„Für den Frieden, gegen den NATO-Faschismus!“ Elsässers Rede auf der Montagsdemo in Erfurt

25

Ein großer Erfolg trotz massiver Störung: Gestern kamen zur Erfurter Montagsdemonstration 200 Bürger – in der Vorwoche waren es 60 gewesen. Sie hörten unter anderem die Reden von Klaus Blessing (ehem. stellvertretender Wirtschaftsminister der DDR) und COMPACT-Chefredakteur Jürgen Elsässer. Aber auch 50 Störer von der selbsternannten Antifa hatten sich in die Mahnwache hineingedrängt. Die Polizei blieb passiv, trotz bitten der Veranstalter zum Eingreifen. Die Friedensdemonstranten blieben besonnen und brachten die Mahnwache trotz der Krawallanten nach knapp zwei Stunden zu einem guten Ende.

Hier geht es zum Video-Mitschnitt.

Hier ist das Redemanuskript von Jürgen Elsässer (Live gab es kleinere Abweichungen, besonders am Anfang mit einem Grußwort an die Störer).

Rede Jürgen Elsässers in Erfurt, 26.5.2014

Einen schönen guten Tag, Ihr alle. Mein Name ist Jürgen Elsässer, und meine Zielgruppe bleibt – das Volk! „Wir sind das Volk“ riefen die Menschen im Herbst 1989 in Erfurt und in anderen Städten der DDR, um den Machtanspruch der SED zu brechen. „Mit „Wir sind ein Volk“ wurde die Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik durchgesetzt.

Wir beziehen uns auf das Volk, nicht weil wir völkisch sind, sondern weil wir demokratisch sind. Wenn sich die vielen Einzelmenschen nicht als Volk konstituieren, können sie gegen die allmächtigen Eliten keine Demokratie durchsetzen. Solange es kein Volk gab, im Mittelalter zum Beispiel, gab es nur den Pöbel, den Plebs, der nichts zu sagen hatte. Die Geburtsstunde des Volkes in Europa war im Jahre 1291, der Rütlischwur, als sich die vom Habsburger Adel unterdrückten Bauern in den Alpentälern unter Führung von Wilhelm Tell zur Eidgenossenschaft, zum Schweizer Volk zusammenschlossen. „Ein Volk von einig Brüdern wollen wir sein“, heißt es dazu bei Schiller. Auch heute soll uns Deutschen die Schweiz ein Vorbild sein: Ja zur Neutralität, ja zu selbstbestimmten Steuern, ja zu Volksentscheiden, Ja zur direkten Demokratie, ja zu einer weltweiten Friedenspolitik. Das müssen wir auch bei uns hier durchsetzen. Die Schweiz ist mein großes Vorbild, das ist wirkliche Volksherrschaft. In diesem Sinne möchte ich in Abwandlung von Karl Marx sagen: Eidgenossen aller Länder, vereinigt Euch.

Die Völker Europas sind derzeit rechtlos im Käfig der Europäischen Union gefangen. Wir werden zwar nicht mehr, wie im Mittelalter, von den Adelsdynastien geknechtet, wohl aber von Gelddynastien. Internationale Finanzoligarchen und ihre angeschlossenen Bankhäuser würgen ganze Volkswirtschaften mit ihrer Zinsschlinge. Die überhöhten Steuern, die wir hier in Deutschland bezahlen, bekommt doch nicht der Staat – das geht großteils für den Zinsdienst drauf, den der Staat für seine Schulden bei den Gläubigerbanken leisten muss. Und dagegen tun können wir nichts, weil die Europäische Union eine völlig undemokratische Veranstaltung ist. Gestern gab es Wahlen zum Europäischen Parlament – aber diese Quasselbude in Straßburg hat doch nichts zu sagen! Alle Macht liegt bei der Europäischen Kommission – und diese Kommissare können wir NICHT wählen. Nennen wir das Kind beim Namen: Die EU ist heute eine EUdSSR, und das Politbüro in Brüssel hält den halben Kontinent unter Kontrolle so wie bis 1989 das Politbüro in Moskau. Um diese Kommissarsherrschaft abzuschütteln, brauchte es 1989 eine friedliche Revolution in der DDR und anderen Staaten, und diese friedliche Revolution brauchen wir auch heute. Ja zu einem Europa freier Völker, ja zum Schweizer Modell, ja zur Demokratie – Wir sind das Volk!

***

Nun stehen wir in Europa am Abgrund eines großen Krieges, pünktlich zum 100. Jahrestag von 1914. Und wieder stehen wir einfachen Bürger machtlos vor einer undemokratischen Politikerkaste, die uns wie unsere Vorväter in ein sinnloses Blutvergießen mit Russland treiben wollen. Über unsere Köpfe hinweg hat die EU der Ukraine einen Assoziierungsvertrag aufgedrängt, der den Bruch der Ukraine mit dem Brudervolk Russlands zur Voraussetzung machte. Über unsere Köpfe hinweg haben Merkel und Steinmeier die Putschregierung in Kiew anerkannt, obwohl in dieser Regierung die faschistische Partei Swoboda mit vier Ministern sitzt, gegen die sich die NPD wie ein Kaninzüchterverein ausnimmt. Über unsere Köpfe und ohne Mitsprache des Bundestages hinweg hat Ministern von der Leyen, die Flinten-Uschi, deutsche Soldaten als Spione in das Bürgerkriegsgebiet Ostukraine geschickt. Über unsere Köpfe hinweg wurden Sanktionen gegen Russland beschlossen.

