Es ist eines der unbekanntesten Kapitel der DDR-Geschichte, das langsam seinen Weg an die breite Öffentlichkeit findet: Der Widerstand einer Gruppe Jugendlicher aus Weimar, welche den Stasi-Apparat mit mehreren selbstgebauten Bomben auf Trab hielten. Passend zum aktuellen Vortrag im Erfurter Stasiarchiv, der diese Vorgänge näher beleuchtete, sorgt derzeit das Buch „Josef Kneifel: Der Panzersprenger von Karl-Marx-Stadt“ für Schlagzeilen und bietet exklusive Einblicke in das Leben eines Staatsfeindes, wie ihn die DDR nur einmal hatte. Hier mehr erfahren.

    Es war der frühe Morgen des 20. Oktobers 1979, an dem im thüringischen Weimar das Startsignal für eine Bombenserie gelegt wurde, die von den DDR-Verantwortlichen zwar seinerzeit vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden konnte, doch die Hinter den Kulissen für Aufregung sorgte. Eine Gruppe Jugendlicher, bis auf eine Ausnahme allesamt zwischen 15 und 18 Jahren alt, hatten sich aus Abneigung gegenüber dem SED-Regime dazu entschlossen, mit öffentlichkeitswirksamen Explosionen ihren Unmut Ausdruck zu verleihen. Und hofften darauf, mögliche Nachahmer zu animieren, es ihnen gleich zu tun.

    Am Donnerstag (20. November) fand im Erfurter Stasi-Archiv eine Vortragsveranstaltung mit dem TItel „Gepäckschließfach und Zwiebelmarkt – Die Bomben von Weimar“ statt. Foto: privat

    Tatsächlich ging die erste Aktion der Gruppe, eine Weißblechkonservenbüchse mit dem Volumen eines Liters, die zwischen Gemüsekisten auf dem Weimarer Zwiebelmarkt in die Luft gesprengt wurde, ziemlich schief – eigentlich war geplant, eine große Rauchentwicklung freizusetzen, wie Referent Andreas Bogoslawski vom Bundesarchiv für Stasi-Unterlagen bei seinem Vortrag am 20. November 2025 in Erfurt ausführt. Doch stattdessen flog die selbstgebaute Konstruktion mit einem Knall, kaum lauter als ein Feuerwerkskörper, in die Luft, durch herumfliegende Splitter einer Flasche wurde ein zufällig vorbeikommender Junge im Alter von 9 Jahren verletzt.

    Weitere Attacken folgten

    Trotz des Fehlschlages folgten jedoch weitere Aktionen, etwa ein Tränengas-Anschlag auf die Hektik-Kaufhalle (Heka) im August 1979. Zunächst tappte die Stasi im Unklaren, wer hinter den Taten stecken könnte, doch schnell zog sich die Schlinge zu: Lehrer wurden befragt, welche Schüler ein auffälliges Interesse an Chemikalien zeigten, ein Gruppenmitglied geriet ins Visier und musste erste Verhöre über sich ergehen lassen. Ein weiterer Kopf der Zelle, ebenfalls polizeilich bereits vernommen, wurde sogar so sehr unter Druck gesetzt, dass er sich im Dezember 1979 für den Freitod entschied – in seinem Abschiedsbrief bedauerte er, dass ein Kind durch die Explosion auf dem Zwiebelmarkt verletzt wurde. Wenig überraschend, durch Verrat eines Bekannten, erfolgte schließlich Anfang 1980 die Festnahme des „Chemikers“, jenem begeisterten Pyrotechnikers, der schon in der Schule und in seinem Wohnumfeld durch Experimente mit selbst gebauten Feuerwerskörpern und Sprengsätzen für Aufregung gesorgt hatte. Ihm wurde Rowdytum und vorsätzliche Brandstiftung in mehreren Fällen vorgeworfen.

    Kopfbedeckung eines Stasi-Offiziers mit Karte und Aktenkoffer aus dem Jahr 1966. Foto: scott-image | Shutterstock.com

    Die Bombe im Bahnhofsschließfach

    Doch die Widerstandszelle war noch nicht ganz ausgehoben: Um von ihrem verhafteten Kumpanen abzulenken, deponierten die auf freiem Fuß befindlichen Mitglieder am 3. Juni 1980 einen weiteren Sprengsatz im Schließfach A38 des Weimarer Hauptbahnhofes – der jedoch nicht explodierte. Spätere Untersuchungen der Stasi, deren Ermittler die Bombe nachbauten, ergaben verschiedene Konstruktionsfehler, stellten aber fest, dass die Wucht der Explosion nicht nur die Schließanlage schwer beschädigt hätte, sondern durch ruckartig auffliegende Türen auch eine Gefahr für Passanten bestanden hätte. Eine „Gefährdung des sozialistischen Gemeinwesens“, zumindest aus staatlicher Sicht, denn im späteren Prozess bestritten die Angeklagten, drei weitere Gruppenmitglieder wurden kurze Zeit später ebenfalls verhaftet, dass überhaupt geplant gewesen wäre, den Sprengsatz zu zünden. Vielmehr sei es darum gegangen, alleine durch die Deponierung für weitere Unsicherheit zu sorgen.

    Verurteilungen abseits der Öffentlichkeit

    Von Anfang an war der DDR-Staatsapparat darauf bedacht, keinen Wirbel um die Weimarer Ereignisse zu verursachen. Die Prozesse gegen fünf Angeklagte, darunter neben dem Chemiker ein 25-jähriger Student als geistiger Kopf der Gruppe, erfolgten weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Entweder gänzlich hinter verschlossenen Türen oder in pseudo-öffentlicher Form, bei der nur Mitarbeiter der Stasi und ihre Familienmitglieder im Zuschauerraum Platz nahmen. Letztendlich erhielten zwei Mitläufer Bewährungsstrafen von je 2 Jahren, ein weiterer Angeklagter wurde zu einem Jahr und acht Monaten Haft, sowie einer Geldstrafe von 10.000 Mark verurteilt.

    Der „Chemiker“, der sich bis zuletzt weigert, eine Entschuldigung für seine Taten zu erklären und den Prozess nutzte, um gegen die DDR-Führung zu protestieren, erhielt vier Jahre Haft und eine Geldstrafe von 11.000 Mark, er musste seine Strafe bis zum letzten Tag verbüßen. Der Kopf der Gruppe, der ursprünglich zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, kam dagegen durch Verkauf in die Bundesrepublik nach rund der Hälfte der Zeit frei.

    Bis heute ist medial kaum etwas über die Weimarer Anschlagsserie bekannt, auch die Beteiligten selber haben sich nach 1990 weitgehend verborgen. Dass dieses spannende Kapitel DDR-Geschichte jetzt seinen Weg an die breite Öffentlichkeit findet, ist auch ein Verdienst von Arne Schimmer, der mit seinem neuen Buch „Josef Kneifel: Der Panzersprenger von Karl-Marx-Stadt“ einen vergessenen Widerstandshelden der DDR neu zum Leben erweckt hat. Diese einmalige und bewegende Biografie sollten Sie nicht verpassen, jetzt bestellen!

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