Wir schreiben das Jahr 1974: Endlich richtet Deutschland seine erste Fußball-Weltmeisterschaft aus. Das Turnier ist geprägt von den Revoluzzer-Frisuren der Spieler und dem revolutionären Fußball der Holländer. Am Ende steht ein Triumph, der vor allem einem Mann zu verdanken ist. Ein Beitrag aus unserem sporthistorischen Werk «Nationalsport Fußball». Von den Anfängen im Kaiserreich bis zum Sommermärchen. Immer noch als E-Paper hier erhältlich.
_ von Sven Reuth
Es war nicht zuletzt dem zähen Engagement des damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger zu verdanken, dass das FIFA-Exekutivkomitee im Juli 1966 der Bundesrepublik den Zuschlag für die WM 1974 erteilte. Der Saarländer dachte in großen Dimensionen: Deutschland als eines der Stammländer des Fußballsports sollte mit erstklassiger Infrastruktur und modernen Stadien für sich werben. «Wir müssen endlich für den Kunden planen», so Neuberger.
Das Ruhrgebiet hatte zugunsten Münchens auf eine Bewerbung für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1972 verzichtet und sollte deshalb belohnt werden: In Gelsenkirchen errichtete man das Parkstadion, eine für damalige Verhältnisse moderne Betonschüssel mit einem Fassungsvermögen von 70.000 Zuschauern. Wirklich Wegweisendes geschah allerdings in Dortmund. Hier avancierte das erst gut zwei Monate vor der WM eröffnete Westfalenstadion mit seinen vier Einzeltribünen, die das Spielfeld unmittelbar umgaben, zu einem gefeierten Modellbau. Bis heute gilt das inzwischen Signal Iduna Park genannte Stadion, das trotz Umbau und Erweiterung in seinen Grundzügen erhalten geblieben ist, als einer der stimmungsvollsten Fußballtempel der Welt – ein bleibendes Vermächtnis der WM 1974!
Deutsches Bruderduell
Doch nicht nur beim Stadionbau gab es Sensationen: Als der Schöneberger Sängerknabe Detlef Lange am 5. Januar 1974 im Frankfurter Sendesaal des Hessischen Rundfunks die Auswahl der DDR zu den Mannschaften der Bundesrepublik, Chiles und Australiens in die Vorrundengruppe 1 loste, war die Spannung förmlich mit Händen zu greifen.
Einerseits war das deutsch-deutsche Bruderduell aus politischen Gründen besonders brisant, andererseits befand sich der Fußball im Arbeiter- und Bauernstaat damals auch sportlich in einem großen Aufschwung. Dieser hatte zwei Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft im Sieg des 1. FC Magdeburg beim Endspiel des Europapokals der Pokalsieger in Rotterdam gegen den AC Mailand gegipfelt.
Es lagen allerdings auch Schatten über der ersten WM in Deutschland. Die Olympiade in München zwei Jahre zuvor hatte als rauschendes Sportfest begonnen – bis palästinensische Terroristen mehrere israelische Athleten ermordeten und damit natürlich auch die überbordende Stimmung dieses Sportereignisses beendeten. Die WM fand deshalb unter teilweise drakonischen Sicherheitsvorkehrungen statt.
Die Nacht von Malente
Sportlich lieferte die bundesdeutsche Mannschaft in der Vorrunde eine schwache Leistung ab, die anfangs gewaltig auf die Stimmung im Land drückte. Es gab zwar Arbeitssiege gegen Chile (1:0) und gegen die erstmals für eine WM qualifizierten Australier (3:0). Dann aber kam jener denkwürdige 22. Juni 1974, als im Hamburger Volksparkstadion das einzige Länderspiel zwischen der Bundesrepublik und der DDR ausgetragen wurde, das es je geben sollte.

Die Schützlinge von Bundestrainer Helmut Schön standen an diesem Abend entweder tatsächlich neben sich oder boten eine absichtlich schwache Leistung, um nicht Gruppensieger zu werden. Nur so konnte in der neu eingeführten Zwischenrunde nämlich die Killergruppe mit den Niederlanden, Argentinien und Brasilien vermieden werden. In der 77. Minute tanzte Magdeburg-Star Jürgen Sparwasser jedenfalls «Eisenfuß» Horst-Dieter Höttges vom SV Werder Bremen aus und verlud auch noch Torwartidol Sepp Maier mit einem Schuss für die Ewigkeit, der der DDR-Auswahl den historischen 1:0-Sieg bescherte.
«So nicht, Herr Schön», donnerte die Bild am Sonntag am Tag darauf. Doch auf die Niederlage im Prestige-Duell folgte die sogenannte Nacht von Malente. In ihr stauchte Kapitän Franz Beckenbauer seine Mannschaftskameraden in ihrem Quartier in der Holsteinischen Schweiz bei Bier, Whisky und Zigaretten gründlich zusammen und befahl ihnen regelrecht, sich fortan zusammenzureißen. Vor allem aber stellte der Bayern-Star gemeinsam mit Trainer Helmut Schön die Mannschaft an entscheidenden Stellen um. Bernd Hölzenbein von Eintracht Frankfurt und Rainer Bonhof von Borussia Mönchengladbach rutschten in die Stammelf und mauserten sich zu entscheidenden Leistungsträgern.
Totaler Fußball aus Holland

