Derzeit reden alle von einem Mangel an Öl und Gas, dabei sind das längst nicht alle wichtigen Rohstoffe, die betroffen sind. Die Krise der Weltwirtschaft könnte weitaus tiefgreifender ausfallen… Unverzichtbare Lektüre in diesen Tagen, um die Gesamtzusammenhänge greifen zu können: COMPACT-Spezial „Kriegsverbrechen“. Hier mehr erfahren.
Die Golfstaaten produzieren nicht nur Öl und Gas, sondern sind auch bei der Produktion vieler anderer Rohstoffe führend, für die Gas gebraucht wird. Daher könnte die Sperrung der Straße von Hormus beispielsweise zu einem weltweiten Mangel an Düngemitteln führen, und wenn die zur Aussaat nicht bereitstehen, drohen weltweit empfindliche Ernteeinbußen, die zu einem weltweiten Mangel an Lebensmitteln führen können.
Besonders betroffen könnte davon die EU sein, denn durch ihre Sanktionen gegen Russland hat sie sich von bedeutenden Mengen an Kaliumdünger abgeschnitten, bei dessen Produktion Russland und Weißrussland führend sind. Wenn nun auch die Dünger aus Harnstoffen, die am Golf produziert werden, weltweit knapp werden, dürften die Preise für Dünger in der EU in diesem Jahr alle Rekorde brechen, was zu einer erheblichen Verteuerung von Lebensmitteln führen würde.
Aber das ist immer noch nicht alles, denn auch bei anderen wichtigen Rohstoffen sind die Golfstaaten wichtig. Was alles auf dem Spiel steht, hat die russische Nachrichtenagentur Tass zusammengefasst. Thomas Röper hat die Betrachtung übersetzt. Wir dokumentieren den Beitrag nachfolgend.
Inflationsbeschleunigung…
Die Lage um die Blockade der Straße von Hormus spitzt sich täglich zu und beeinträchtigt die gesamte Weltwirtschaft. Neben einem Viertel des Erdöls und 20 Prozent des Flüssigerdgases (LNG) werden durch die Meerenge zahlreiche Komponenten transportiert, die für Branchen wie die Flugzeug- und Automobilindustrie, die Chemie-, Düngemittel-, Mikrochip- und sogar MRT-Apparate benötigt werden. Experten prognostizieren eine beschleunigte Inflation in Europa, den USA und Asien. Und das scheint noch das kleinste Problem zu sein.
„Der massive Inflationsschock beginnt gerade erst, viele Wirtschaftszweige, Unternehmen und Privatpersonen zu treffen“, schrieb Kirill Dmitrijew, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland und Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds, in sozialen Medien. Ihm zufolge steigen die Kosten für zahlreiche Ressourcen und Dienstleistungen, darunter Öl, Gas, Düngemittel und Seetransport.

Die explodierenden Preise für die wichtigen Energieträger Öl und Gas treiben die Preise auch in anderen Branchen in die Höhe. Anastasia Levtschenko, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Labor für Industriemärkte und Infrastruktur des Gaidar-Instituts, erklärte gegenüber der Tass, dass die sich wegen des eskalierenden Konflikts im Nahen Osten entwickelnde Situation auf den globalen Rohstoffmärkten über einen typischen „Ölpreisschock“ hinausgeht.
„Anhaltend hohe Kraftstoffpreise könnten energieintensive Branchen wie die Chemie-, Metallurgie-, Düngemittel- und Baustoffindustrie hart treffen. Steigende Produktionskosten in diesen Branchen verringern zwangsläufig die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produzenten auf dem Weltmarkt“, so die Expertin.
Neben den steigenden Produktionskosten wirkt sich auch die faktische Unmöglichkeit, die Rohstoffe wegen der Blockade der Straße von Hormus und der Unterbrechung der Transportverbindungen mit Ländern des Nahen Ostens zu beschaffen, auf die Preise aus.
