Der Krieg im Nahen Osten frisst sich immer tiefer in die Region. Während die Welt nach Teheran blickt, bricht im Norden die zweite Front auf. In unsere Ausgabe mit dem Titelthema „Der Brandstifter – Wie Netanjahu die Welt anzündet“ decken wir Israels Taten schonungslos auf. Hier mehr erfahren.
Kolonnen von Autos schieben sich über die Straßen des Südlibanon, und auf den Dächern liegen Matratzen. Im Kofferraum stapeln sich Taschen, Kinder sitzen zwischen Decken und Plastiktüten. Familien verlassen ihre Wohnungen oft in großer Eile. Viele fahren Richtung Norden. Andere versuchen Beirut zu erreichen. Doch auch über der libanesischen Hauptstadt kreisen Drohnen. Immer wieder erschüttern Explosionen die Vororte.
Die jüngste Eskalation begann Ende Februar. Israel und die USA starteten Luftangriffe gegen Ziele im Iran und griffen zugleich Stellungen der schiitischen Miliz Hezbollah im Südlibanon an. Am 2. März reagierte die Miliz mit einem massiven Beschuss Nordisraels. Raketen und Drohnen wurden auf israelische Städte und Militärstellungen abgefeuert. Israel antwortete nur wenige Stunden später mit einer breiten Welle von Luftangriffen im Libanon.
Die Hochburgen der Hezbollah liegen in den südlichen Vorstädten Beiruts. Für die Bevölkerung macht das kaum einen Unterschied, sie flieht trotzdem dorthin. Hunderttausende Menschen befinden sich auf der Flucht. Die Lage beschreibt Uwe Gräbe, Nahost-Referent der evangelischen Mission in Solidarität, mit einem Satz:
„Es ist grauenhaft. Dennoch sind die Menschen unterwegs.“
Der Libanon war bereits vor Beginn der Angriffe ein erschöpftes Land. Wirtschaftskrise und politische Blockaden prägen seit Jahren den Alltag. Nun rückt das Land erneut in den Sog eines großen Krieges.
Kinder verlieren ihre Zuflucht
Besonders hart trifft es Kinder. Mehrere Internatsschulen mussten auf Anordnung des Bildungsministeriums geräumt werden. Dazu gehören auch Einrichtungen der sogenannten Schneller-Schulen. Dort lernen christliche und muslimische Schüler gemeinsam. Viele von ihnen stammen aus armen oder zerrütteten Familien.
Für viele war das Internat ein Schutzraum. Nun mussten sie zurück in ihre Herkunftsdörfer. Gerade die Internatskinder kämen „aus schwierigsten Verhältnissen – von bitterer Armut bis hin zu häuslicher Gewalt“, sagt Gräbe. Die Schulen hätten jedoch auf Anordnung des Bildungsministeriums evakuiert werden müssen. Die Kinder zurück in ihre Familien zu schicken, obwohl dort der Druck des Krieges die Lage oft noch verschärft, „tut furchtbar weh“, ergänzt er.
Hilfsorganisationen warnen zugleich vor steigenden Opferzahlen: Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit Beginn der Eskalation am 2. März bereits über 570 Menschen getötet und mehr als 1.400 verletzt worden, während 800.000 Zivilisten ihre Häuser verlassen mussten. Es wird aber auch über deutlich höhere Zahlen spekuliert.
Sorge vor einem Flächenbrand
Auch politisch wächst die Sorge, dass der Konflikt längst über den Libanon hinausgreift. Der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla warnte in der ZDF-Sendung Markus Lanz vor einer großen Eskalation. Er sehe bei diesem „völkerrechtswidrigen Krieg überhaupt keine Strategie“, sagte Chrupalla. Zugleich warnte er vor der Gefahr eines noch größeren überregionalen Konflikts.

