Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte: Im ersten Kriegswinter 1914 verbrüderten sich deutsche und britische Soldaten in den Schützengräben. Die Reaktion ihrer Offiziere war überraschend. Unser Stolz, unser Leid, unser Erbe: 10 der schönsten Geschichtsausgaben von COMPACT erhalten Sie in unserer Geschenkbox «1.000 Jahre Deutsches Reich» – und die edle Verpackung gibt es gratis dazu. Hier mehr erfahren.

    _ von Werner Bräuninger

    Westfront, Dezember 1914: Entgegen der Hoffnung der deutschen Soldaten auf «Weihnachten zu Hause!» war die Kriegslage ziemlich ernüchternd, denn man hatte kaum neue Geländegewinne zu verzeichnen und war zum nervenzermürbenden Stellungskampf übergegangen. Die Kälte, das Vegetieren in den feuchten Schützengräben, umgeben von Ratten und Fliegen, sowie die Sehnsucht nach ihren Lieben machten allen das Leben schwer.

    Deutsche, Engländer und Franzosen waren nach den hinter ihnen liegenden ersten großen Schlachten zudem stark erschöpft. Der Wunsch des neuen Papstes Benedikt XV., der zu einem Waffenstillstand an Weihnachten aufgerufen hatte, blieb eine Illusion.

    Um den Männern die herannahenden Feiertage etwas erträglicher zu gestatten, hatte die kaiserliche Oberste Heeresleitung zehntausende Sonderrationen und zusammenklappbare Christbäume an die Fronten versandt – etwas Heimatgefühl für die trostlosen Gräben. Die Briten erhielten eine «Princess Mary Box», benannt nach der Tochter König Georgs V., in einer Schachtel befanden sich Schokolade, Gebäck und Zigaretten. «May God protect you and bring you home safe», wünschte der König seinen Soldaten auf seinem ebenfalls beigefügten Porträt.

    Good friends at Christmas – der Alemanne gibt seinem englischen Kameraden Feuer. Foto: World History Archive

    Ein Lied bricht den Bann

    An Heiligabend 1914 und an den folgenden Tagen ereignete sich dann allerdings eine etwas andere Weihnachtsgeschichte. Überraschend nämlich kam es damals an einigen Abschnitten der Westfront, in Flandern vor allem, zu einem spontanen Weihnachtsfrieden zwischen Deutschen und Engländern, wovon etliche Zeitzeugenberichte, Feldpostbriefe und Fotografien künden.

    Ausgangspunkte waren offensichtlich die Frontabschnitte nahe der Stadt Ypern. Dort kauerten die gegnerischen Soldaten oft nur 50 Meter voneinander entfernt in ihren nasskalten Stellungen, so nahe also, dass sie Sprechkontakt miteinander aufnehmen konnten.

    Am Morgen des 24. Dezember riefen einige beherzte deutsche Landser ihren Gegnern zu, dass sie ihre Gefallenen bergen wollten und man daher nicht auf sie schießen solle. Als sie sich daraufhin unbewaffnet ins Niemandsland begaben, riefen sie fortwährend zu ihrer Sicherheit noch «Kameraden, nicht schießen, nicht schießen!» Die Engländer hielten sich daran.

    Nachdem die Deutschen in ihre Stellungen zurückgekehrt waren, stellten sie als Zeichen des Dankes und gut sichtbar Kerzen auf den Grabenrand und begannen das alte und wohl innigste deutsche Weihnachtslied «Stille Nacht, heilige Nacht» zu singen. Nach einiger Zeit stimmten die zunächst noch misstrauischen Tommys mit «Silent night, holy night» in den Gesang ein, gingen zögerlich auf die deutschen Linien zu und trafen schließlich in der Mitte des Niemandslandes mit ihren Feinden zusammen.

    Soldaten und Offiziere schüttelten sich – zunächst noch sehr verhalten – die Hände und wünschten sich ein frohes Fest. Nachdem das Eis zwischen den militärischen Todfeinden mehr und mehr gebrochen war, tauschte man vielerorts auch Geschenke wie Zigaretten, Gebäck oder Corned Beef aus. Solche Gaben hatten Soldaten aus der Heimat von ihren Familien und Freunden mit der Feldpost erhalten. Die Männer zeigten sich gegenseitig Fotos ihrer Ehefrauen und Freundinnen und gaben interessiert ihre Kommentare zu den Damen ab. Freudig tauschten sie ihre Mützen und Helme und unterhielten sich, soweit das aufgrund der Sprachbarriere möglich war. Selbst von gegenseitigem Haareschneiden und Rasieren ist die Rede.