Erwartete Ernteausfälle
Experten, die die New York Times zitiert, weisen darauf hin, dass „der Verlust von Düngemitteln die globale Landwirtschaft ernsthaft beeinträchtigen könnte, was zu höheren Lebensmittelpreisen führt“. Der Preis für Harnstoffe ist seit Beginn des Konflikts bereits um 35 Prozent gestiegen, wie Experten feststellen. Nikita Bredichin, leitender Investmentanalyst bei Go Invest, ist ebenfalls überzeugt, dass der Konflikt erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung mit Stickstoff- und Phosphordüngemitteln hat.
„Die Kosten für Erdgas machen bis zu 80 Prozent der Produktionskosten aus. Zusätzlich zum direkten Anstieg der Produktionskosten herrscht auch ein Mangel an Harnstoff. Fünf Länder am Persischen Golf (Iran, Katar, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain) decken zusammen etwa 34 Prozent des weltweiten Handels mit Harnstoffen ab“, sagte er gegenüber der Tass.
Die weltweit steigenden Ölpreise führen auch zu höheren Ethanolpreisen und zwingen brasilianische Fabriken, ihre Produktion von Zucker auf Ethanol umzustellen. Die Lieferengpässe wirken sich auch auf die Schwefelpreise aus. In China (dem größten Verbraucher) stieg der Preis in diesem Zeitraum um 15 Prozent und erreichte einen Rekordwert von 4.650 Yuan (672 US-Dollar), berichtet die Financial Times. Laut Analysten der CRU Group entfallen rund 45 Prozent der weltweiten Schwefelexporte auf die Länder des Persischen Golfs.
„Schwefel ist für die Herstellung von Phosphatdüngern unerlässlich“, erklärt Dmitri Tsarkow, Leiter der Handelsabteilung bei GBIG Holdings. Er geht davon aus, dass die Störung des Düngemittelmarktes einen drastischen Anstieg der Preise für Agrarchemikalien auslösen wird, was innerhalb einer einzigen Saison unweigerlich zu Lebensmittelinflation und Engpässen bei Grundnahrungsmitteln in importabhängigen Regionen führen wird.
„Flügel“-Metall bricht Rekorde
„Die Länder des Golf-Kooperationsrats sind für etwa neun Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion verantwortlich“, so Dmitri Tsarkow. Es überrascht daher nicht, dass die Preise für dieses Metall ein Vierjahreshoch erreicht haben. An der Londoner Metallbörse (LME) hat der Preis bereits die Marke von 3.500 US-Dollar pro Tonne überschritten.
Einer der größten Aluminiumproduzenten Bahrains, Aluminum Bahrain (Alba), hat für seine Verträge höhere Gewalt angemeldet, da das Unternehmen „aufgrund der Lage in der Straße von Hormus keine Verladung vornehmen kann“.
„Aluminium Bahrain produziert jährlich rund 1,6 Millionen Tonnen Metall. Derzeit lagert das Unternehmen es in seinen Lagern und sucht nach Exportmöglichkeiten sowie nach Routen für die Lieferung von Aluminiumoxid. Alternativ könnten Lieferungen über die Häfen Saudi-Arabiens und Omans erfolgen. Das würde jedoch den Transport von Aluminiumoxid und Aluminium per Lkw und Bahn erfordern und erhebliche Kosten verursachen, ganz zu schweigen vom Risiko von Bomben- und Raketenangriffen“, erklärte Leonid Chasanow, Industrieexperte und Autor des Telegram-Kanals Real Sector, gegenüber der Tass.

Laut Chasanow sind Qatar Aluminum und Emirates Global Aluminum, die mit Aluminium Bahrain konkurrieren und jährlich 0,6 Millionen beziehungsweise 2,7 Millionen Tonnen Aluminium produzieren können, in einer ähnlichen Lage. Qatar Aluminum hat den Betrieb und den Verkauf des Metalls eingestellt, während Emirates Global Aluminum zwar weiterhin arbeitet, aber bereits versucht, Aufträge mit Aluminium zu erfüllen, das im Ausland eingelagert ist.
„Der US-Markt hat rund ein Viertel seiner Aluminiumimporte verloren. Hochgerechnet auf ein Jahr sprechen wir von einer Million Tonnen, und es gibt keinen gleichwertigen Ersatz, denn die Beziehungen zu China sind schwierig und weder in Europa noch in den USA oder Kanada kann jemand diese Menge produzieren. Europäische Aluminiumverbraucher befinden sich in einer ähnlichen Lage, denn sie sind stark von Lieferungen aus dem Nahen Osten abhängig. Steigende Aluminiumpreise sind nun unausweichlich und alle Verbraucher, von Automobil- bis zu Flugzeugherstellern, werden die Folgen zu spüren bekommen“, bemerkt Leonid Chasanow.
