„Bombe geplatzt“: Neue Verfassungsschutz-Spur im Mordfall Lübcke

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Eine neue brisante Info hat am Donnerstag den Innenausschuss des Hessischen Landtags aufgerüttelt: Entgegen bisheriger Aussagen hatte der frühere Verfassungsschutzagent Andreas Temme beruflich mit dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder Stefan Ernst zu tun. Das musste der Innenminister des Landes, Peter Beuth (CDU), auf gezielte Nachfragen der SPD einräumen. Im Dunkeln blieb allerdings, inwiefern der langjährige V-Mann-Führer Temme mit Ernst „dienstlich befasst“ war – und ob ein persönlicher Kontakt bestand. Fest steht bisher nur: Auf mindestens zwei Berichten über Stefan Ernst aus dem Jahr 2000 taucht Temmes Name als Bearbeiter auf. Ernst steht in dringendem Tatverdacht, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke Anfang Juni wegen dessen Haltung in Asylfragen erschossen zu haben. Der mutmaßliche Killer hatte die Tat zunächst gestanden, sein Geständnis dann allerdings widerrufen.

Kopfschuss aus nächster Nähe: Walter Lübcke starb auf der Terrasse seines Hauses in Wolfshagen-Istha. | Foto: Mario Alexander Müller

Beuth relativierte: Temme habe während seiner Dienstzeit Informationen aus der rechten Szene in Nordhessen gesammelt , weswegen die Verbindung „keinesfalls verwunderlich“ sei. Der frühere Verfassungsschützer selbst allerdings hatte bislang immer bestritten, Stefan Ernst überhaupt zu kennen – nun dürfte klar sein, dass er gelogen hat. Temme war im Zuge der NSU-Untersuchungen unter Verdacht der Polizei geraten, weil er bei den tödlichen Schüssen auf den türkischstämmigen Halit Yozgat in einem Kasseler Internet-Café 2006 am Tatort war. Das hatte sich im Zuge der polizeilichen Ermittlungen ergeben, Temme selbst hatte sich der Polizei nicht mitgeteilt. Im Verhör behauptete er dann, er habe ­– während Yozgat im durch eine offene Tür verbundenen Nebenraum erschossen wurde – in einem Erotik-Portal geflirtet. Der Ex-Agent will weder die Schüsse, noch das sterbende Opfer wahrgenommen haben. COMPACT fand bei einer investigativen Recherche vor Ort allerdings heraus, dass sich Temme nur kurze Zeit vor den tödlichen Schüssen auf Yozgat mit einem V-Mann aus der Islamistenszene am Tatort getroffen hatte. Bis heute bleibt seine Rolle nebulös, die Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt, der Mord an Yozgat dem NSU zugeschrieben. Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) ließ die Akten für zunächst 120 Jahre sperren, offenbar um islamistische V-Männer zu schützen.

Im Juni traf COMPACT den seinerzeit ebenfalls von Temme betrauten ehemaligen Spitzel Benjamin G., der schwere Anschuldigungen gegen seinen früheren V-Mann-Führer erhebt. In einem Rechercheartikel des Reporters Mario Alexander Müller über den Mordfall Lübcke und die rätselhafte Rolle Andreas Temmes hieß es in der August-Ausgabe unseres Magazins:

Jetzt, wo Walter Lübcke tot ist, bereut G. sein Schweigen. Vor allem über seinen letzten V-Mann-Führer, Andreas Temme, Deckname „Alex“. Der sei ganz anders als die anderen Kontaktleute gewesen, immer ernst und verschlossen. „Psycho“, hatte Mike S. das genannt. Als G. sich schon aus der Szene zurückgezogen hatte, drängte der Agent darauf, er solle jetzt nochmal richtig einsteigen, bei den Kameradschaften, den Hooligans, den Republikanern bei. Zusammen besuchten sie Restaurants, um Informationen auszutauschen. Und Internet-Cafés, zum „Recherchieren“. All das endete 2006, nach dem Mord an Halit Yozgat: G. erinnert sich noch gut daran, wie nervös Temme war, wie er sich ständig umschaute, das letzte Treffen schließlich abrupt abbrach. Das nächste Mal kam ein anderer Agent – Deckname „Heinz“ –, hastig reichte er die Entlassungspapiere durchs geöffnete Autofenster. „Man hat mich fallen lassen, wenn du so willst. Da habe ich ihn gefragt: Was ist denn da für ein Scheißding abgelaufen? Hat der [Temme] den [Yozgat] weggemacht oder was? ‚Heinz‘ hat gesagt: Sobald du den ‚Alex‘ in Kassel siehst, auf der Straße oder bei einer politischen Partei – du kennst den nicht!“

