Das Massaker von Abbeville am 20. Mai 1940 – COMPACT durchbricht die Schweigemauer

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Dem Vergessen entrissen: In unserer Geschichtsausgabe „Verbrechen an Deutschen: Vertreibung, Bombenterror, Massenvergewaltigungen“ berichten wir, worüber andere Medien nicht (mehr) schreiben dürfen. 

_von Hans-Jürgen Wünschel

Der französische Soldat stach zweimal mit seinem Bajonett von hinten zu, dann hob er sein Gewehr und schlug der sechzigjährigen Maria Geerolf-Ceuterick im Beisein ihrer Tochter Maria-Gabrielle Geeroms und der 18-jährigen Enkelin Gaby mit aller Wucht den Schädel ein. Maria Geerwolf-Ceuterick war auf der Stelle tot. Sie war das einzige weibliche Opfer der Bluttat an 21 Personen, die in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai 1940 in der an der französischen Kanalküste gelegenen Stadt Abbeville von zwei französischen Offizieren begangen wurde, das zumindest in Deutschland bis heute vergessen ist.

Unter den Opfern waren Belgier, Deutsche, Italiener, Niederländer, jeweils ein Kanadier, Tscheche und Ungar. Dieses Kriegsverbrechen ist kaum bekannt, wird in Deutschland selten erwähnt. Dafür mehr in Belgien, denn unter den Ermordeten war auch der Führer der belgischen Nationalisten, Joris Van Severen, zu dessen Ehren seine Anhängern jährlich gedenken. Am 22. März 1940 hatte die Regierung des Königreichs Belgien vermutlich aus Angst vor Unruhen verfügt, dass die Verwaltung ähnlich wie im Deutschen Reich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Verhaftungen vornehmen konnte, ohne den bisher üblichen Rechtsweg zu beachten.

Verdächtige Personen wie Kommunisten, belgische Nationalisten, Juden, vermutete deutsche und belgische Spione und Rexisten, Anhänger der wallonisch-faschistischen Bewegung wurden verhaftet. Bis Ende März 1940 waren Listen von mehreren hundert Verdächtigen geschrieben.

Als die deutsche Wehrmacht am 10. Mai ihren Feldzug gegen Frankreich begann und aus strategischen Gründen auch nach Belgien einmarschierte, wurden im Auftrag des Generalstaatsanwalts am Militärgerichtshof Belgiens, Walter Ganshof van der Meersch, die Haftbefehle gegenüber den verdächtigten Personen vollstreckt.

In Brügge wurden 79 Männer und Frauen ins Stadtgefängnis von ‚t Pandreitje Gefängnis geworfen, darunter 21 Belgier, 18 Juden unbekannter Nationalität, 14 Deutsche, sechs Niederländer, drei Luxemburger, neun Italiener, zwei Schweizer, ein Franzose, ein Spanier, ein Däne, ein Kanadier, “Bobby” Robert Bell, Trainer der deutschen Eishockeynationalmannschaften, ein Österreicher, ein Tscheche. Am 15. Mai 1940 wurden aus diesem Gefängnis 78 Frauen und Männer geholt, mit Handschellen versehen und in drei Omnibusse gesteckt, die über Ostende nach Dünkirchen fuhren. Dort wird Leon Degrelle, der Führer der nationalistischen Rexist-Partei, von den Franzosen erkannt. Sie ziehen ihn aus einem Bus, schlagen ihn und bewerfen ihn mit Steinen. Der Konvoi musste ohne ihn nach Bethune weiterfahren. Dort wurden die Gefangenen französischen Behörden übergeben, die sie in das Gefängnis der Stadt einsperrten.

Wer sie auf der Fahrt von Belgien nach Frankreich misshandelt hat, ist nicht mehr herauszufinden. Klar ist jedoch, dass sie in Bethune mehr tot als lebendig angekommen sind. Am nächsten Tag übergab die französische Polizei die Männer und Frauen französischen Offizieren, die den Transport nach Abbeville weiterleiteten, wo er am 19. Mai ankam. Die Gefangenen mussten im Keller des Tanzkasinos an der Porte du Bois die Nacht vom 19. auf den 20. Mai verbringen. Die Franzosen wussten nicht, wer die Leute waren, vielleicht Kollaborateure, Mitglieder einer fünften Kolonne, die die Deutschen bei ihrer militärischen Invasion unterstützten könnten.

