Sie ist die mächtigste Frau Venezuelas. Ihre Loyalität zu Präsident Nicolas Maduro galt als unerschütterlich, bis sie selbst zur Machtoption wurde. Ihre politische Geschichte beginnt nicht im Präsidentenpalast von Caracas, sondern in einer Gefängniszelle. Wer verstehen will, wie Geo- und Währungspolitik ineinander greifen, findet in der aktuellen COMPACT – Ausgabe: 2026 – Jahr des Goldes. Das Ende des Dollars und was danach kommt, spannende Hintergründe und Interviews. Hier mehr erfahren. 

    Rodriguez, 56 Jahre alt, Juristin, Marxistin, langjährige Außenministerin und nach der Entführung Maduros Interimspräsidentin, gehört zu einer kleinen, verschlossenen Elite innerhalb des chavistischen Machtapparats. Diese Rolle erklärt sich weniger aus Opportunismus als aus Biografie. Delcy Rodriguez ist keine Konvertitin der Revolution. Sie ist deren Produkt.

    Politischer Aufstieg der Familie Rodriguez

    In den 1970er Jahren galt Venezuela im Westen als demokratisches Vorzeigemodell Lateinamerikas. Doch die Realität erinnert an das heutige Deutschland: Nach dem Sturz der Militärdiktatur von Marcos Perez Jimenez 1958, hatte sich das Land zwar formal stabilisiert, tatsächlich jedoch war das politische System fest in der Hand zweier Parteien: der Accion Democratica (AD – Deutsch: Aktion Demokratie) und COPEI (Abkürzung auf Deutsch für: Unabhängiges Komitee für politische Wahlorganisation). Grundlage dieser Ordnung war das sogenannte Punto-Fijo-System, ein informeller Machtpakt der Eliten, der politische Konkurrenz durch institutionellen Konsens ersetzte:

    Das Abkommen, benannt nach dem Haus des christdemokratischen COPEI-Gründers Rafael Caldera, verpflichtete die großen Parteien zur gegenseitigen Anerkennung von Wahlergebnissen, zur Beteiligung an Regierungen unabhängig vom Wahlausgang und zur gemeinsamen Verwaltung des Staates. Wahlverlierer blieben trotzdem an der Macht.

    In der Praxis entstand ein geschlossenes Zweiparteiensystem, das Ministerien, Staatsbetriebe, Gewerkschaften und Sicherheitsapparate unter sich aufteilte. AD, eine sozialdemokratische Volkspartei mit starker Verankerung in der Arbeiterschaft, und COPEI, christdemokratisch, katholisch geprägt und wirtschaftlich moderat konservativ, unterschieden sich programmatisch, regierten aber im selben Rahmen.

    Was Stabilität versprach, bedeutete zugleich systematischen Ausschluss. Radikale politische Kräfte fanden in diesem Modell keinen Platz. Nach bewaffneten Aufständen linker Gruppen Anfang der 1960er Jahre wurde die Kommunistische Partei Venezuelas verboten, tausende Aktivisten verhaftet, studentische Bewegungen überwacht und oppositionelle Netzwerke zerschlagen.

    Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Folter und außergerichtliche Tötungen, ausgeführt von einem Staat, der sich zugleich demokratisch legitimierte. Genaue Zahlen sind nicht bekannt.

    Teile jener Themen, die in anderen Ländern klassisch von der Rechten besetzt wurden, wie  Nationalismus, soziale Disziplin und Bankenkritik, wurden in Venezuela zunehmend von der Linken aufgegriffen. Bereits vor Hugo Chavez verbanden linke Strömungen soziale Umverteilung mit patriotischer Symbolik und einem starken Staatsverständnis: links in der Ökonomie, nationalistisch im Ton, autoritär in der Ordnungspolitik. Die klassische Rechts-Links-Trennung erodierte.

    Oppositionelle Politiker und Aktivisten wurden auch dann ausgeschlossen oder verfolgt, wenn sie nicht an bewaffneten Aufständen beteiligt waren. Das ganze noch viele Jahre später: Auch wenn Folter nicht merh auf der Tagesordnung stand, spielten ,,präventive Gefährdungsannahmen“ eine zentrale Rolle:

    Nach dem Abflauen der Guerillabewegung Ende der 1960er Jahre verlagerte sich die Repression von militärisch zu administrativ-politisch. Der Staat argumentierte nun weniger mit konkreter Gewalt, sondern mit potenzieller Gefährlichkeit.

