Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Lebensadern der Weltwirtschaft. Seit ihrer Schließung durch den Iran am 4. März rollt der größte Versorgungsschock seit den 1970ern über den Globus. Was jetzt auf uns zukommt, lesen Sie in unserer April-Ausgabe mit dem Titelthema „Gefahr für Deutschland“. Wir legen die Karten auf den Tisch. Hier mehr erfahren.
Nairobi, Kenia, Ende März 2026: An Shell-Stationen im Stadtteil Lavington, berichtete das Kenya Forum, werden Kunden auf maximal 3.000 Schilling pro Tankfüllung begrenzt. Achtzehn Euro. Motorradkuriere streiten mit Tankwarten, die selektiv verkaufen, bevorzugt an jene, die bereit sind, über dem regulierten Preis zu zahlen. Es soll bereits Todesfälle gegeben haben. Hinter den wenigen Zapfsäulen, die noch Kraftstoff ausgeben, winden sich die Schlangen um den Block. Ähnliche Bilder kommen aus Dhaka, Colombo, Manila und Kairo.
Iran-Krieg als Auslöser
Der Grund ist bekannt: Am 28. Februar griffen die USA und Israel den Iran an. Operation Epic Fury zielte auf Militäranlagen, Nuklearstandorte und die Führungsstruktur des Regimes. Teherans Reaktion folgte innerhalb von Tagen. Seit dem 4. März erklären iranische Streitkräfte die Straße von Hormus für geschlossen und greifen Schiffe an, die dennoch zu passieren wagen.

Was folgte, ist kein Krieg der Schlachtschiffe, sondern der Versicherungspolicen. Einige gezielte Drohnenangriffe genügten, damit Versicherer und Reedereien entschieden, die enge S-Kurve des Wasserwegs zu meiden. Vor dem Krieg lagen die Kriegsrisikoprämien für eine Durchfahrt bei 0,15 bis 0,25 Prozent des Schiffswertes. Nun verlangen Versicherungsunternehmen bis zu zehn Prozent, was bei einem Supertanker mehrere Millionen Euro pro Fahrt bedeutet.
In einem Fall überstieg die Versicherungsprämie eines beladenen Tankers mit 7,5 Millionen Dollar sogar die Frachtgebühr von 6,5 Millionen Dollar. Der Markt hatte gesprochen, bevor die ersten Kanister leer waren.
Deglobalisierung in Echtzeit
Der Tankerverkehr brach um mehr als 90 Prozent ein, die Ölexporte der Golfstaaten fielen um rund 60 Prozent, meldete The Hilltop. Brent-Rohöl kletterte in der Spitze auf 126 Dollar pro Barrel. Die Meerenge, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls fließt, ist zur teuersten Engstelle der Menschheitsgeschichte geworden.
In Bangladesch, einem Land von 170 Millionen Menschen, das für 95 Prozent seiner Energieversorgung auf Importe angewiesen ist, handelte die Regierung ohne Zögern. Das Militär übernahm die Öldepots. Universitäten schlossen landesweit ihre Tore.
Vier von fünf staatlichen Düngemittelfabriken stehen still, weil das verfügbare Gas für die Stromversorgung gebraucht wird. Ein Land, das Kleidung für die halbe Welt näht, kann seine eigenen Generatoren nicht mehr versorgen. Im Norden titelte The Daily Star Dhaka: „Versorgungsengpass verschärft sich an Zapfsäulen.“ In Noakhali warten Kunden zwei bis drei Stunden und erhalten am Ende weniger als zwei Liter. Die Regierung fürchtet Straßenproteste, analysiert der Council on Foreign Relations, denn Bangladesch hat eine lange Geschichte von Unruhen über Treibstoffpreise.
Sri Lanka kennt diesen Albtraum aus eigener Erfahrung. 2022 kollabierte die Wirtschaft des Inselstaates, die Menschen standen tagelang an Zapfsäulen, der Strom fiel stundenweise aus und der Präsident floh aus dem Land. Jetzt ist es wieder so weit. Der Tamil Guardian schreibt:
„Sri Lanka belebt Krisenzeit-Treibstoffrationierung wieder, Tourismus bricht ein, Panikkäufe setzen ein.“
Die Regierung reaktivierte das QR-basierte Rationierungssystem aus der Krisenzeit: Motorräder erhalten acht Liter pro Woche, Dreiradtaxis 20 Liter und Pkw 25 Liter, berichtete Al Jazeera aus Colombo. Das Land verfügt noch über geschätzte sechs Wochen Kraftstoffreserven. Dreiradfahrer, die den Nahverkehr der Städte am Leben erhalten, warnen, dass ihre Wochenration nicht zum Leben reicht, und haben Proteste angedroht.
In Kenia gibt die Regierung vorerst Entwarnung. Das Bild auf der Straße aber ist ein ganz anderes. The Star Nairobi titelt: „Ölvermarkter beschuldigt, Kraftstoff zu rationieren und die Krise voranzutreiben.“ Das Land verbraucht täglich rund 100.000 Barrel und ist vollständig auf Importe durch den Hafen von Mombasa angewiesen. Der Hafen empfängt zwar noch Schiffe. Aber: keine Tanker. Rund 90 Schiffe sollen in den kommenden zwei Wochen in Mombasa einlaufen, keines davon mit Treibstoffladung, berichtete The East African. Das Blatt titelte:
„Die Zapfsäulen der Region versiegen inmitten des Iran-Konflikts, während Regierungen nach Optionen suchen.“
Rund 20 Prozent der 3.100 Tankstellen Kenias sollen bereits keine Vorräte mehr haben.
Myanmar hat den Straßenverkehr per Dekret halbiert. Privatautos dürfen nur noch an alternierenden Tagen fahren, gerade Kennzeichen an geraden Daten und ungerade an ungeraden. Thailand hat eine Dieselpreisobergrenze eingeführt. In der ersten Märzwoche brachen die Touristenzahlen um neun Prozent ein, während Hotels in wichtigen Reisezielen Auslastungsquoten von teils zehn Prozent meldeten. Die Philippinen haben einen nationalen Energienotstand ausgerufen.
Pakistan hat Schulen geschlossen. Südkorea hat erstmals seit 30 Jahren eine Kraftstoffpreisobergrenze verhängt. Ägypten schaltet um 21 Uhr die Lichter aus. Slowenien (50 Liter Obergrenze, unbefristet), Vietnam (Preisstabilisierungsfonds, Homeoffice-Anweisung), Indien (LPG-Flaschen schrittweise abschaffen), China (Exportverbot für Diesel, Benzin und Flugkraftstoff) sind weitere Beispiele.
Europa: Schlafwandeln in die Rationierung
Europas Gasspeicher standen zu Beginn der Krise bei lediglich 30 Prozent Füllstand nach einem harten Winter, wie Wikipedia zur Hormus-Krise 2026 dokumentiert. Die EU schätzt, dass Gaspreise um 70 Prozent und Ölpreise um 50 Prozent gestiegen sind, was allein bei Rohstoffimporten einer Zusatzbelastung von 13 Milliarden Euro entspricht. LNG-Lieferungen, die ursprünglich für Europa bestimmt waren, werden nach Asien umgeleitet, wo Käufer höhere Preise zahlen können, so Euronews weiter.
Deutschland erlebt BASF-Preisaufschläge von 30 Prozent. Spanien schnürt ein Fünf-Milliarden-Notfallpaket. Großbritannien erwägt Notstandsbefugnisse für Tankstellen, bei einem Land, das 80 Prozent seiner Güter auf der Straße transportiert.
Die EU empfiehlt derweil, freiwillig auf Reisen zu verzichten. Der Shell-Chef warnte bereits, dass Europa ab April mit Rationierungen konfrontiert sein könnte. Die G7 trafen sich in Paris und bekräftigten ihre Bereitschaft zu „allen notwendigen Maßnahmen“, doch aus der Energiebranche kommt eine nüchternere Botschaft: Die Welt hat die tatsächliche Schwere der Lage noch immer nicht begriffen.
Moskaus stille Dividende
Während Bangladesch rationiert und Sri Lanka seine Reserven zählt, sitzt in Moskau ein Mann, der sich die Hände reibt. EU-Ratspräsident Antonio Costa nannte Russland öffentlich den „einzigen Gewinner“ der Krise. Das Urteil ist präzise. Der Preis des russischen Urals-Öls kletterte von unter 60 Dollar vor dem Krieg auf rund 90 Dollar pro Barrel. Russlands zusätzliche Haushaltseinnahmen 2026 stiegen auf bis zu 151 Milliarden Dollar.