Inzwischen hatten sich deutsche Panzereinheiten General Guderians, darunter die 57. Infanteriedivision unter Generalleutnant Blümm, der Kanalküste genähert und begonnen, Abbeville zu beschießen, das Ende Mai schließlich von der Infanteriedivision erobert wurde. Einige französische Soldaten wollten verhindern, dass die Gefangenen von den Deutschen befreit würden. Kapitän Marcel Dingeon kommandierte das fünfte Regiment und ordnete in der selben Nacht die Hinrichtung der Gefangenen an. Kapitän Marcel Dingeon, im Zivilberuf Architekt, meist von seiner Aufgabe als Offizier überfordert, oft betrunken, entschied sich für eine „schnelle“ Lösung. Er erteilte dem Stabsfeldwebel François Molet und seiner Abteilung der 5. Kompanie den mündlichen Befehl: „Alle erschießen!“ Molets direkter Vorgesetzter Leutnant René Caron, Lehrer, wollte sich vergewissern und ging zu Dingeon, der, immer noch betrunken, erneut rief: „Erschieß sie alle!“ Das Töten begann. In Gruppen von vier oder zwei Personen wurden die unglücklichen Zivilisten aus ihrem Kerker geholt und vor das Erschießungskommando gebracht.

Seitlicher Zugang zum Keller des Abbeville-Kiosks, aufgenommen im Januar 2015. Foto: NB80 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Um so schnell wie möglich fertig zu werden, warf ein Soldat noch eine Handgranate in den Keller, die aber nicht explodierte. Die Hinrichtungen wurden nur gelegentlich durch Angriffe deutscher Bomberflugzeuge unterbrochen. Zufälligerweise fuhr der französische Leutnant Jean Leclabart vom 28. Regiment am Kasino vorbei und sah, was vor sich ging. Er kannte die Militärvorschriften, verlangte, den schriftlichen Befehl für die Hinrichtungen zu sehen. Da niemand einen solchen Befehl vorzeigen konnte, beendete Leutnant Jean Leclabart das Massaker mit dem Ausruf: „Sind Sie verrückt geworden?“ – „Mais enfin, êtes-vous devenu fou?”

Nach dem Eingreifen von Leutnant Leclabart wurden die überlebenden Gefangenen vom französischen Militär nach Rouen gebracht, wo sie bis nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 blieben. Die deutschen Soldaten fanden am 21. Mai 1940 die Leichen der ermordeten Häftlinge und ließen sie auf dem städtischen Friedhof begraben.

Die deutsche Militärjustiz eröffnete ein Ermittlungsverfahren – unter den Opfern befanden sich vier Deutsche. Die verantwortlichen französischen Soldaten, Leutnant Caron und Sergeant Mollet, wurden 1942 zum Tode verurteilt und am 7.4.1942 von einem Militärgericht am Mont Valerien, dem Hinrichtungsort der deutschen Besatzungsmacht, hingerichtet. Jedes Jahr am 18. Juli legt dort der französische Staatspräsident einen Kranz nieder. Capitain Hauptmann Dingeon, der die Hinrichtungen angeordnet hatte, war 1941 von der französischen Regierung in Vichy verurteilt worden, entzog sich aber der Hinrichtung durch Selbstmord am 21.1.1941.

Nach dem Krieg erhielt eine Straße in Abbeville den Namen Rue du Lieutenant Caron. Die sterblichen Überreste von Joris Van Severen und Jan Rijckoort wurden in einem Grab in Abbeville feierlich beigesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bereits die Leichen der deutschen Opfer auf dem deutschen Kriegsfriedhof in Bourdon, Somme, beerdigt. Maria Ceuterick, Louis Caestecker und Lucien Monami fanden ihre letzte Ruhe auf dem belgischen Soldatenfriedhof von De Panne. Von den 21 Opfern verschwanden neun sterbliche Überreste schließlich in einem Massengrab in Abbeville, darunter die Belgier Jean-Henri De Bruyn und Hector Vanderkelen, Robert Bell, Ferrucio Bellumat, Luigi Lazarelli, Guiseppe Mantella, Mirko Taccardi, Willem van de Loo und Johannes van der Plas. Die Leichen von Léon Hirschfeld und Miguel Sonin-Garfunke wurden an ihre Heimatländer überstellt.

