Die Neue Seidenstraße: China auf dem Weg zur Großmacht

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Die Verschmelzung der Ressourcen des eurasischen Kontinents ist das strategische Schlüsselprojekt der Chinesen zur Brechung der US-Vorherrschaft. Auch Deutschland kann sich der Anziehungskraft der neuen Wirtschaftsachse nicht entziehen. Ein Auszug aus COMPACT-Spezial «USA gegen China»

_ von Bernhard Tomaschitz

Vier Jahre, nachdem Chinas Präsident Xi Jinping im September 2013 bei einer Rede an der Nasarbajew-Universität in der kasachischen Hauptstadt Astana den Aufbau eines sogenannten Seidenstraßen-Wirtschaftsgürtels angekündigt hatte, macht die Verwirklichung dieses Projekts beständig neue Fortschritte. «Die Türkei eröffnet eine neue Bahnverbindung für die Neue Seidenstraße», schrieb am 31. Oktober 2017 die britische Times. Tags zuvor war eine von Baku in Aserbaidschan über die georgische Hauptstadt Tiflis ins türkische Kars verlaufende, rund 826 Kilometer lange Eisenbahnstrecke in Betrieb genommen worden. Laut Times wird die neue Bahnverbindung nicht nur die Transportzeit von Gütern aus China in die Türkei von 30 auf 15 Tage halbieren, sondern stellt auch einen «wichtigen Teil von Chinas Infrastruktur-Initiative zur Modernisierung der eurasischen Transportrouten und damit zur Umgestaltung des Welthandels dar». Schon seit November 2011 gibt es eine durchgehende Schienenverbindung zwischen Leipzig und Shenyang. Über die 11.000 Kilometer lange Strecke liefert BMW Einzelteile seines Modells X-1 an die chinesischen Fließbänder. Obwohl die Containerwagen zwei Mal per Kran auf andere Schienenbreiten umgesetzt werden müssen, braucht der Zug zehn bis 14 Tage weniger als das Schiff.

Herausforderung für Washington

Bei «One Belt One Road» (Ein Gürtel, eine Straße), wie das chinesische Projekt der Neuen Seidenstraße offiziell heißt, geht es um den Ausbau von Straßen- und Schienennetzen vom Westen Chinas über zwei Stränge – der eine über Russland, der andere über Zentralasien und die Türkei – nach Europa. Ergänzt wird das ehrgeizige Projekt durch eine «maritime Seidenstraße», bei der es um den Ausbau von Häfen am Südchinesischen Meer, am Indischen Ozean sowie am Arabischen und Roten Meer geht.

Schanghai Volkswagen ist ein Joint Venture mit der Shanghai Automotive Industry. Während Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren als VW verkauft werden, kommen Elektroautos künftig unter der eigenständigen Bezeichnung Tantos auf den Markt. | Foto: picture alliance / dpa

Aber das Ganze ist weit mehr als ein rein wirtschaftliches Projekt. Es ist vor allem ein geopolitisches Vorhaben, welches darauf abzielt, durch die wirtschaftliche Integration Eurasiens die weltweite Vormachtstellung der USA zu beenden. Und in den Vereinigten Staaten zeigt man sich zunehmend alarmiert. Am 23. Oktober bezeichnete das Time-Magazin Chinas Neue Seidenstraße als «Herausforderung für Washington». Denn erstmals, «seitdem im 13. Jahrhundert die Horden von Dschingis Khan nach Westen galoppierten, gehen solche beeindruckenden transnationalen Ambitionen von China aus, nur, dass heute die Invasoren vorhaben, statt Asche und sonnengebleichter Knochen Häfen, Pipelines und Hochgeschwindigkeitszüge zurückzulassen».

70 Staaten haben sich an der Seidenstraße beteiligt.

An der Neuen Seidenstraße, deren Kosten auf 1,1 Billionen Dollar geschätzt werden, sind 65 Staaten beteiligt, in denen etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung leben und drei Viertel der weltweiten Energierohstoffe liegen. Finanziert werden viele Vorhaben über die von Peking initiierte Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB), die 2014 als Konkurrenz zu den von den Vereinigten Staaten beherrschten Finanzinstitutionen Weltbank und Internationaler Währungsfonds gegründet worden war – und der auch europäische Staaten wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien angehören.