    Heute wird in der etablierten Politikwissenschaft das ,,puntofijistische Venezuela“ (1958–1998) häufig als „exkludierende“ oder „ausgrenzende Demokratie“ beschrieben. Berufsverbote und politische Ausschlüsse gehörten zum Alltag. Die Politikwissenschaftlerin Jennifer L. McCoy, Professorin an der Georgia State University und international anerkannte Expertin für demokratische Transformationsprozesse, beschreibt die Entwicklung Venezuelas als einen langfristigen Verfall demokratischer Substanz.

    In dem von ihr mit herausgegebenen Sammelband The Unraveling of Representative Democracy in Venezuela (Der Zerfall der repräsentativen Demokratie in Venezuela), aus dem Jahr 2006, kommt sie zu dem Befund:

    „Was als stabile repräsentative Demokratie begann, erodierte schrittweise, weil politische Institutionen zunehmend personalistischen Formen wichen, Wettbewerb und Pluralismus unterminiert wurden und sich Macht im politischen System konzentrierte.“

    Die Demokratie habe zwar formal weiterexistiert, sei jedoch in der Praxis ,,durch Elitenkonsens, eingeschränkte Konkurrenz und institutionelle Verkrustung“ ausgehöhlt worden. Das Buch gilt als Standartwerk für die wissenschaftliche Betrachtung der politischen Ausgangslage vor der Chavez-Übernahme. Ob man sich in einigen Jahrzehnten vergleichbar an das aktuelle Deutschland erinnern wird?

    Vater als berühmter Revolutionär

    In diesem Klima radikalisierte sich Jorge Antonio Rodriguez, Vater von Delcy Rodriguez und Mitbegründer der Liga Socialista (Sozialistische Liga). Die Organisation verstand sich nicht als klassische Partei, sondern als marxistisch-leninistische Kaderbewegung, inspiriert von Kuba, Chile und der europäischen Neuen Linken. Sie agitierte in Universitäten, Armenvierteln und Teilen der Industriearbeiterschaft, insbesondere im Ölsektor. Innerhalb des radikalisierten Flügels der Bewegung, kam es zunehmend auch zur Befürwortung von Gewalt.

    1976 war Rodriguez Sr. an der Entführung eines US-Managers beteiligt, den seine Gruppe als CIA-Offizier betrachtete. Die Aktion sollte politische Gefangene freipressen, scheiterte jedoch. Der Geiselnehmer wurde festgenommen.

    Gefängnis, Folter, Tod

    Rodriguez Sr. wurde in Haft schwer misshandelt. Menschenrechtsberichte sprechen von systematischer Folter. Offiziell starb er 1977 an inneren Verletzungen. Für seine Tochter Delcy wurde dieser Tod zum politischen Urknall.

    Bei einem Gefängnisbesuch wurde die damals Siebenjährige von Sicherheitskräften in die Zelle ihres Vaters gestoßen, eine Tränengasgranate detonierte. Später entwickelten sich bei ihr regelmäßige Asthmaanfälle. Delcy Rodriguez hat später mehrfach erklärt, sie leide bis heute an den Folgen.

    „Ich habe sehr früh gelernt, was der Staat mit denen macht, die ihn herausfordern“, sagte sie Jahre später in einem Interview. Und an anderer Stelle: „Die Revolution ist unsere Rache für den Tod unseres Vaters.“

    Europa: Schulung statt Exil

    Rodríguez studierte Jura in Venezuela und setzte ihre Ausbildung in Europa fort. Sie lebte zeitweise in Paris und London, arbeitete im diplomatischen Umfeld und bewegte sich in Kreisen lateinamerikanischer Exilnetzwerke. Kontakte pflegte sie unter anderem zu linken Parteien, antiimperialistischen Thinktanks, Gewerkschaftsverbänden und Solidaritätsgruppen, etwa im Umfeld der französischen CGT und spanischer postfranquistischer Arbeiterorganisationen, die sich gegen Militärdiktaturen, ökonomische Abhängigkeit und US-Interventionismus wandten.

     

    Delcy Rodriguez spricht bei einer Pressekonferenz, 07.01.2026, 156075447, shutterstock

    Zu den Gruppen, mit denen sie Berührungspunkte hatte, gehörten die Confédération Générale du Travail (CGT), die Allgemeine Konföderation der Arbeit , eine der ältesten und größten französischen Gewerkschaftsverbände mit Wurzeln in der Arbeiterbewegung und einer langen Geschichte von Streiks und kollektiven Aktionen für soziale Rechte. Die CGT war historisch eng verbunden mit linken Parteien und Bewegungen, setzt bis heute auf Mobilisierung aus den Betrieben heraus und steht für eine konfrontative Bündnispolitik gegen neoliberale Reformen.