Inzwischen wirkt diese Warnung fast wie eine nüchterne Beschreibung der Lage. Raketen schlagen in Israel ein. Amerikanische Militärbasen in der Region geraten unter Beschuss. Der Libanon wird erneut zum Schlachtfeld.
Die alte Front im Norden
Die Wurzeln der heutigen Kämpfe reichen weit zurück. Der Teilungsplan der United Nations von 1947 sah vor, das britische Mandatsgebiet Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Der jüdische Staat sollte jedoch rund 55 Prozent des Landes erhalten, obwohl Juden damals nur etwa ein Drittel der Bevölkerung stellten. Viele Politiker der Region betrachteten diese Aufteilung als ungerecht.
Der arabische UN-Vertreter erklärte in den Vereinten Nationen, der Plan würde „einer Minderheit den größten Teil des Landes geben“. Auch die Arabische Liga warnte, eine solche Lösung könne „nicht als gerecht oder dauerhaft akzeptiert werden“. Für viele Regierungen war diese Verteilung der zentrale Grund, den Plan abzulehnen. Hinzu kam, dass führende palästinensische Politiker die Gründung eines jüdischen Staates grundsätzlich zurückwiesen.
Als 1948 schließlich der Staat Israel ausgerufen wurde, eskalierte der Konflikt zum Krieg. In den Monaten der Kämpfe flohen oder wurden rund 700.000 Palästinenser aus ihren Städten und Dörfern vertrieben. Dieses Ereignis ging als Nakba in die Geschichte ein, die „Katastrophe“, wie Palästinenser bis heute sagen. Nach dem Krieg kontrollierte Israel zudem rund 78 Prozent des früheren Mandatsgebiets, deutlich mehr Territorium, als der Teilungsplan ursprünglich vorgesehen hatte.

Die Fluchtbewegung wurde durch Gewalt und Massaker zusätzlich beschleunigt. Besonders berüchtigt wurde das Deir Yassin Massaker, bei dem im April 1948 mehr als hundert Bewohner eines Dorfes bei Jerusalem getötet wurden. Die Nachricht verbreitete sich rasch in der Region und löste Panik aus.
Ein Teil dieser Flüchtlinge landete im Libanon. Dort entstanden große Lager, in denen Generationen von Palästinensern ohne eigene Staatsbürgerschaft lebten. Hier formierte sich später der bewaffnete Widerstand der Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Der Libanon selbst versank wenig später im Chaos. 1975 brach der Bürgerkrieg aus, ein Konflikt zwischen verschiedenen Ethnien, christlichen Milizen, linken Parteien, palästinensischen Kämpfern und verschiedenen muslimischen Gruppen. Kämpfer der PLO griffen immer wieder Ziele in Israel an, woraufhin Israel militärisch reagierte.

1982 griff Israel schließlich selbst massiv in den libanesischen Bürgerkrieg ein. Die IDF marschierte in den Libanon ein, offiziell um die PLO aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Der Feldzug führte jedoch weit über dieses Ziel hinaus: Israelische Truppen rückten bis nach Beirut vor, belagerten die Hauptstadt und hielten anschließend jahrelang eine sogenannte Sicherheitszone im Südlibanon besetzt. Die Hezbollah entstand Anfang der achtziger Jahre als Reaktion auf die Besatzung des Südlibanon, maßgeblich unterstützt durch den Iran. Fast dauerhaft kommt es seitdem zu gegenseitigen Angriffen.
Wie zerstörerisch diese Konfrontation werden kann, zeigte sich besonders im Libanonkrieg 2006. Nachdem Kämpfer der Hisbollah zwei israelische Soldaten entführt hatten, reagierte das Land mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Wochenlang standen Städte und Dörfer unter Beschuss. Straßen, Brücken und ganze Wohnviertel wurden zerstört, Hunderttausende Menschen mussten fliehen.
Eine ganze Region steht in Flammen und trotz internationalem Haftbefehl wird der gesuchte Kriegsverbrecher in den USA empfangen: In unserer Juli-Ausgabe mit dem Titelthema „Der Brandstifter – Wie Netanjahu die Welt anzündet“ finden Sie wichtige Hintergründe zu Israels desaströser Nahost-Politik, die der Mainstream bewusst verschweigt. Hier mehr erfahren.