    Ein echtes Freundschaftsspiel

    Irgendwo an der Front wurde von den deutschen Soldaten sogar ein Fass Bier ins Niemandsland gerollt; die Engländer revanchierten sich mit Christmas Puddings. An manchen Frontabschnitten trug man selbst Fußballspiele aus, wovon eines – Leipzig gegen Glasgow – 3:2 für die «Fritzen» ausging. Nahe des Dorfes Fromelles, westlich von Lille und etwa 30 Kilometer südlich von Ypern gelegen, feierte man einen gemeinsamen Gottesdienst, Regimentsgeistliche sprachen Psalme in beiden Sprachen. Auf einer Seite standen die Deutschen, gegenüber von ihnen die Briten, alle hatten die die Kopfbedeckungen abgenommen. Von einer Beteiligung der Franzosen ist übrigens kaum etwas bekannt.

    Weihnachtsfrieden 1914: Deutsche und Briten spielen zusammen Fußball. Foto: CC0, Wikimedia Commons

    Von einer Minute zur anderen schien der Krieg in einer längst vergangenen Ferne zu liegen, in einer irrealen Welt. Ein Sachse meinte plötzlich: «We are Saxons, you are Anglosaxons. Why should we shoot each other?» Eine durchaus berechtigte Frage, denn die Kriegsziele jener politisch verantwortlichen hysterischen Schlafwandler auf allen Seiten der beteiligten Nationen, die den Ersten Weltkrieg ohne jede Not mutwillig vom Zaun gebrochen hatten, lagen allenfalls in der Erfüllung von Verpflichtungen aus einem kaum noch zu entwirrenden Gestrüpp undurchsichtiger Beistandspakte. Wenn man einen Krieg überhaupt in die Kategorie eines Sinnes einordnen kann, so war der Erste Weltkrieg ganz sicher der sinnloseste der europäischen Geschichte.

    In der Chronik des 16. Bayerischen Reserve-Infanterieregiments heißt es: «Wie wundersam war doch das! Die Feinde – wir sahen sie nun von Angesicht zu Angesicht. Wir, die wir uns gegenüber lagen mit der todbringenden Waffe in der Hand, drückten uns die Hände, tauschten Geschenke, als wären wir Freunde, wären wir Brüder! Es war dies etwas Ergreifendes. In diesem Augenblick waren wir nicht mehr Deutsche oder Engländer – wir waren Menschen!»

    Filmplakat «Merry Christmas». Foto: Promo

    Ein diesem Regiment ebenfalls angehörender, introvertierter Gefreiter aus Österreich lag damals auch bei Ypern und echauffierte sich nach dem Zeugnis eines Kameraden über diesen Weihnachtsfrieden mit den Worten: «So etwas darf jetzt in der Kriegszeit nicht zur Debatte stehen.» Allerdings wäre dieser junge Soldat, Adolf Hitler mit Namen, auch gar nicht erst mit solchen Verbrüderungen in Berührung gekommen, da er seinen Dienst nicht im Schützengraben versah, sondern ausschließlich als Gefechtsmeldegänger vom Regimentsstab eingesetzt wurde.

    Mancherorts endeten die friedlichen Zusammenkünfte zwischen den Kriegsgegnern erst am zweiten Weihnachtsfeiertag. Am Ende des kurzzeitigen Tauwetters soll ein deutscher Hauptmann ein großes Tuch mit der Aufschrift «Thank you» in die Höhe gehalten haben, dann salutierte man und ging in die jeweiligen Gräben zurück. Kurz darauf begann der Irrsinn des grauenvollen gegenseitigen Mordens zweier europäischer Brudervölker erneut. Vielleicht erschoss man am nächsten Tage gerade jenen Mann, den man wenige Stunden zuvor noch im vertrauten Gespräch erlebt oder mit dem man die Heilige Messe begangen hatte.