Dmitri Tsarkow stimmt dem zu: „Ich gehe davon aus, dass die Unterbrechung der Lieferketten an den Börsen in London und Chicago zu einem starken Anstieg der Prämien für Metall führen wird, was sich unmittelbar auf die Produktionskosten in der Automobil-, Luft- und Raumfahrt- sowie Verpackungsindustrie weltweit auswirken wird.“
Laut Leonid Chasanow könnten Unternehmen mit Niederlassungen außerhalb des Konfliktgebiets die aktuelle Situation nutzen. So erhöhte beispielsweise das australisch-britische Unternehmen Rio Tinto im Zeitraum April bis Juni 2026 seinen Aufschlag auf Aluminium für japanische Abnehmer auf 350 US-Dollar pro Tonne, obwohl es ihnen zuvor Verträge mit einem Aufschlag von 250 US-Dollar pro Tonne angeboten hatte. „Die Konkurrenz wird wahrscheinlich nachziehen. Sogar Prognosen eines Preisanstiegs auf 4.000 US-Dollar pro Tonne sind daher keine Fantasie mehr“, so der Experte.
Der Konflikt im Nahen Osten wird sich unweigerlich auf den Goldmarkt auswirken, fährt Leonid Chasanow fort: „Aktuell beobachten wir einen Rückgang der Goldpreise, aber der wird nicht lange anhalten. In den kommenden Wochen könnten die Preise 5.400 bis 5.500 US-Dollar pro Feinunze erreichen.“
„Die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate heizt die Goldpreise an. In den letzten 25 Jahren haben sie sich zu einem der weltweit größten Goldhandelszentren entwickelt. Jährlich importieren sie rund 1.300 Tonnen des Edelmetalls und exportieren es hauptsächlich nach Indien, China, in die Türkei und in die EU. Der militärische Konflikt, der zu massenhaften Flugausfällen im Passagierverkehr geführt hat, hat die Goldlieferungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten unterbrochen – das Gold wird im Frachtraum transportiert, denn der Transport per Lkw gilt als riskant – und so einen weiteren Preisanstieg befeuert“, erklärt der Experte.
Gleichzeitig wird Gold in den Vereinigten Arabischen Emiraten selbst wegen der Verspätungen und Ausfälle von Passagierflügen mit deutlichen Preisnachlässen gehandelt. Zwar finden noch vereinzelt Flüge statt, doch die lokalen Händler riskieren es noch nicht, Gold nach Saudi-Arabien zu transportieren, da sie wissen, dass praktisch jedes Flugzeug zu einem Ziel werden könnte.
Ein Drittel des Heliummarktes ist blockiert
„Laut Daten von USGS hat die Welt im Jahr 2025 190 Millionen Kubikmeter Helium produziert. Die USA haben die Liste mit 81 Millionen Kubikmetern (42,6 Prozent der Weltproduktion) angeführt, gefolgt von Katar (33 Prozent beziehungsweise 63 Millionen Kubikmeter) und Russland (9,5 Prozent beziehungsweise 18 Millionen Kubikmeter)“, erklärte Nikita Bredichin.
Daher könnten die Stilllegung von Verflüssigungsanlagen und der Stopp der Heliumexporte ein Marktdefizit von 33 Prozent der weltweiten Produktion verursachen, das kurzfristig nur schwer durch Lieferungen aus anderen Ländern gedeckt werden könne, so Bredichin.
„Helium wird in Hightech-Industrien eingesetzt. Rund 30 Prozent fließen in die Medizin, in MRT-Geräte zur Kühlung supraleitender Magnete. 15 bis 20 Prozent werden für die Herstellung von Chips, Bildschirmen und Solarmodulen verwendet. Beim Wachstum von Siliziumkristallen sogt Helium für eine extrem saubere Umgebung und schnelle Wärmeableitung. Weitere zehn Prozent dienen der Schaffung einer idealen Atmosphäre beim Ziehen von Glasfaser. Lieferverzögerungen behindern direkt die Entwicklung von 5G-Netzen und Hochgeschwindigkeitsinternet“, so der Experte.