Kissingers Mahnung

Der Time-Artikel spricht vor allem aber die für die USA ungünstige geographische Lage an, die der frühere Außenminister Henry Kissinger 1994 folgendermaßen beschrieb: «Geopolitisch betrachtet, ist Amerika eine Insel weitab der riesigen Landmasse Eurasiens, dessen Ressourcen und Bevölkerung die der Vereinigten Staaten bei Weitem übertreffen. Und nach wie vor ist die Beherrschung einer der beiden Hauptsphären Eurasiens – Europas also und Asiens – durch eine einzige Macht eine gute Definition für eine strategische Gefahr, der sich die Vereinigten Staaten einmal gegenübersehen könnten, gleichviel, ob unter den Bedingungen des Kalten Krieges oder nicht. Denn ein solcher Zusammenschluss wäre imstande, die USA wirtschaftlich und letztendlich auch militärisch zu überflügeln, eine Gefahr, der es selbst dann entgegenzutreten gälte, wenn die dominante Macht offenkundig freundlich gesinnt wäre.» Welche Herausforderung das Reich der Mitte für westliche Hegemonialmächte darstellt, erkannte der britische Militärgeograph Halford Mackinder bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. 1904 schrieb der «Vater der Geopolitik», die Chinesen könnten, wenn sie ihre Macht über ihre Grenzen hinaus ausdehnten, «zur gelben Gefahr für die Freiheit der Welt werden, weil sie eine ozeanische Vorderfront den Ressourcen eines großen Kontinents hinzufügen könnten».

Spezial16 USA gegen China

Die bisher vielleicht weitblickendste Analyse von COMPACT zeigt: Das Teile-und-Herrsche-Spiel wird in diesem Jahrhundert auf die Spitze getrieben werden.

Washington fürchtet nun, in Mackinders Albtraum aufzuwachen. Dies könnte dann geschehen, wenn China nicht nur verstärkt mit Russland und den zentralasiatischen Republiken zusammenarbeitet – was derzeit wirtschafts- und sicherheitspolitisch im Rahmen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (siehe Seite 79) schon der Fall ist –, sondern wenn es Peking auch gelingt, die Europäer aus der Umklammerung der USA zu lösen. Und die Chancen dafür sind durchaus gegeben, wie Parag Khanna, ein ehemaliger Berater des National Intelligence Council, einer Art Denkfabrik der US-Geheimdienste, im März 2017 in der Zeitung China Daily schrieb: «Lange wurde als gegeben angenommen, dass die transatlantische Handelspartnerschaft zwischen den USA und der EU das größte Wirtschaftsgebiet der Welt und neben der NATO ein grundlegender Aspekt des westlichen Bündnisses ist. Nun aber konkurriert diese Kultur jenseits des Atlantiks mit den Vernetzungsmöglichkeiten quer durch Eurasien.»

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Khanna resümiert: «Im geopolitischen Diskurs wird oft behauptet, dass Sicherheit das wichtigste öffentliche Gut der Welt ist und dass Amerikas Bündnissystem der führende Anbieter dafür war. Heute allerdings glauben dutzende Länder in Eurasien, dass Infrastruktur das wichtigste öffentliche Gut ist – und China der führende Anbieter.»

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8 Kommentare

  1. Gunther Becker am

    Man kann diesen Weg der Chinesen nur begrüßen vielleicht wachen dann die Europäischen Kolonien (NATO Staaten) der Amerikaner endlich auf und begreifen das sie sich aus dieser Umklammerung befreien müssen bevor es zu spät ist.
    Eine gemeinsame Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft mit einem riesigen Potential und dem Ziel im Frieden Handel zu treiben kann dem Aggressiven Expansionskurs der Amerikanischen Diktatur Paroli bieten.
    Dazu gehört natürlich ein rigoroser Abkehr von der Kriegspolitik der Amerikaner sowie die Verweigerung für die Interessen der USA Krieg zu führen.
    Die Menschheit will endlich Frieden und nicht mehr von einer Amerikanischen Diktatur unterdrückt werden, es kann nicht sein das dieser Staat Sanktionen und Strafzölle verhängt je nach Unterwürfigkeit sowie zum eigenem Vorteil.

