Ein Riss geht durch Washington. Mit Joe Kent gibt der Leiter des Terrorabwehrzentrums (NCTS) aus Protest gegen den Iran-Angriff seinen Posten auf. Seine Abrechnung zielt mitten ins Herz der amerikanischen Kriegsbegründung. Unsere brandneue Spezial-Ausgabe „Kriegsverbrechen – US-Außenpolitik von Truman bis Trump“ zum Thema blickt hinter die Kulissen dieser Eskalation. Hier mehr erfahren.
Joe Kent sitzt im sicherheitspolitischen Zentrum Washingtons, im Umfeld von Donald Trump aufgestiegen, ein Mann, der dessen außenpolitischen Kurs über Jahre hinweg vertreten hat. Mit seinem Rücktrittschreiben zieht er jetzt die Reißleine:
„Nach reiflicher Überlegung habe ich beschlossen, mit sofortiger Wirkung von meinem Amt als Direktor des Zentrum für Nationale Terrorabwehr zurückzutreten.“
Das NCTCS bildet die zentrale Schaltstelle der amerikanischen Terrorabwehr. Hier laufen alle Fäden zusammen: Erkenntnisse der CIA aus dem Ausland, abgefangene Kommunikation der NSA, Ermittlungen des FBI im Inland. Aus diesem Strom an Informationen entstehen verdichtete Lagebilder und Zielbewertungen, entstehen Entscheidungen, die später von Militär und Geheimdiensten umgesetzt werden.
Anklage gegen Israels Einflus
Organisatorisch ist das NCTC dem Direktor der National Intelligence (DNI) unterstellt, dem obersten Koordinator aller US-Geheimdienste, offiziell 18 an der Zahl. Zugleich ist es eng mit dem Pentagon verzahnt. Kent Analyse zum Konflikt hat also enormes Gewicht. Sein Schreiben beginnt beim Ausgangspunkt des Krieges und führt den Gedanken weiter, ohne abzusetzen:
„Ich kann den andauernden Krieg im Iran nicht guten Gewissens unterstützen. Der Iran stellte keine unmittelbare Bedrohung für unser Land dar, und es ist klar, dass wir diesen Krieg aufgrund von Druck aus Israel und seiner einflussreichen US-amerikanischen Lobby begonnen haben.“
Von hier aus widerspricht Kent der offiziellen Begründung des Krieges. Er beschreibt, wie sich aus dem Einfluss Israels eine Richtung formte, die schließlich in den Angriff mündete:
„Früh in dieser Amtszeit haben hochrangige israelische Vertreter sowie einflussreiche Mitglieder der amerikanischen Medien eine Desinformationskampagne geführt, die Ihre ‚America First‘-Agenda untergraben und pro-kriegerische Stimmungen geschürt hat. Diese Echokammer wurde genutzt, um Sie dazu zu verleiten zu glauben, dass der Iran eine unmittelbare Bedrohung darstellt und dass es einen klaren Weg zu einem schnellen Sieg gebe. Das war eine Lüge.“
Kent zieht Parallelen zum Irakkrieg und erkennt ein Muster, das sich wiederholt: „Dies entspricht derselben Taktik, die eingesetzt wurde, um uns in den verheerenden Irak-Krieg zu treiben, der unser Land Tausende seiner besten Männer und Frauen gekostet hat. Diesen Fehler dürfen wir nicht noch einmal machen.“
Er erinnert sich an seine eigenen Kriegserfahrungen im Nahen Osten: „Als Veteran, der elfmal im Kampfeinsatz war, und als Gold-Star-Ehemann [Hinterbliebener eines gefallenen US-Soldaten], der seine geliebte Frau Shannon … verloren hat, kann ich nicht unterstützen, die nächste Generation in einen Krieg zu schicken, der dem amerikanischen Volk keinen Nutzen bringt und die Opfer amerikanischer Leben nicht rechtfertigt.“
America First gegen Neocons
Kent stellte sich lange hinter den außenpolitischen Ansatz von Donald Trump. In seinem Rücktrittsschreiben erinnert er sich: „Ich unterstütze die Werte und die außenpolitischen Positionen, mit denen Sie 2016, 2020 und 2024 Wahlkampf gemacht haben und die Sie in Ihrer ersten Amtszeit umgesetzt haben.“ Und weiter: „In Ihrer ersten Amtszeit haben Sie besser als jeder moderne Präsident verstanden, wie man militärische Macht entschlossen einsetzt, ohne uns in endlose Kriege hineinziehen zu lassen.“
Gemeint ist eine Politik begrenzter Eingriffe statt offener Feldzüge, etwa die gezielte Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani im Jahr 2020 oder der Kampf gegen den IS ohne neue militärische Großoffensive. An genau diesem Maßstab misst Kent nun den aktuellen Krieg, und kommt zu einem anderen Ergebnis. Sein Appell richtet sich direkt an den Präsidenten:
„Ich bete dafür, dass Sie darüber nachdenken, was wir im Iran tun und für wen wir es tun. Sie können den Kurs umkehren und einen neuen Weg für unser Land einschlagen – oder zulassen, dass wir weiter in Richtung Niedergang und Chaos abrutschen. Sie halten die Karten in der Hand.“
Im sicherheitspolitischen Apparat bleibt der Kurs festgezurrt. Aktuell an der Spitze der DNI: Tulsi Gabbard. Sie spricht von „glaubwürdigen Hinweisen auf eine bevorstehende Bedrohung“, die entschlossenes Handeln erforderten. Ihre Aufgabe: dem Präsidenten „präzise, zeitnahe und unvoreingenommene Geheimdienstinformationen“ zu liefern. Trump selbst nennt den Rücktritt Kents „eine gute Sache“. Er sei in Sicherheitsfragen „sehr schwach“ gewesen. „Als ich seine Erklärung gesehen habe, wurde mir klar, dass es gut ist, dass er weg ist.“
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