Die Schlagzeilen wurden allerdings bis zum Finale von den Oranjes, also der niederländischen Nationalmannschaft, bestimmt. Ihr war unter Trainer Rinus Michels eine Art Neuerfindung des Spiels gelungen, die als Totaal Voetbal in die Geschichtsbücher einging. In diesem System sollte jeder Spieler jede Position einnehmen können, um so eine Mannschaft zu schaffen, die kollektiv stürmt und verteidigt.
Die anspruchsvolle Spielphilosophie erforderte großes individuelles Können und taktisches Geschick.
Die Niederlande verfügten Anfang der 1970er Jahre mit Johan Cruyff, Arie Haan und Johan Neeskens nicht nur über eine Reihe von Ausnahmetalenten, sondern mit Ajax Amsterdam auch über einen Weltklasseverein, der das neue System konsequent praktizierte und damit mehrere Europapokalerfolge einfuhr.
Personifiziert wurde der neue revolutionäre Fußball von «König» Cruyff, einem brillanten Techniker und Strategen, der von seinem Spielverständnis her so überragend war, dass Rinus Michels ihn selbst in den Halbzeitpausen seine geliebten Camel ohne Filter rauchen ließ. Der geniale Holländer exportierte den «totalen Fußball» dann noch – erst als Spieler, später als Trainer – nach Katalonien zum FC Barcelona, wo sein Stil bis heute unter dem Begriff Tiki-Taka große Erfolge feiert.
Neben den Oranjes konnten auch die Schweden mit ihren Bundesliga-Legionären glänzen – am stärksten ragte Torwart Ronnie Hellström heraus, der im Mai 1974 zum 1. FC Kaiserslautern gewechselt war und beim pfälzischen Verein dann für eine ganze Dekade das Tor hütete. Unvergessen blieb auch der polnische Außenstürmer Grzegorz Lato, der sich mit sieben Toren sogar noch vor Gerd Müller und Johan Neeskens die Torjägerkanone sicherte und am Ende mit seiner Mannschaft den dritten Platz belegte.
Die Medien hoben jedoch die Niederländer in den Himmel – und übersahen dabei größtenteils, wie stabil die bundesdeutsche Elf nach dem reinigenden Gewitter von Malente schon in der Zwischenrunde auftrat. In zwei Spielen im Düsseldorfer Rheinstadion hatte sie zuerst Jugoslawien mit 2:0 und danach Schweden mit 4:2 besiegt und konnte sich schließlich auch gegen Polen in der Entscheidung um den Gruppensieg im Frankfurter Waldstadion mit 1:0 durchsetzen. Beckenbauer & Co. standen nun in einem Endspiel, vor dem sie fast ebenso sehr als Außenseiter galten wie die 1954er-Helden vor dem Finale von Bern. Wer sollte die Niederländer stoppen? Sie hatten das Endspiel mit einer Traumbilanz von 14:1 Toren in sechs Spielen erreicht und waren dabei nicht gegen Exoten, sondern gegen Top-Mannschaften wie Brasilien oder Argentinien angetreten.
Der Bomber der Nation

Als das Endspiel am 7. Juli 1974 im Münchner Olympiastadion angepfiffen wird, lassen die Holländer den Ball traumhaft sicher über 16 Stationen kreisen, bis Johan Cruyff von Uli Hoeneß im Strafraum gefoult wird. Johan Neeskens knallt den Ball zum 1:0 ins Tor. Nun scheint die erwartete Party in orange abzulaufen. Die Spieler um Cruyff begehen jetzt aber den Fehler, im Endspiel nicht nur siegen, sondern auch wieder ihr spielerisches Feuerwerk abbrennen zu wollen. Als Paul Breitner – ebenfalls per Foulelfmeter – in der 26. Minute auf 1:1 stellt, beginnt die Partie stimmungsmäßig zu kippen. Die Entscheidung bringt wie so oft der Killerinstinkt des unvergleichlichen Gerd Müller in der 44. Spielminute.
«Kleines dickes Müller» – so der Kosename, den ihm sein ebenfalls korpulenter ex-Trainer «Tschik» Cajkovski gegeben hatte, schießt eines seiner typischen Tore. Fernsehreporter Rudi Michel schafft es gerade noch, die Worte «Müller» und «Tor» herauszubringen, da zappelt der Ball schon im Netz. Der «Bomber der Nation» hatte einen seiner unvergleichlichen Drehschüsse angesetzt und dem Oranje-Keeper Jan Jongbloed nicht den Hauch einer Chance gelassen. Die Niederländer sind dann in der zweiten Halbzeit zwar gegen das Tor von Sepp Maier angerannt, ohne jedoch zwingend zu agieren.
Eine goldene Generation
Es ist falsch, das Finale – wie es so oft getan wurde – zu einem reinen Triumph der deutschen Kampfkraft über die niederländische Spielstärke zu reduzieren. Tatsächlich hatte auch unser Fußball damals eine goldene Generation vorzuweisen – und «Kaiser» Franz Beckenbauer galt noch für Jahrzehnte als Personifikation fußballerischer Eleganz. Das Finale von München aber gehörte dem Jahrhunderttalent Gerd Müller, der nach diesem Spiel seine Nationalmannschaftskarriere beendete.

Bei nur zwei WM-Teilnahmen im Jahr 1970 in Mexiko und im Jahr 1974 in Deutschland erzielte er 14 Tore – Miroslav Klose benötigte vier Turniere, um ihn als bester deutscher WM-Schütze zu überflügeln. Nicht auszudenken, welche Rekorde der gebürtige Nördlinger noch aufgestellt hätte, wenn er nicht schon im Alter von 28 Jahren seine Karriere in der Nationalmannschaft beendet hätte. Der Triumph von München wurde so auch zur persönlichen Krönung eines der außergewöhnlichsten Mittelstürmer, die es im 20. Jahrhundert gab.
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