Donald Trump möchte Schullehrer verdeckt Waffen tragen lassen. Über die Waffendebatte in den USA schrieb Hartmut Grebe in COMPACT vor fünf Jahren. Er  hat 20 Jahre lang in den USA gelebt, an Universitäten geforscht und im Silicon Valley gearbeit und weiß aus eigener Erfahrung: Das Problem hat zwei Seiten.

    _von Dr. Hartmut Grebe (aus COMPACT 02/13)

    Nach dem Amoklauf am 14. Dezember 2012 in einer Schule in Newton, Connecticut – der jugendliche Täter erschoss 20 Kinder und sechs Erwachsene – waren erstmal alle geschockt und sprachlos. Auch die Schusswaffenlobby, die National Rifle Association (NRA), blieb eine Woche lang stumm. Dann ging ihr Vice-President, Wayne LaPierre, wieder aggressiv an die Öffentlichkeit: Der Amoklauf hätte verhindert werden können, wenn die Direktorin der Schule bewaffnet gewesen wäre. Sein zentraler Satz war: „Die beste Strategie gegen einen Bösen mit einer Waffe ist ein Guter mit einer Waffe.“ Wobei er offensichtlich davon ausgeht, dass der “Gute” besser schießen kann…

    Die Gegenreaktion war diesmal deutlich stärker als zuvor. Kein Politiker konnte es sich leisten, öffentlich etwas anderes zu beteuern als die Notwendigkeit, den Zugang zu Waffen einzuschränken.

    Dabei haben sich die Mordraten in den USA über die letzten drei Jahrzehnte halbiert: von etwa 10 Mordopfern pro hunderttausend Einwohner im Jahr 1980 auf 4,7 im Jahr 2011. Während etwa derselben Zeit stieg der private Waffenbesitz von 84 auf 89 Waffen pro 100 Personen an.

    Es gibt unzählige Studien mit “wissenschaftlich fundierten” Analysen und Reformvorschlägen. Klarheit haben sie nicht gebracht. Manche Ergebnisse sind das genaue Gegenteil der Aussagen anderer. Die Debatte wird hitzig geführt. Ein Ergebnis zeichnet sich nicht ab. Dazu kommt, dass die Tätergruppen zu unterschiedlich sind, als dass eine übergreifende Aussage gemacht werden könnte.

    Eine spezielle Tätergruppe sind die Amokläufer an Schulen. Seit dem spektakulären “Killing Spree” an der Columbine High School in Colorado mit 32 Todesopfern (April 1999) gab es etwa 130 weitere Amokläufe in Schulen, die jeweils mindestens ein Todesopfer forderten, im Schnitt zwischen 1 und 4. Die Taten waren fast immer Aggressionsausbrüche psychisch gestörter Jungen. Hier sind auf dieses Umfeld zugeschnittene Maßnahmen gefragt. Wenn man allgemein den Zugang zu Waffen einschränken würde, um diese Tätergruppe zu treffen, dann wäre dies eine Maßnahme wie die Reduzierung von Automobilzulassungen, um die Zahl der Verkehrstoten zu senken.

    Es bleibt die Tatsache, dass die USA unter den westlichen sowie noch weiteren industrialisierten Ländern die Nation mit der höchsten Anzahl von Waffenbesitzern ist. Doch wie dieser Umstand mit der Anzahl von Morden korreliert, ist nicht gesichert. Während in den USA, wo 89 Prozent der Bürger Waffenbesitzer sind, etwa fünf Personen pro hunderttausend Einwohner durch Schusswaffen zu Tode kommen, sterben in Honduras 68 Menschen von hunderttausend durch Schusswaffen, obwohl dort nur sechs Prozent der Bürger Schusswaffen besitzen. In der Schweiz liegen Mordrate und Waffenbesitz in derselben Größenordnung wie in den USA. Dort gibt es keine Amokläufe.

    Die amerikanische “Waffenkultur” bleibt für Europäer unverständlich. Sie hat sich aus der Geschichte der USA entwickelt und ist eng mit der amerikanischen Haltung zu Regierung und Gesellschaft verknüpft. In Amerika haben der Freiheitsdrang der Einwanderer, die Besiedlung des riesigen Landes fernab von staatlicher Regulierung und schließlich die vielbesungenen „unbegrenzten“ Möglichkeiten eine Kultur geschaffen, in der man sehr viel weniger auf eine sorgende Regierung vertraut als bei uns. Die Selbstverantwortung erstreckt sich auch auf die eigene Sicherheit.