Polizeifoto vom Tatort, 6. April 2006: Die Rolle Temmes ist undurchsichtig. Er sagte, er habe keinen Toten hinter dem Tresen gesehen. Foto: Screenshot RTL 2, Polizeifoto

Besonders brisant werden die neuen Erkenntnisse aus dem hessischen Innenausschuss, weil Temme nach Ende seiner Geheimdienstkarriere ausgerechnet für das Kasseler Regierungspräsidium arbeitete, dem Walter Lübcke vorstand. Nur zwei Wochen vor dem Mord ließ er sich ins Umweltamt versetzen, Lübcke wurde sein direkter Vorgesetzter. „Ich hätte mir keinen besseren Chef vorstellen können“, sagte er der Bild-Zeitung.

Fraglich ist auch, welche Rolle der Verfassungsschutz in Bezug auf Markus H. spielte. Der seinerzeit beste Freund von Stefan Ernst soll diesem den Kontakt zu einem Waffenhändler vermittelt und das Schießen trainiert haben, er sitzt wegen Beihilfe zum Mord in Untersuchungshaft. Während der hessische Innenminister Beuth für Ernst ausschließt, dass dieser ein V-Mann gewesen sein könnte, will er sich mit Blick auf H. nicht festlegen: Dies könne „nicht ausgeschlossen werden“ so der Minister. Ehemalige Weggefährten H.s beschrieben diesen gegenüber COMPACT als Scharfmacher. Aus unserer Reportage:

Markus H. gemeinsam zu einer Demonstration nach Hannover, die kurzfristig verboten wurde. Man kam nur bis Dortmund, ein Vorabtreffpunkt. Die Lage eskalierte, als die wütende Menge auf eine DGB-Kundgebung traf, Steine flogen. Die verbotene Demonstration zog Ermittlungen nach sich, es kam zu Hausdurchsuchungen bei Mike S. und auch bei Stephan Ernst, der später wegen Landfriedensbruchs verurteilt wurde. Fortan gingen sie getrennte Wege, Ernst hielt sich zunehmend an Markus H., der Mike S. als engsten Kameraden ablöste. Der Neue: Ein Waffenliebhaber, der den mutmaßlichen Lübcke-Mörder in den Schützenverein brachte, wo dieser bald das Bogenschießen leitete. Inzwischen sitzt Markus H. in Haft, er soll den Kauf der Mordwaffe arrangiert haben. Mike S. hält ihn für harmlos. Andere sind skeptischer, wie Christian W. (41), ehemaliger Kameradschaftsführer. Der nennt H. einen „Brandstifter – der perfekte V-Mann“. Immerhin: Zumindest einen Rekrutierungsversuch der Behörde soll H. selbst eingeräumt haben.

In diesem Schützenverein war der mutmaßliche Lübcke-Mörder aktiv. Wie auch Markus H. – der soll Kontakt zum Verkäufer der Tatwaffe hergestellt haben. Ein möglicher V-Mann? | Foto: Mario Alexander Müller

 

Frank Hannig, der Anwalt von Stefan Ernst, sagte gegenüber COMPACT, sein Mandant habe Temme nie getroffen. Er habe allerdings eingeräumt, Benjamin G. zu kennen – einen ehemaligen V-Mann, der von Temme geführt wurde. Die Frage sei nun, ob womöglich auch der wegen Beihilfe angeklagte Markus H. ein V-Mann gewesen sein könne.

Jetzt werden aus der Opposition im Hessischen Landtag die Rufe nach einem Untersuchungsausschuss laut. So ist aus Sicht des Abgeordnete Günther Rudolph (SPD) eine „Bombe geplatzt“ – der bisher von der CDU abgelehnte Untersuchungsausschuss sei nunmehr „unausweichlich“. Auch FDP und Linke sprachen sich für einen Untersuchungsausschuss aus.