    Diese europäische Phase war keine bloße Station der Ausbildung, sondern ein politischer Schulungssalon, in dem die junge Rodriguez lernte, wie linke Organisationen im Westen argumentieren, verhandeln und sich institutionell verankern.

    Karriere unter Chavez

    Der politische Durchbruch für Delcy Rodriguez kam mit dem Aufstieg von Hugo Chavez. Der ehemalige Fallschirmjägeroffizier gewann 1998 die Präsidentschaft mit dem Versprechen, mit dem alten Parteienkartell des Punto-Fijo-Systems abzurechnen. Chavez war kein Diktator im klassischen Sinn. Er kam durch Wahlen an die Macht und ließ diese formal bestehen. Gleichzeitig konzentrierte er systematisch Macht beim Präsidenten, schwächte Justiz und Parlament und verwandelte Venezuela schrittweise in ein autoritär geführtes System mit kontrollierter Konkurrenz.

    Für viele Kinder der in den 1960er- und 1970er-Jahren verfolgten Linken bedeutete Chavez eine späte Rehabilitierung ihrer Eltern. Auch für Rodríguez war sein Sieg mehr als ein Regierungswechsel: Er verlieh der Geschichte ihres Vaters politischen Sinn.

    Hugo Chavez: Von 1999 bis zu seinem Tod 2013 war er der 62. Staatspräsident Venezuelas und verstaatlichte westliche Ölkonzerne. Foto: Screenshot Youtube

    Der Name Rodriguez wirkte dabei weniger als Karrieresprungbrett denn als ideologische Beglaubigung. Jorge Antonio Rodriguez galt im chavistischen Selbstverständnis als Märtyrer eines Systems, das Opposition ausschloss und Gewalt ausübte. Vielen galt er als Nationalheld. Diese Herkunft verschaffte seiner Tochter einen Vertrauensvorschuss. Sie galt früh als politisch lesbar, und zuverlässig.

    Zudem brachte sie juristische Ausbildung, internationale Vernetzung und rhetorische Disziplin mit, vor allem aber eine Loyalität, die nicht taktisch, sondern weltanschaulich begründet war. Unter Chavez blieb sie zwar zunächst im Hintergrund, arbeitete sich jedoch systematisch in den Machtapparat vor: Tätigkeiten im Außenministerium und im diplomatischen Dienst und als internationale Vertreterin bei UN-Sitzungen. Als Außenministerin erklärte sie vor der UN:
    „Venezuela wird sich niemals wieder unterwerfen. Nicht politisch, nicht wirtschaftlich, nicht moralisch.“

    Durchbruch unter Maduro

    Als Chavez im März 2013 starb, übernahm Maduro zunächst das Amt als Interimspräsident und wurde im April in einer Sonderwahl offiziell zum Präsidenten gewählt. Sein Mandat baute er fort: Er wurde 2018 wiedergewählt und begann 2025 eine dritte Amtszeit, die international massiv umstritten war und als manipuliert gilt. Unter seiner Führung verschärfte sich die politische Repression, die wirtschaftliche Krise Venezuelas.

    Die USA ziehen vor der Küste Venezuelas Kriegsschiffe zusammen, eine Aggression gegen Nicolas Maduro ist nicht auszuschließen. Foto: Grok KI-Generator mit Material von abio Rodrigues Pozzebom/ABr – Agência Brasil / de.wikipedia.org – CC BY 3.0 br

    Rodriguez war bis 2017 unter Maduro vor allem im diplomatischen Apparat und als Außenministerin präsent, bevor sie 2018 zur Vizepräsidentin ernannt wurde. Sie gehörte zu den engsten Vertrauten des Präsidetnen und prägte dessen Außen- und Öl-Politik. Ihre Loyalität und ihr technokratisches Profil, machten sie zu einer zentralen Figur der Maduro-Administration, die (im Gegensatz zu Chavez) noch weniger auf charismatische Massenbasis als auf personelle Verlässlichkeit setzte. Sie unterstützte den Kurs des Präsidenten, sich grundsätzlich gegen die USA und potentielle Öl-Deals zu stellen.

    Nach der Entführung von Maduro wegen angeblichen Drogenschmuggels, ist sie jetzt stellvertretende  Präsidentin.

    Der Grenell-Kanal

    Doch hinter dieser Loyalität verbarg sich zugleich ein anderes Kalkül: Rodriguez baute sich in internationalen Kreisen als administrative und pragmatische Führungskraft auf, die,anders als viele Hardliner,international verhandelbar erschien.