Der Mord in Abbeville hat folgenden 21 Menschen das Leben gekostet:

Deutsche

Paul Günther,
Jozef Höld
Gilbert Klinzner
Ludwig Wächter

Belgier

Louis Caestecker, Kommunist
Maria Geerolf-Ceuterick
Jean Henri De Bruyn
Lucien Monami, Stadtrat von Saint-Gilles
Jan Ryckoort, Sekretär von Joris Van Severen
Joris Van Severen, Vorsitzender und Gründer der nationalen Bewegung Verdinaso
Hector Vanderkelen
René Wéry, Anhänger der nationalistischen Bewegung Rex

Kanadier

Robert „Bobby“ Bell, Trainer der deutschen Eiskockeymannschaft

Ungar

Miguel Sonin-Garfunkel, Jude

Italiener

Ferrucio Bellumat, Antifaschist
Luigi Lazzarelli, Beauftragter der Sozialistischen Partei Italiens für Belgien
Giuseppe Mantella, Antifaschist
Mirko Taccardi, Antifaschist

Niederländer

Willem van de Loo
Johannes van der Plas

Tschechoslowake

Léon Hirschfeld, Jude

Dem Vergessen entrissen: In unserer Geschichtsausgabe „Verbrechen an Deutschen: Vertreibung, Bombenterror, Massenvergewaltigungen“ berichten wir, worüber andere Medien nicht (mehr) schreiben dürfen.

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17 Kommentare

  1. Avatar

    Vielen Dank der Compact Redaktion und Herrn Wünschel.
    Ich hoffe, dass dieser Artikel von vielen, hauptsächlich jungen, Leuten gelesen wird und dass noch viele solcher Artikel folgen, damit nach und nach begriffen wird, was ein Krieg aus Menschen macht.

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    Sonnenfahrer Mike am

    Wie überall und zu allen Zeiten auf dieser Welt gab und gibt es solche und solche
    Menschen in jedem Volk. So gab es z.B. Franzosen, die auf unserer Seite kämpften,
    Franzosen die gegen uns kämpften und neutrale Franzosen, die einfach nur das
    machen mussten, was andere (Franzosen, Deutsche, Britten und oder Amis
    ihnen gerade sagten/befahlen.
    Wie aber auch immer, dieses Beispiel zeigt nur, was für böse und schreckliche
    Untaten gerade in einem Krieg passieren und das eben nicht nur einige von uns
    Deutschen Unrecht taten, sondern eben auch viele Russen, Polen, Britten,
    US-Amerikaner und so eben auch einige Franzosen.
    Übrigens auch sehr, sehr viele Juden haben sich vor, im und nach dem Krieg aller
    schlimmster und grausamster Verbrechen, insbesondere an unseren deutschen
    Ahnen, aber auch an anderen Europäern schuldig gemacht. Meist innerhalb
    der Regierungen und Administrationen unserer Gegner, sehr, sehr oft aber
    auch in den Uniformen unserer Gegner, so daß es sehr oft, sehr ungenau bzw.
    strenggenommen eigentlich sogar sehr, sehr oft absolut inkorrekt / falsch war
    und ist, wenn man einfach so da hin sagt: "Die Amis, die Russen, die Polen,
    die Tschechen und/oder die Franzosen haben dieses und jenes Verbrechen
    an uns und/oder anderen begangen.

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    Lila Luxemburg am

    In diese Serie würde auch ein wenig Aufklärung über Oradour passen. Das wurde auch der SS in die Schuhe geschoben – die Wahrheit sieht allerdings ein bischen anders aus. Ein Franzose, Vincent Reynouard, Lehrer und … wenn ich mich recht entsinne aus der Nähe, hat aus Interesse selber zu recherchieren begonnen. Über die Ergebnisse schrieb er ein Buch: Die Wahrheit über Oradour. Daraufhin … verlor seine Arbeit. Was soll man sagen … der ‚Goldene Westen und seine Werte‘ eben… 😥

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      Lila Luxemburg am

      Achach … gerade noch mal nachgelesen und: Reynouard verlor nicht nur seine Arbeit, sondern zog auch noch das große Los: Er ging direkt für 9 Monate in den Bau! Tja, la grande nation weiß eben, was sie ihrem Image schuldig ist. Und wie mans aufrecht erhält… 😥 😥

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        Ja Oradour/Tulle ist noch interessant, da die Akten eigentlich in 4 Jahren freigegeben werden muessten. (Prozess 13. Januar bis 12. März 1953) Es waren von Adenauer und der franz. Regierung 70 Jahre Schweigen vereinbart. “REYNOUARD (der Lehrer) stellt in seiner »materiellen Untersuchung« der Kirchenruine fest, daß gleich mehrere offizielle Behauptungen naturwissenschaftlichen Überprüfungen nicht standhalten. So ist das angeblich erhaltene Gewölbe im Kirchturm eindeutig wiederhergestellt worden, da man verheimlichen wollte, daß dieser durch eine Explosion, und nicht durch Brandstiftung zerstört wurde. In der gesamten Kirche sollten nach herrschender Lehre durch Brandsätze und andere Brandverstärker infernalische Temperaturen dazu geführt haben, daß an manchen Stellen Menschenasche in Höhe eines Meters gefunden wurde – ohne Knochen. Unerklärlicherweise ist aber ein nur 6 mm dünner Beichtstuhl unversehrt geblieben, obwohl ein vor ihm stehender ausgeglühter Kinderwagen aus Metall auf einige hundert Grad schließen lassen soll. Diese und andere Beweise sind so entlarvend, daß sein Buch Die Wahrheit über Oradour14 in Frankreich verboten und der Autor vor Gericht gezerrt, aus dem Schuldienst entlassen und wegen »Billigung eines Kriegsverbrechens« verurteilt wurde. Er mußte mit seiner Familie nach Belgien emigrieren.” Quelle:globalecho