Klar ist: Es gibt eine seltsame Verbindung von den NSU-Morden zu den tödlichen Schüssen auf Walter Lübcke – und der mysteriöse Andreas Temme ist eine Schlüsselfigur. Damit die Wahrheit über die Rolle des Verfassungsschutzes ans Licht kommt, braucht es auch unabhängige und kritische Journalisten. Unterstützen Sie COMPACT-Magazin mit ihrem Abo, damit wir in Zukunft weiterhin dort recherchieren können, wo andere einen Mantel des Schweigens hüllen wollen (Klick auf den Link). Im Fall Lübcke konnten wir exklusiv mit den Zeugen sprechen, die sich den Mainstream-Medien verweigerten: Dem ehemals besten Freund des mutmaßlichen Killers und dem früheren V-Mann des Agenten Temme, der mit Stefan Ernst bekannt war. Unsere nach wie vor aktuelle große Reportage zu einem der spannendsten Kriminalfälle des Jahres können Sie in unserem digital+ Bereich lesen oder sich das Einzelheft August 2019 hier in unserem Shop bestellen.

 

 




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13 Kommentare

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    Ich habe gestern mit einer grünen Wählerin gesprochen. Ca. 45 Jahre.
    So ist das. Keine Ahnung, aber eine grüne Meinung.
    Sie wußte nichts über den Islam. Sie hatte sich noch nie mit dem Koran beschäftigt. Sie wußte nichts über
    Dr. Habeck und sein chinesiches punkte Model. Sie fragte, ob das Satiere sei.
    Sie wußte nichts über unsere Toten. Sie wußte nichts über den Migrationspackt.
    Aber eins wußte sie, dass die AFD rechtsradikal ist und demnach nicht wählbar.
    Aber ein gutes hatte sie. Sie hat zugehört und war zunehmen verstört.
    Ich habe ihr COMPACT empfohlen und nach ca 40 Minuten eine ziemlich verstörtes Mädchen zurückgelassen.

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    Der Lübcke-Mord kann vermutlich andere Hintergründe haben. Dass ein Mordmotiv nach Jahren einer Aussage vorliegen soll, kann man nur noch als Naiver glauben. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, vor allem in Hessen.

    Im "Lügenland" Hessen sei nur an die Konstruktion vom V-Mann Nonne erinnert – es ging damals um den Mord an Herrhausen, um ihn der RAF in die Schuhe zu schieben, was dennoch später aufflog. Der besagte V-Mann Nonne wehrte sich später, weil er vom hessischen Landesamt für "Verfassungsschutz" zu Aussagen gezwungen wurde, die nicht der Wahrheit entsprachen.

    Historisch zeigt sich daher eine gewisse Kontinuität bei der Manipulation von Fakten in Hessen, was kürzlich beim Kassler "NSU"-Fall erneut belegt wurde. Und nun Lübcke. Fragen über Fragen. Was macht einem beim Lübcke-Mord stutzig? Bis heute gibt es keine schlüssige Antwort auf die seltsamen Umstände zum Tatort und die zahlreichen Varianten, die geboten wurden. Gerade in Hessen gilt: Glaube nichts, hinterfrage alles. Der Sumpf ist so tief, dass man selbst mit einem langen Stock keinen Grund berühren kann.

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    Rumpelstielz am

    Die Ceska aus Zwickau hat das falsche Beschussjahr (Anm. d. Red.: Das ist ein Stempel mit der Jahreszahl der ersten Probeschüsse auf der Waffe), 1993 statt 1989, wie die anderen aus der Schweiz-Serie. Aber sie ist »Made in Czechoslovakia«, ein Staat, der seit 01.01.1993 gar nicht mehr existierte; die ganze Geschichte der Schweizer Ceska als Mordwaffe kann nicht stimmen.
    An 8 von 10 Tatorten wurde ein Mann vom Verfassungsschutz gesehen, als die "normale" Polizei den ermittelt hatte – zog der einen Ausweis "Verfassungsschutz" und die Ermittlungen wurden eingestellt. UND – die Mordserie hörte auf.
    Und jedes mal, wenn ein rechtsnationaler Anschlag stattfindet, ist der v(E)rfassungsschutz in der Nähe – Ein Schelm der Böses dabei denkt.
    Böhnhards DNA an der Leiche von Peggy. Schland hat fertig… Sch steht für schweiß ohne w.