    Bei den höheren militärischen Kommandoebenen beider Seiten traf all dies nur auf wenig Gegenliebe, zu disziplinarischen Nachspielen ist es aber wohl kaum gekommen. Einige Befehlshaber erließen allerdings scharfe verbale Maßregelungen gegen ihre Truppen. Etwa 100.000 Soldaten der Westfront sollen insgesamt an jenem Weihnachtsfrieden 1914 teilgenommen haben. Während das Ereignis in der englischen Presse groß herausgestellt und nicht selten mit ganzen Fotostrecken illustriert wurde, erwähnte man es im wilhelminischen Deutschen Reich nur verschiedentlich am Rande.

    Zweierlei Erinnerungen

    Frage: Ich habe das Gefühl, dass in Großbritannien diese Weihnachtsgeschichte ins kollektive Gedächtnis eingebrannt ist, in Deutschland ist sie dagegen kaum bekannt. Wie ist das möglich?

    Michael Jürgs: Die Engländer haben im Ersten Weltkrieg – den sie den Großen Krieg nennen – mehr Menschen verloren als im Zweiten Weltkrieg. Und dieser Weihnachtsfrieden war für die Engländer ein Triumph der Menschlichkeit. Die Zeitungen haben darüber berichtet, auf Seite eins gab es Fotos, während in Deutschland die Zensur sofort zuschlug und alles verbot. Also musste man Briefe finden, die ich dann gefunden habe, in denen Soldaten nach Hause berichtet haben.

    (Bestsellerautor Michael Jürgs 2014 im Interview mit dem NDR)

    Zu Weihnachten 1915 wurde eine solche Feuerpause gemäß eines Befehls des deutschen Generalstabschefs von Falkenhayn dann bereits präventiv verboten, auch unter Androhung des Kriegsgerichts. Ernst Jünger, damals blutjunger Stoßtruppführer an der Westfront und später Autor von In Stahlgewittern, notierte an Heiligabend jenes Jahres in seinem Kriegstagebuch: «Nachher versuchten die Engländer sich anzubiedern, indem sie vor dem Abschnitt des zweiten Zuges einen Christbaum mit Fähnchen auf die Brustwehr stellten. Unsere Leute fegten ihn mit etlichen Schüssen wieder herunter» – am Nachmittag zuvor war ein deutscher Soldat bei britischem Artilleriebeschuss gefallen.

    Niemals vergessen

    Neun Millionen Tote waren am Ende des Krieges insgesamt zu betrauern. Heute künden in Frankreich mehrere Denkmäler von dem Ereignis. Bei der Einweihung eines solchen Monuments hielt man, wie einst im Dezember 1914, einen Gottesdienst ab, dem ein Fußballmatch zwischen Soldaten des 1st Battalion The Royal Welsh und der Panzergrenadierbrigade Freistaat Sachsen folgte. Und wie damals rollten die Deutschen vor dem Spiel wieder ein Fass Bier auf das Spielfeld.

    «Feinde werden Freunde am Weihnachtstag» titelte der «Daily Mirror» am 8. Januar 1915. Foto: The Daily Mirror

    Mehrere Spielfilme haben das denkwürdige Geschehen thematisiert. Paul McCartney spielte 1983 in seinem einfühlsamen Musikvideo «Pipes of Peace» sowohl einen deutschen als auch einen englischen Offizier; zurück in ihren Gräben bemerken sie dann, dass sie versehentlich noch die Fotografie der Ehefrau des Anderen in ihren Jackentaschen hatten.

    Und heute? Wie würden all jene selbsternannten Feldherrntalente in den Blockparteien, die in ihrer aggressiven Kriegsrhetorik zu aktivem militärischen Eingreifen Deutschlands aufrufen, solche friedlichen Handlungen zwischen Russen und Ukrainern, kämen sie zu Weihnachten 2024 tatsächlich zustande, aufnehmen? Anders als die äußerst weise handelnden obersten Militärbehörden des Jahres 1914 würde eine solche, wenn auch nur symbolische Friedensregung ganz sicher die völlige Ablehnung dieser nicht selten auch als Rüstungslobbyisten agierenden Herrschaften herausfordern. Die Waffen nieder!

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