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      Paul der Echte am

      Es ist so vieles erlogen
      xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

      COMPACT: Nein, Sie können hier nicht über Ihr „Lieblingsthema“ schreiben!

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    Hm,sollte der simple Hauptmann (Capitain) wirklich REGIMENTSkommandeur gewesen sein? (Normal:Oberst ).Paßt zum übrigen Chaos. Die Truppe wußte nicht,wer die Gefangenen waren u. warum sie Gefangen waren. Ein alter Jägerspruch lautet:"Was du nicht kennst das schieß nicht tot, Irrtum bringt dir nur Schand`und Not.

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    Interessant,wie schnell sich Rechtstaat u. "westliche Werte" erledigen, wenn Druck da ist. Allerdings wohl ein atypischer Einzelfall. Die Schuldigen wurden bestraft (wobei man Leutnant u. Feldwebel die Heiligkeit jeden Befehls offenbar nicht zugute hielt) und damit kann man die Sache eigentlich abhaken zumal es ja auch einige knallrote Socken erwischte.

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    Rechtsstaat-Radar am

    Dieses Massaker ist nicht durch die Regeln des Kriegsrechts gerechtfertigt, sondern es war jeweils ein Mord. Dass der Franzose von hinten mit dem Bajonett in unsere Deutsche stach und ihr danach den Schädel mit dem Gewehrkolben einschlug, erschwert dies noch, denn dieser Mord zeichnet sich durch eine besondere Grausamkeit aus!

    Der Gipfel allerdings ist, dass die Franzosen diese Mörder bis heute ehren und ihnen zu Ehren Straßen nach ihnen benannt und Denkmäler errichtet haben. Eine solche untragbare Ehrung eines französischen Mörders hätte unverzüglich den deutschen Kanzler auf den Plan rufen. Der hätte unverzüglich den aktuellen (stets) kleinwüchsigen Franzosen-Präsidenten anweisen müssen, dies umgehend zu ändern!

    Wie ich schon sagte, wir haben es 1871 versäumt, mit den Franzosen richtig aufzuräumen und sie für alle Zeiten zu kastrieren. Heute hat dieses ultranationalistische, sich stets maßlos überschätzende Franzosen-Pack leider eine Atomstreitmacht und wir (zurzeit noch) nicht!

    Schön ist nur, dass unsere Wehrmacht die lächerlichen Franzosen nach 4 Wochen besiegt, die französischen Mörder eingefangen und dann erschossen bzw. der einer der französischen Scheißhaufen unter ihnen Selbstmord begangen hat!

    Pro Gloria et Patria!

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      Der schnelle Sieg über Frankreich ohne grosse Verluste. 60% der Offiziere und grosse Truppenteile im Urlaub etc. und die Tschechoslowakei gab es als Geschenk von den Machern der beiden WK in GB und in den USA als Geschenk dazu. Aus Frankreich bekam das Reich Fahrzeuge, Zubehör aller Art, Uniformen, Stiefel etc. und die Tschechoslowakei war damals die beste Waffenschmiede der Welt. Das alles wurde gebraucht um den Führer auszustatten.

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      Professor_zh am

      Ja, und man hätte die Straße besser nach Jean Leclabart benannt, der auch unter diesen Umständen nach Recht und Gesetz gefragt hat!

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    DerSchnitter_Maxx am

    Welche glauben oder denken … das "Gute" habe den 1. + 2. WK gewonnen … befinden sich auf einem, vollgeschixxenen, schmiergen, Holzweg ! 😉

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    Ich verstehe wohl nicht recht:
    Massaker gibt es in dieser Zeit doch nur von Deutschen.
    Wenn es deutsche Tote gibt, dann nur, weil sie die Alleinschuld am Krieg haben.
    Die Nachkriegsfilme, -berichte, -geschichten belegen es eindeutig,
    und in der Schule habe ich auch immer gut aufgepasst.

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