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      "Das RAF-Phantom"…Der Autor dieses Buches, Wisnewski, wird heute von allen einschlägigen
      Links-Medien als "Verschwörungstheoretiker"bezeichnet. Das er recht hat kann man nur mit sich selbst ausmachen. Das Phantom war lange vor der RAF geboren und wird lange nach Halle weiterleben, es sei denn, durch ein Umdenken der Deutschen zurück zu einem Rechtsstaat fliegt die ganze Mischpoke in die Luft.

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    Jeder redet von den Tätern. Aber warum wurden die Opfer überhaupt getötet? Man bringt doch nicht einfach jemanden um, nur weil man es kann oder weil es ein Türke ist. An Zufalls- oder Terroropfer glaube ich in diesem Zusammenhang jedenfalls nicht, weil das sehr merkwürdige Terroranschläge wären. Keine wirklichen Bekennerschreiben, keine eindeutigen Tätergruppen, das hat mehr Ähnlichkeit mit Mafiamorden, als mit politisch motivierten Anschlägen. Unter dem Schirm Rechtsradikal lässt sich aber alles wunderbar täuschen, tarnen und verstecken. Früher war es die RAF, nun sind es eben die bösen Nazis. Der Unterschied ist allerdings, dass sie keinen Unterschied zwischen Konservativ und Rechtsradikal mehr machen und das spaltet die Gesellschaft nicht nur, das zerstört sie, weil ein Großteil sich nicht mehr demokratisch vertreten fühlt. Bei der RAF war das anders, die SPD hatte nie wirklich ein Richtungsproblem, Links war auch zu Zeiten der RAF nicht zwangsläufig Linksradikal. Aber durch die linksradikale Systempresse wird nun der Feind überall gesehen und was nicht eindeutig Links ist, ist automatisch ein Nazi oder zumindest ein geistiger Brandstifter. Wer dabei aber wirklich mit dem Feuer spielt, erkennen diese Schreiberlinge nicht, weil sie in ihrer Ideologie so verblendet sind, das diese alles überstrahlt was nicht genauso denkt wie sie selbst. Seine eigene Ideologie aber für absolut zu halten, ist Faschismus, doch so weit reicht der Denkprozess offenbar nicht.

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    Jeder hasst die Antifa am

    Dubios und undurchsichtig der Lübckemord und der Mord von Halle wer steckt da dahinter wenn es nicht eindeutig ein rechter war werden diese Fälle nie aufgeklärt.

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      Helmut Schmidt: "Ich habe den Verdacht, dass sich alle Terrorismen, […] in ihrer Menschenverachtung wenig nehmen. Sie werden übertroffen von bestimmten Formen von Staatsterrorismus."
      ZEIT: "Ist das Ihr Ernst? Wen meinen Sie?"
      Helmut Schmidt: "Belassen wir es dabei. Aber ich meine wirklich, was ich sage."

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    DerSchnitter_Maxx am

    Regime-VS = Lügen – Täuschen – Tarnen – Anstiften – FalseFlag – Beseitigen – Vertuschen – Verschleiern – Untertauchen und Absetzen – was sonst ?! 😉

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      Nun, ja. Es ist ja die Aufgabe von Geheimdiensten zu verschleiern……………..
      Auch wenn diese Bezeichnung "Geheim", bei unseren Diensten nicht benutzt wird, so ist die Schule doch die ähnliche wie bei anderen ausländischen Diensten.

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        DerSchnitter_Maxx am

        Aber nicht zur steten Selbstbezichtigung und sukzessiven Selbstvernichtung ! 😉

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    Paul, der Echte am

    Göring-Eckardt bezeichnet Großteil der AfD als „Nazis und Faschisten“

    Ich bin soooooooooooooooo glücklich , von dieser Tunte geadelt zu werden.

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      Jeder hasst die Antifa am

      Mal sehen ob die Dummheit auf zwei Beinen auch bald mit dem Messer auf die AfD losgehen wird, wie der feiste Kapaun aus dem Kalifat NRW

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