Das Sterben soll Zeit kaufen. Gestern Vormittag wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht über Wege aus dem Krieg diskutiert, sondern über dessen Nutzen. Der Ukrainekrieg erschien nicht als Katastrophe, die es zu beenden gilt, sondern als Phase strategischer Vorbereitung für Europa. Geopolitische Krisen kommen und gehen – historische Verbindungen bleiben. Unsere Druschba-Silbermedaille erinnert an Zeiten, in denen Dialog möglich war und Zusammenarbeit als Stärke galt. Freundschaft statt Feindschaft. Gibt es hier. 

    Im Internationalen Frühschoppen des Senders Phoenix diskutierten Christoph von Marschall (Der Tagesspiegel), Felix Lee (Süddeutsche Zeitung), die Politikwissenschaftlerin Christiane Lemke sowie Tonia Mastrobuoni (La Repubblica) über Europas sicherheitspolitische Lage und den Umgang mit den Vereinigten Staaten unter Donald Trump. Prägend war dabei die Wortmeldung des diplomatischen Korrespondenten und außenpolitischen Kommentators des Tagesspiegel, der seit Jahren das sicherheitspolitische Denken im deutschen Mainstream mitprägt.

    Kriegstreiberei ohne Widerspruch

    Christoph von Marschall rückte in der Runde den Ukrainekrieg bewusst aus dem Rahmen eines begrenzten Konflikts. Er ordnete ihn in eine größere sicherheitspolitische Rechnung ein, in der nicht das aktuelle Geschehen, sondern die Zeit danach den Ausschlag gibt. Entscheidend sei nicht die Lage in der Ukraine, sondern, was Europa aus diesem Krieg gewinne, besonders gegenüber Russland. In diesem Zusammenhang sagte er:

    „Es liegt in unserem Interesse, dass dieser Krieg noch etwas weitergeht, damit wir eine glaubwürdige Abschreckung aufbauen können, damit nach dem Ukrainekrieg nicht ein Litauenkrieg folgt.“

    Konkret verwies er auf die NATO-Ostflanke. Die baltischen Staaten, insbesondere Litauen, seien aus seiner Sicht potenzielle nächste Krisenräume. Dort sei auch die Bundeswehr stationiert. Abschreckung, so seine Argumentation, verliere ihre Wirkung, wenn sie nicht glaubwürdig unterlegt werde. Ein vorzeitiges Ende des Krieges ohne entsprechende militärische Vorbereitung könne neue Risiken schaffen.

    Auffällig blieb die Wortwahl. Er nannte die eigene Argumentation „brutal“, stellte sie jedoch als sicherheitspolitisch folgerichtig dar. Der Krieg wurde so nicht als politisches Scheitern beschrieben, sondern als Übergangsphase, in der Europa Zeit gewinnen müsse.

    Druschba (Дружба) heißt Freundschaft. Wenn es zwischen Deutschen und Russen gestimmt hat, war das nicht nur für unsere beiden Völker gut, sondern für den gesamten Kontinent.

    Die kriegsbefürwortenden Auffassungen von Marschalls blieben in der Runde ohne unmittelbaren Widerspruch. Keiner der weiteren Teilnehmer widersprach der Abschreckungslogik ausdrücklich. Die anschließenden Wortmeldungen verlagerten den Fokus nur auf angrenzende Fragen der politischen Tragfähigkeit und der strategischen Rahmenbedingungen.

    Diskutiert wurden dabei unter anderem die gesellschaftlichen Belastungen eines langen Krieges, die fortbestehende sicherheitspolitische Abhängigkeit Europas von den Vereinigten Staaten sowie die Frage, wie dauerhaft Unterstützung für die Ukraine innenpolitisch zu vermitteln sei.

    Abschreckung als Weltbild

    Christoph von Marschall, studierter Politikwissenschaftler und Historiker, war lange USA-Korrespondent des Tagesspiegel in Washington, bevor er nach Berlin zurückkehrte und dort als diplomatischer Korrespondent zu einer prägenden Stimme der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik wurde. Seine Texte und Auftritte sind klar auf Neocon-Linie.

    Zum Ukrainekrieg fand von Marschall bereits 2022 schicksalsschwangere Formulierungen: Der Konflikt sei, so schrieb er, sei eine „Schicksalsfrage für Europa“ Ein russischer Erfolg, warnte er, würde die europäische Sicherheitsordnung erschüttern und weitere Konflikte wahrscheinlicher machen.

    Panzer der ukrainischen Armee in Charkow. Foto: Seneline I Shutterstock.com.

    In einem späteren Beitrag warnte er davor, militärische Unterstützung aus innenpolitischen Gründen zu relativieren. Wer glaube, sich durch Zurückhaltung Sicherheit zu erkaufen, „verkenne die Realität“.

    Was bislang zumindest in der Sprache strategischer Verantwortung formuliert wurde, erschien gestern im Internationalen Frühschoppen in ungewöhnlicher Offenheit: So geht es beim Sterben nicht mehr um den Sieg der Ukrainer, sondern eine sicherheitspolitische Zeitgewinnung.

    In einer Gegenwart, die nur noch einfache Feindbildern kennt und auf Kriegstüchtigkeit setzt, lädt dieses Sammlerstück zu einem anderen Blick ein. Unsere Druschba-Silbermedaille verbindet historische Erinnerung mit realer Substanz. Das Silber steigt und steigt! Schlagen Sie zu. 

     

     

     

     

     

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