In dieser Situation sage ich ganz deutlich: Jeder anständige Deutsche hat die Pflicht, der Kriegshetze gegen Russland zu widerstehen und zu widersprechen. Die Einkesselung unseres Nachbarns im Osten liegt nicht in unserem und auch nicht im europäischen Interesse, sondern dient nur der angloamerikanischen Macht. Dass diese zur Bemäntelung ihrer Ziele die Verteidigung des Völkerrechts bemüht, ist ein durchsichtiger Trick, den man schon mit Hauptschulabschluss durchschauen kann. Wenn Washington und London von Menschenrechten sprechen, geht es in Wirklichkeit um Schürfrechte. Uncle Sam und John Bull wollen den Kriegshafen von Sewastopol, die Bodenschätze im Donbass und die Gasvorkommen in Sibirien.

Nachdem die Yankees die deutschen Handelsbeziehungen mit Irak und Libyen zerbombt und durch Sanktionen unsere Exporte in den Iran ausgetrocknet haben, soll nun ein ungleich wichtigerer Partner kaputt gemacht werden. 300.000 Arbeitsplätze hängen am Russland-Geschäft: Für VW ist das Riesenreich die derzeit wichtigste Wachstumsregion, Siemens baut den neuen Hochgeschwindigkeitszug Sapsan, für unseren Maschinenbau ist es der viertwichtigste Exportmarkt. Und vergessen wir nicht: Im Unterschied zu Bankrottstaaten wie den USA, die mit wertlosem Papiergeld bezahlen, werden unsere Ausfuhren nach Russland in letzter Instanz nicht mit Rubel, sondern mit stofflichen Reichtümern wie Öl- und Gas beglichen. Amis und Briten ist diese zahlungskräftige Nachfrage im Osten wurscht, weil sie außer Genmais, Drogen und Waffen ohnedies nichts zu exportieren haben. Aber uns als Industrieland kann es nicht gleichgültig sein, wenn ein weiterer guter Kunde zerschossen wird.

Eines haben wir aus der Geschichte gelernt: Russen und Deutsche dürfen sich nie mehr wieder in einen Krieg gegeneinander hetzen lassen! Wann immer Russen und Deutsche in Freundschaft verbunden waren, egal ob unter Bismarck oder unter Willy Brandt, war es gut nicht nur für unsere beiden Völker, sondern für den ganzen Kontinent! Deshalb geht mein Gruß an die Menschen in Charkow und Donetsk und in Slawjansk, die heute wieder auf dem Posten stehen, für ein selbstbestimmtes Leben und gegen die Aggression! Nemcev i Russki, druschba i mir! Gemeinsam für den Frieden!

Und ich freue mich, dass die Mehrheit der Deutschen das auch so sieht! Die Meinungsumfragen sind eine Blamage für die Meinungsmacher. Die überwiegende Mehrheit will keine NATO-Truppen an der Ostfront, will keine Sanktionen, will dass Deutschland sich raushält! Das zeigt: Das deutsche Volk hat dazugelernt! Das deutsche Volk ist viel besser als sein Ruf! Die amerikanisierten Medien und Politiker in Deutschland sind geil auf Krieg, unser Volk aber will den Frieden! Wir sind gegen die Kriegsmobilisierung der NATO! Wir sind gegen die Sanktionen! Wir wollen, dass Deutschland aus der Eskalationsspirale aussteigt! Wir sind gegen deutsche Stiefel an der NATO-Ostgrenze, Frau von der Leyen! Wir sind gegen deutsche Bomber in Polen!  Wir wollen kein Blutvergießen für amerikanische Rohstoffinteressen und auch keinen Blitzkrieg, über den sich Frau von der Leyen zur nächsten Kanzlerin profilieren kann. Kein Blut für Uschi!

Ich möchte schließen mit einem Appell, den unser großer deutscher Nationaldichter Bertolt Brecht während der Korea-Krise vor 60 Jahren verfasst hat, als das Schicksal der Welt schon einmal am seidenen Faden hing:

„Lasst uns das 1000 mal Gesagte immer wieder sagen
Damit es nicht ein mal zu wenig gesagt werde.

Lasst uns die Warnungen erneuern
Auch wenn sie schon wie Asche in unseren Mündern liegen.

Denn der Menschheit drohen Kriege
Gegen welche die vergangenen nur armselige Versuche sind.

Und sie werden kommen, ohne jeden Zweifel,
Wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
Nicht die Hände zerschlagen werden!“

In diesem Sinne: Mutig voran! Für den Frieden, für die Freiheit! Wir sind das Volk!

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel