.

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? Warum war in der DDR die Nettoreproduktionsrate höher als in der Bundesrepublik, erst recht höher als im wiedervereinigten Deutschland?

(…)

?Was antworten Sie eigentlich den Kita-Kritikern, die darauf hinweisen, dass nur Mutterliebe und häusliche Erziehung glückliche und stabile Kinder hervorbringen kann?

(…)

? Aber die erlebte Polarität Mutter-Vater ist doch auch wichtig, damit das Kind zu seinem Geschlecht stehen und seinen Charakter formen kann…

Meine ganze Intuition sagt mir, dass das so ist. Es gibt zu aber bislang keine aussagefähigen Untersuchungen zu Kindern, die in homosexuellen Verbindungen aufwachsen. Im übrigen darf man die Resilienz des Kindes nicht unterschätzen, die eben weitgehend ererbt ist. Viele Kinder entwickeln sich auch bei ungünstigen Verhältnissen günstig, andere unter günstigen Verhältnissen entwickeln Probleme. Das macht alle Generalisierungen so problematisch.

? Trotzdem geht die Ideologie des Gender Mainstreaming, die mittlerweile in der staatlichen und halbstaatlichen Erziehung dominiert, davon aus, dass das biologische Geschlecht unbedeutend sei.

Das ist natürlich völliger Quatsch. Jungen werden sich immer als Jungen fühlen und Mädchen immer als Mädchen. Man wird die einen nicht dazu bringen, rosarote Kleidchen anzuziehen, und die anderen nicht zur Begeisterung für Ringkämpfe und Spielzeugautos. Nehmen wir doch das jüngst eröffnete Barbie-Haus in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes: Das ist nicht, wie Kritiker meinen, Propaganda für das Puppenspielen von Mädchen, sondern umgekehrt die Erfüllung der Puppenwünsche von Mädchen.

? Natürlich ist Gender Mainstreaming großer Quatsch. Aber dennoch kann man damit Heranwachsende ziemlich durcheinanderbringen, oder?

(…)

Thilo Sarazzin ist einer der Referenten

Thilo Sarazzin ist einer der Referenten auf der diesjährigen Souveräntitätskonferenz am 23.11.2013.

? Wenn aber der Staat diesen erfolgsbasierten Ausleseprozess blockiert, indem er nicht die tüchtigen Jungs fördert, sondern gezielt die Jungs im rosa Kleidchen?

Vorsicht, auch die Tunte kann sehr tüchtig sein! Im übrigen, wie soll das denn funktionieren? Die soziale Wirklichkeit auf dem Schulhof kann doch der Staat nicht gestalten. Ein anderes Thema ist, dass Jungen im heutigen Bildungssystem generell leicht zu kurz kommen, weil Mädchen angepasster sind. Aber letztlich braucht auch der Staat für die Besetzung seiner Verwaltungsstellen Schulabgänger und Hochschulabsolventen, die ausreichend befähigt sind. Dass die Auslese im Schulsystem mittlerweile nur noch bedingt funktioniert, weil zu freigiebig gute Noten vergeben werden, ändert nichts daran, dass die Auslese immer noch stattfindet, nur wird sie eben weiter nach hinten verlegt. Es genügt nicht, einen Studienplatz in Medizin zu bekommen – bevor man Arzt werden kann, muss man nämlich das Vorphysikum und das Physikum bestehen. Auch die freie Wirtschaft verlässt sich zunehmend weniger auf die Noten der Schulabgänger, sondern nimmt zusätzliche Einstellungstests vor.

? “Deutschland schafft sich ab“ – Was bedeutet das demographisch?

Mittlerweile haben rund 40 Prozent der in Deutschland geborenen Kinder einen Migrationshintergrund. Die Zahl der Geburten der autochthonen Bevölkerung beträgt jährlich nur noch rund 400.000. Sie hat sich also in 45 Jahren – in nur anderthalb Generationen – um rund 70 Prozent verringert.

(…)

? Was ist dagegen zu tun?

(…)

? Aber geht es überhaupt um finanzielle Anreize beim Kinderkriegen? Hat der Geburtenabsturz in den letzten 40 Jahren nicht seinen Grund in der bei den Achtundsechzigern verbreiteten Nationalmasochismus? Frei nach dem Motto: Das Aussterben des deutschen Volkes ist mir wurscht – lieber kämpfe ich gegen den Klimakollaps?

(…)

Das Interview vollständig lesen in der Printausgabe COMPACT 9/2013.

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

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