  2. Na super. Von Rotterdam nach Venedig auf dem Landweg. Also über den Brennerpass. Die Autobahn ist jetzt schon proppe voll, es werden Blockabfertigungen für den Lkw Verkehr angeordnet. Das gibt Ärger, ganz sicher. Außer die Deutschen entschließen sich bald, die Zulaufstrecken der Bahn zum Brennerbasistunnel zu bauen.

  3. Schon in der Bronzezeit gab es die alte Seidenstraße und der Landweg war stets wichtiger als der Seeweg bis daß die Römer feststellten: Seefahrt tut not! und auf die Seewege setzten. 1500 Jahre später hieß es: Schmeckt salzig, muß Britisch sein! Und die Abriegelungen der Meerengen als Aussperrung vom Welthandel trieben ein Land in einen Weltkrieg.
    England hatte seinen Inselstatus, der ansich ein Nachteil ist, dazu ausgenutzt, die ganze Welt zu zwingen, sich seiner Form des Handels (zur See) anschließen zu müssen. China korrigiert hier eine über 2000 Jahre alte Fehlentwicklung und setzt auf den Landweg. Dadurch geraten auch die USA in den Inselstatus, der ansich von Nachteil ist. Wenn Europa davon noch etwas haben will, sollte es sich schnellstens Eurasien anschließen, Mackinder hat schon gesehen, was Sache ist. Ungüstigstenfalls finden die Rückzugsgefechte der USA auf europäischem Boden statt.
    Mglw. ist die Türkeihetze dadurch begründet, daß die Tütkei dabei mitmacht, als NATO-Partner aber gehalten werden soll… Stellt die USA zwischen 2 Stühle.
    Die USA muß weg!

    • "Die USA muß weg!"
      Dafür wurde Trump eingesetzt. Die amerikanische Elite wird durch die globale Elite ersetzt, das Land zurechtgestutzt, die Machtverlagerung nach China abgeschlossen.
      Die Landeselite in BRDistan muß auch weg! Wir werden wohl chinesischer, russischer, oder orientalisch-afrikanischer. Das System wird entscheiden.

  4. Aristoteles am

    Solange das US-amerikanische Besatzungsregime mit seinen NGO’s,
    Open Society Foundations und Migrationsintiativen,
    über die EU- und die BRD-Puppen, die manchmal ein bisschen Opposition spielen dürfen,
    weiter Völkermord an den europäischen Völkern betreibt,
    ist jede Alternative willkommen.
    Auch die Juden waren gezwungen, sich von den Babyloniern den Persern,
    von den Persern den Griechen und von den Griechen den Römern zuzuwenden,
    in der Hoffnung, es könne besser werden. Was anderes blieb ihnen gar nicht übrig:
    Und sie sind wieder auferstanden.

  5. Am 19. Dezember 2016 wurde Trump gewählt. Damit haben die USA den Staffelstab als Weltmacht an China abgegeben. Dank seiner Zoll-Aktion beschleunigt er dieses nun wunderbar.

    Vielleicht erleidet er bald einen "plötzlichen Herztod" 🙂

    • Harald Kaufmann am

      Man wünscht niemanden den Tod, auch Trump nicht. Herrn Trump gebührt das EK1 mit Brilolianten, wenn es ihm gelingt, dass Deutschland endlich erwacht um seine eigenen Vorteile zu sichern. Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieses trifft nicht immer auf den Reichtum und dem Kapital zu, sonder die USA ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten an bitterster Armut und Kriminalität. In den USA hofiert noch Wild-West, das Recht des Stärkeren. Seine Ureinwohner wurden durch Genozit fast ausgerottet, obwohl der Nordamerikanische Indianer Kultur besass und seine Umwelt und Natur achtete und nicht als Eigentum betrachtet hatte. Diese Anglo-Völker besitzen nur die Kultur des Raubes, Gewalt und Kriege

  6. heidi heidegger am

    guter artikel. heute las ich im mainstream, dass Putin auch kein‘ bock mehr hat auf die spinner in Berlin-Brüssel und deshalb (?) nach China "schielt". tia!

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