    Die Statistik zeigt, dass die Haltung, dass man zum Eigenschutz notfalls selbst zur Waffe greifen muss, schwächer wird, wenn auch langsam. In Staaten mit großen spärlich besiedelten Flächen und dünner Polizeiversorgung wird weiter auf Selbstverteidigung gesetzt werden.

    Die Amokläufe an Schulen sind auch Ausdruck eines umfassenderen sozialpsychologischen Problems der USA. Der Aggressionsstau in einer vordergründig diplomatisch-lächelnden Alltagskultur führt immer wieder zu tödlichen Ausbrüchen von Rage, nicht nur an Schulen.

    Amerikanern ist die Dringlichkeit eines Wandels in diesem Bereich wohl bewusst. Das zeigte die Geschwindigkeit, mit der Ende der 1960er Jahre das Buch The Intimate Enemy von Dr. George Bach und Peter Wyden zum langjährigen Bestseller wurde. Mit seinem Markenzeichen des „fairen Streits“ setzte sich Bach in Büchern, Workshops und Trainerkursen für eine offene Streitkultur des Alltags ein.

    Wie man in die “Waffenkultur” hineingezogen werden kann, habe ich am eigenen Leib erfahren. Ich war Fluglehrer in Kalifornien, als ich zwei illustre Flugschüler hatte: José, ein Latino mit mexikanischen Wurzeln, der ehedem Linksrevolutionär und nun Marihuanahändler war, und Gerrit, ein Rechtsextremer, der in Deutschland klar als Nazi eingestuft worden wäre.

    Die beiden hatten ein freundliches und kooperatives Verhältnis. Typisch amerikanisch, dass man diplomatisch miteinander umgeht, wenn persönliche Gegensätze, selbst radikale, mit einer gemeinsamen Aktivität nichts zu tun haben.

    Josés Freunde schmuggelten Marihuana und anderes mit Flugzeugen von Mexiko in die USA, indem sie die amerikanische Grenze extrem niedrig unter dem Radar überflogen. In den Weiten des amerikanischen Westens kann man immer irgendwo in der Wüste unbemerkt landen und in einen Laster umladen.

    Gerrit nahm mich auf seinen Schießstand mit, wo wir Zielschießen mit seiner 45 Automatic übten, die schwere Artillerie unter den Handwaffen. Für mich war das eine sportliche Konzentrationsübung. Ich dachte zu dem Zeitpunkt nicht daran, mich zu bewaffnen.

    Eines Tages fühlte sich José von mir in seiner Ehre gekränkt, mir völlig unverständlich. Ich hatte weder eine Kränkung, nicht einmal irgendeine Zurechtweisung beabsichtigt, wußte nicht einmal, worin die Kränkung eigentlich bestanden hatte.

    Josés Pilotenlogbuch befand sich zu diesem Zeitpunkt zum Eintragen von Übungsstunden zufällig bei mir. José wollte mich nun mit gefährlichen Drohungen, die seinem Halbwelt-Milieu entsprachen, dazu zwingen, dass ich ihm das Logbuch zu ihm nach Hause bringe.

    Einmal hatten wir uns mit einem Offiziellen auf dem Flugplatz von Oakland gestritten, der damit drohte, wegen irgendetwas vor Gericht zu gehen. José offerierte ungerührt eine Problemlösung aus seinem Umfeld: “Das Gericht wird Ihnen nicht Ihre Zähne zurückgeben.“

    Nun sah ich mich mit dieser Art von Bedrohungen konfrontiert. Ja, was geschieht eigentlich, wenn mich Josés “Hoods” (junge Gangster) in meinem Haus aufsuchen? Mir wurde klar, dass ich allein durch das Bekanntsein meiner Adresse höchst verwundbar war. Heute werde ich hier in Berlin wieder an diese Verwundbarkeit erinnert, wenn Jugendgangs und politische Extremisten jemandem damit drohen: “Wir wissen, wo Du wohnst.“ Weder hätte mich die Polizei damals schützen können, noch könnte die Berliner Polizei mich heute schützen. Ja, wie kann ich mich überhaupt schützen?