Dmitri Tsarkow ergänzt, dass ein Stopp der Heliumlieferungen aus Katar „asiatische und westliche Chiphersteller effektiv von essenziellen Edelgasen und Chemikalien abschneiden würde. Das könnte einen systemischen Mangel an Elektronik verursachen, vergleichbar mit der Krise während der Pandemie, jedoch mit deutlich höheren Kosten.“
Kollaps der Logistik
„Die Region ist die weltweit größte Luft- und Logistikbrücke. Die Schließung des Luftraums und der Hafenanlagen im Konfliktgebiet wird die Transitrouten zwischen Europa und Asien praktisch lahmlegen. Der drastische Rückgang der Flugkapazität und die Umleitung von Schiffen um das Kap der Guten Hoffnung werden die Frachtkosten in beispiellosem Ausmaß belasten“, so Dmitri Tsarkow.
Nikita Bredichin ergänzt, dass aufgrund des Konflikts „der Preis für Schiffstreibstoff um mehr als 35 Prozent gestiegen ist, was sich letztlich auf die weltweiten Logistikkosten auswirken wird.“
„In dieser Konstellation sehe ich eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Stagflation der Weltwirtschaft, in der institutionelle Anleger gezwungen sein werden, die Risikoprämien für alle Anlageklassen, nicht nur für den Rohstoffsektor, anzupassen“, bemerkt Dmitri Tsarkow.
Zurück ins Jahr 1973
Laut einem Bericht des Institute of International Finance (IIF) könnte die Inflation in den EU-Ländern um 1,5 bis 2,5 Prozentpunkte steigen, während ihr BIP um 0,5 bis 0,75 Prozentpunkte schrumpfen könnte. Analysten gehen davon aus, dass dies eintreten wird, wenn der Ölpreisanstieg von 20 bis 30 Prozent über einen längeren Zeitraum anhält.
Igor Isajew, Leiter des Thinktanks Mind Money, erklärte gegenüber der Tass, er glaube, dass der Preis für Brent-Rohöl die 150-Dollar-Marke überschreiten könnte, sollte die Straße von Hormus länger als drei Wochen vollständig blockiert sein. „In einem solchen Szenario würde der Benzinpreis in Europa 1.500 Dollar pro tausend Kubikmeter übersteigen.“ Der Experte schloss eine Wiederholung der Ölkrise von 1973 nicht aus, als das Embargo der Organisation der Arabischen Ölexportierenden Länder (OAEC), Ägyptens und Syriens im Westen zu einer Vervierfachung der Preise und einer tiefen Rezession geführt hat.
Wettstreit der Prognosen
Das Weiße Haus gibt sich derweil optimistisch. US-Präsident Donald Trump beschrieb die Lage folgendermaßen: „Der Markt hält sich gut. Ich hatte mit Einbußen gerechnet. Aber es ist wohl weniger passiert als erwartet. Und wir werden bald wieder auf Kurs sein. Die Preise sinken deutlich. Die Ölpreise werden fallen.“
Gleichzeitig erklärte der Präsident, er habe keine Pläne, die Militäroperation gegen den Iran zu beenden. Er sei zuversichtlich, dass der Iran sein militärisches Potenzial erheblich eingebüßt habe. „Hauptsache, wir gewinnen. Und zwar schnell“, sagte Trump.
Unterdessen versprach Khatam al-Anbiya, Sprecher des Zentralen Hauptquartiers der Streitkräfte der Islamischen Republik, im iranischen Fernsehsender Al Alam, der Ölpreis werde auf 200 Dollar pro Barrel steigen, sollten die USA und Israel ihre Angriffe fortsetzen. „Man kann den Ölmarkt nicht mit künstlichen Maßnahmen retten“, erklärte er.
Unverzichtbare Lektüre in diesen Tagen, um die Gesamtzusammenhänge greifen zu können: COMPACT-Spezial „Kriegsverbrechen“. Hier mehr erfahren.