    Anfang 2025 soll sie, gemeinsam mit ihrem Bruder Jorge Rodriguez, verdeckte Gespräche mit einem US-Sondergesandten geführt haben, über Richard Grenell und Vermittler in Katar, mit dem Ziel eines „Madurismo ohne Maduro“: Maduro ins Exil, ein kontrollierter Übergang, bei dem sie selbst zur Nachfolgerin werden sollte.

    Dieser Vorschlag bedeutete einen strategischen Bruch mit Maduros Alleinregierung, ohne jedoch die grundsätzlichen Machtstrukturen unbeachtet zu lassen: Es war kein demokratisches Projekt, sondern ein Technokraten-Plan, der Maduro ablösen, aber das Gefüge weitgehend erhalten sollte.

    US-Vizepräsident Pence vereidigt Richard Grenell (r.) als Botschafter | Foto: US-Außenministerium (CC0)

    Trumps Entscheidung, Rodriguez damals als potenzielle Führungspersönlichkeit zu betrachten, erklärt sich genau daraus: Keine Oppositionsfigur, aber eine verhältnismäßig verhandelbare Regimetreue. US-Analysen, so heißt es, kamen zu dem Schluss, dass „hochrangige Maduro-Loyalisten, darunter Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, am besten geeignet wären, die Stabilität im Land aufrechtzuerhalten, falls Maduro die Macht verlieren sollte“.

    Diese Einschätzung stand im Widerspruch zu traditionellen Regimewechsel-Strategien: Nicht demokratische Reform oder liberale Öffnung, sondern Erhalt staatlicher Kontinuität bei abgelegter Personifizierung. Rodriguez galt als technokratisch und geschäftsorientiert, besonders im Energie- und Wirtschaftsbereich, und konnte deshalb Teile von US-Einflusskreisen ansprechen, etwa in der Ölbranche und bei Republikanern, die an wirtschaftlicher Kooperation interessiert sind. Man versucht in Washington offenbar aus den Fehlern in Nahost zu lernen.

    Während zahlreiche Mitglieder des Maduro-Regimes, darunter Innenminister Diosdado Cabello und Militärs, von den USA wegen staatlichen Drogenhandel und Menschenrechtsverletzungen gesucht werden, und Maduro selbst in New York angeklagt wird, ist Rodriguez überraschenderweise als Außenministerin nicht in US-Anklagen verwickelt.

    Für Trump ist sie damit ein Hochrisiko: Regimechange ohne echten Regimewechsel?

    Trumps kurzer Flirt mit Delcy Rodriguez

    Nach der Entführung von Maduro und der Vereidigung von Rodriguez zur kommissarischen Präsidentin Venezuelas setzte Donald Trump zunächst auf demonstratives Wohlwollen. Rodriguez sei, so Trump, bereit, „das zu tun, was notwendig ist“.

    Als Rodriguez aber kurz darauf erklärte, Venezuela werde „nie wieder Sklave sein“, distanzierte sich Trump öffentlich. Aus Lob wurde Drohung. Trump warnte, „falsche Entscheidungen“ würden teuer:

    „Wenn sie sich nicht benehmen, werden wir einen zweiten Schlag ausführen.“

    Daraufhin stellte Washington Rodriguez ein Paket aus strengen Bedingungen: verschärfter Kampf gegen angeblichen Drogenschmuggel, Ausweisung iranischer und kubanischer Akteure, Stopp von Öllieferungen an US-Gegner sowie ein späterer Übergang zu Wahlen, verbunden mit der Erwartung, dass Rodríguez am Ende zurücktritt.

    Rodriguez signalisiert inzwischen Gesprächsbereitschaft, bleibt jedoch bei der Formel von Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Genau darin liegt der Bruch. Washington erwartete Unterordnung. Rodriguez bietet Kooperation, aber keine Unterwerfung.

    Hinzu kommt ein Rückschlag für Trump: Laut CNN zeigten sich große US-Ölkonzerne zurückhaltend, unter den aktuellen Bedingungen nach Venezuela zurückzukehren. Zu groß seien die Risiken, zu unklar die Stabilität.

    Trump hatte in Rodriguez eine formbare Übergangsfigur gesehen. Doch ihr Beharren auf Souveränität machte klar: Sie ist nicht Maduro, aber auch nicht dessen Ersatz auf Abruf. Die Zukunft des Landes entscheidet sich vor allem an ihr.

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