Trump lockerte gleichzeitig die Sanktionen auf russisches Öl, damit Indien und andere Länder die Lücke füllen konnten. Moskau hofft auf mehr als Zusatzeinnahmen, schreibt das Carnegie Endowment: Es will eine Abhängigkeit schaffen, die Europa langfristig zu einer Entspannung gegenüber Russland zwingt. Der Krieg gegen den Iran könnte Putin das geliefert haben, was der Krieg gegen die Ukraine nicht vermochte.
Das edelste Gas bleibt am Golf
Öl dominiert die Schlagzeilen. Doch durch die Straße von Hormus fließt noch etwas, über das kaum jemand spricht: Helium. Katar produzierte 2025 rund 63 Millionen Kubikmeter Helium, ein Drittel der weltweiten Jahresproduktion, dokumentierte Al Jazeera. Seit die Meerenge geschlossen ist, kommt davon nichts mehr heraus.
Ohne Helium keine funktionierenden MRT-Geräte in Krankenhäusern, keine Präzisionsfertigung von Halbleitern und keine KI-Chips. In der Chipproduktion wird Helium beim Ätzprozess eingesetzt, der bei modernen KI-Prozessoren hundertfach pro Wafer durchgeführt wird. Selbst wenn die Meerenge morgen wieder öffnet, würde es bis August dauern, bis die Produktion wieder hochgefahren ist.
2027: Jahr der ausbleibenden Ernte?
Die unsichtbarste Folge der Krise wächst gerade still auf den Feldern der Nordhalbkugel. Bis zu 30 Prozent der weltweit gehandelten Düngemittel passieren normalerweise die Straße von Hormus. Der Persische Golf produziert die Hälfte des weltweiten Harnstoffs und fast ein Drittel des Ammoniaks, beides unverzichtbare Grundstoffe für Kunstdünger.
Die Ureapreise sind seit Kriegsbeginn um 50 Prozent gestiegen. Was jetzt nicht auf die Felder gelangt, lässt sich im Herbst nicht nachholen. Anders als beim Öl gibt es für Düngemittel weltweit keine koordinierten strategischen Reserven.

Der Preisschock und die Düngemittelknappheit während der Frühjahrsaussaat könnten die Maisernte in den USA reduzieren und die globalen Nahrungsmittelpreise bis weit in das Jahr 2027 erhöhen, warnte die Krisenanalyse der Wikipedia. Der Motorradkurier in Nairobi kämpft heute um 18 Euro Kraftstoff. Was er morgen für Brot bezahlt, bestimmt die Meerenge schon heute.
Selbst wenn die Feindseligkeiten schnell enden würden, könnten die wirtschaftlichen Folgen noch über Jahre spürbar bleiben.
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