    Damals rüstete ich auf. Ich kaufte mir eine 45 Automatic und lieh mir den stattlichen Schäferhund einer Freundin. Ich schlief nachts mit geladener Waffe unter dem Kopfkissen und dem Hund unter meinem Bett. Die 45 Automatic ist eine gefährliche Waffe, die die Polizei aus Sicherheitsgründen nicht benutzt. Beim Erschießen eines Gegner mit einer 45 kann man leicht jemanden miterschießen, der sich im nächsten Raum befindet.

    In Amerika muss man, wenn man sich eines Einbrechers oder gewaltsamen Eindringlings erwehren will, diesen zuverlässig tot schießen. Denn wenn man jemanden nur anschießt, um ihn außer Gefecht zu setzen, wird man sich möglicherweise existenzbedrohenden Prozessen gegenübersehen. Andererseits wird, wenn die äußeren Umstände für einen Einbruch oder gewaltsamen Zutritt sprechen, kein Staatsanwalt überhaupt nur Anklage gegen einen Todesschützen erheben.

    Eines Tages wurde meiner damaligen Partnerin Nora meine Obsession mit José zu viel, und sie sagte: “Gib mir das Logbuch, und ich bringe es zu ihm nach Hause, nach San Francisco. Dafür will ich von jetzt ab nichts mehr von José hören.“ Sie hat dies dann ungerührt getan, mit jüdischem Einfühlungsvermögen und den Erfahrungen aus ihrer Jugendzeit in der multikulturellen Vielvölkerstadt New York. Hinterher erzählte sie, José sei sehr freundlich gewesen und habe sie bewirtet. Nora hatte ihn vorher nur einmal im Vorbeigehen gesehen und gleich richtig eingeschätzt.

    Ich war in gefährliche kulturelle Missverständnisse hineingelaufen. Zum einen hatte ich als Deutscher sein mexikanisches Machogehabe für bare Münze genommen. Zum anderen hatte José Angst gehabt, dass ich ihm eine disqualifizierende Bemerkung mit meiner Unterschrift und Lizenznummer ins Logbuch schreibe, weil er meinen deutschen Hintergrund übersah.

    Tatsächlich hätte ich ihn aufgrund einiger Verstöße gegen die Luftfahrt-Vorschriften und seines Drogenhandels bei der FAA, der Luftfahrtbehörde, melden müssen. Zu meinen Pflichten gehörte auch, dass ich seine charakterliche Qualifizierung als „Solo Pilot“ und später als „Private Pilot“ nach den Maßstäben der FAA attestieren musste.

    Mit meinen deutschen Maßstäben hielt ich es aber für selbstverständlich, nicht jemanden an Behörden zu verraten, der mir einmal nahegestanden hatte, auch wenn ich inzwischen mit ihm verkracht war. Ein Yankee, für den mich José hielt, hätte sich anders verhalten. Allerdings muss ich sagen, dass ich froh war, dem Gewissenskonflikt zwischen späterer Unterschrift und ihrer Verweigerung entronnen zu sein.

    Obwohl die Rückgabe des Logbuchs Noras Initiative war, sah die Situation für José so aus: Ich hatte mich offenbar nicht einschüchtern lassen, ihm aber trotzdem Respekt erwiesen, indem ich ihm eine charmant-diplomatische Emissärin geschickt hatte. Dazu hatte ich in seinem Logbuch die mit ihm geflogenen Stunden als erfolgreich absolviertes Flugtraining eingetragen. José wußte nun: Er brauchte keinen weiteren Terror gegen mich auszuüben; ich würde ihn und seine Freunde nicht verraten. So sind wir ehrenhaft und ohne „Showdown“, ohne gefährliche Konfrontation, auseinander gegangen.

    Die Episode war ein eindrucksvolles Lehrstück für mich. Sie und meine spätere Berührung mit Buddhismus haben mich schließlich zu der Haltung gebracht, dass es wenige Situationen im Leben gibt, die sich nicht durch soziale Fertigkeiten lösen lassen. Doch die eigene Wohnadresse bleibt ein Schwachpunkt. Wie soll man sich verteidigen, wenn in Deutschland die aus dem Osten überschwappende Kriminalität weiter zunimmt? Oder sich eine jakobinische Political Correctness verschärft und die Wohnadressen von unsereins im Internet, dem modernen Pranger, veröffentlicht werden?

    Dieser Text erschien zuerst in COMPACT 02/13

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