Berlinale goes Irrenhaus. Anstelle eines kontroversen Filmprogramms setzt die Festivalleitung auf Betroffenheits-Kult. #metoo heißt das Zauberwort! Aktivisten ließen sich nicht lange bitten und schufen ein Rahmenprogramm des Grauens.

    Als langjähriger Festivalleiter hätte Dieter Kosslick wissen müssen: Kunst und Moralisieren – dieser Mix verträgt sich nicht. Mit der Ernennung von #metoo zum Motto der diesjährigen Berlinale öffnete er ein Tor, durch das Pseudo-Kreative, Moralinjunkies, Hobby-Inquisitoren, Pranger-Fetischisten, Volkspädagogen, Ankläger aus Wollust und Hassabhängige hineinkriechen konnten. Und die ließen sich nicht lange bitten.

    Mag das Festival auch in Mittelmaß und Langeweile siechen, mit Moralposaune und Parolen rettet man es nicht. Zumal kaum Filme vorliegen, die zum #metoo-Motto passen: Der Eröffnungsstreifen der Berlinale, Isle of Dogs, ist beispielsweise ein Animationsfilm über Hunde, die in Japan auf einer Müllkippe entsorgt werden.

    Okay, aus einer Perspektive lässt sich diese Entscheidung nachvollziehen: Das Berlinale-Highlight 2016 war schließlich kein lauwarmer Programmfilm, sondern George Clooneys Besuch bei Bundeskanzlerin Merkel. Im Jahr darauf versuchte Richard Gere ein Remake dieses PR-Coups, und stürmte ebenfalls in Big Angies Büro. Aber 2018 stand kein Merkel-Fan aus Hollywood mehr zur Verfügung. Da kam #metoo gerade recht.

    Ein weiterer Vorteil: Die Medien geben Beispiele, Argumentation und Vokabular seit Monaten vor. Da könnte man jede Denkarbeit im Vorfeld einsparen. Nur ein wenig Betroffenheit heucheln, und schon lässt sich loslabern. So bedauerte Kulturstaatsministerin Monika Grütters ihrer Eröffnungsrede, dass wir „wir seit Wochen mehr über Männer reden, die nur einen Bademantel anhaben, als über Frauen, die die Hosen anhaben.“ Solange wir nicht über Frau Grütters im Bademantel reden müssen… Eine Zuhörerin staunte auf Twitter, dass der Applaus für die Rednerin “so verhalten” gewesen sei.

    Festivalleiter Kosslick setzte voll auf den Gratismut seiner Redner und Aktivisten. So versprach er: Wer aus Solidarität mit #metoo schwarze Farbe auf den roten Teppich kippen will, könne das gerne machen. Der Schauspielerin Claudia Eisinger genügte das nicht. Sie verlangte via Petition, dass Kosslick den Teppich höchstpersönlich einschwärzt (oder schwärzen lässt). Am Ende konnte sie 23.347 Unterschriften vorlegen. Dennoch kam der Berlinale-Chef ihrer Aufforderung nicht nach. Oh Dieter, wenn das mal keine verpasste Chance war…

    Noch ein mutiges Revolutiönchen: Die Aktion “Nobodys Doll” der Schauspielerin Anja Brüggemann. Die wandte sich, im Namen der „Vielfalt“, gegen die sexy Präsentation weiblicher V.I.P.s auf dem rotem Teppich: „Natürlich ist ein Abendkleid total schön und natürlich gibt es Frauen, die sich in High Heels wohlfühlen. Aber das bildet nur einen schmalen Spalt dessen ab, auf welche Weise eine Frau attraktiv sein kann.” Und? Was tun? Soll es jetzt Bekleidungs-Quoten geben? Müssen jetzt, sagen wir 10 Prozent der weiblichen Gäste in Jeans und Turnschuhen kommen?… Berlinale-Chef Kosslick dazu: Jede Frau soll zur Berlinale gehen, wie sie will.

    Für ganz Hartgesottene gibt es heute eine Debatte im Theater Tipi (beim Kanzleramt) über Belästigungsprävention. Als Diskutanten sind u.a. WDR-Direx Jörg Schönenborn und Schauspielerin Natalia Wörner angekündigt. Die präsentierte sich bereits am Eröffnungsabend mit ihrem Lebensgefährten, dem Justizminister Heiko Maas (SPD).

    Damit es nicht beim Jammern bleibt, kommen auch mutige Macher zu Wort: Im Meistersaal präsentierte Daniela Elstner, Chefin der Weltvertriebsfirma Doc & Film International (Paris), ihr „Speak Up“-Manifest. Darin droht sie, Anlauf- und Beratungsstellen für Betroffene zu errichten, einen Verhalten-Codex für die Branche auszuarbeiten und Body-Guards für Schauspielerinnen zu stellen, die sich alleine nicht zu Drehbuchbesprechungen mit bösen Regisseuren trauen.

    Grünen-Tweet

    Selbst Iris Berben, seit 50 Jahren Schauspielerin und Präsidentin der deutschen Filmakademie, hat die Anti-Sexismus-Kämpferin in sich entdeckt. Auch sie gründete gleich eine Anlaufstelle für die Opfer des patriachalischen Produktionssystems. Das beste Mittel gegen Machtmissbrauch aber sei: Mehr Frauen in Schlüsselpositionen. Notfalls auch durch Quote.

    Hier ist er wieder, der feministische Dualismus: Gewalt und Missbrauch geht nur von Männern aus. Kommen Frauen an die Macht, verschwindet das Übel. Leider weiß ich von einer feministischen Theaterregisseurin, die regelmäßig zum Sex-Urlaub in Entwicklungsländer fliegt, um dort farbige Jungmänner zu „mieten“. Für eine ihrer Inszenierungen castete sie einen farbigen Schauspieler, der nur rumstehen und sich ausziehen musste. Der junge Mann wusste, dass dies der Grund seines „Engagements“ war. Auch alle Kollegen wussten es. Aber eine Ablehnung hätte er sich finanziell kaum leisten können.

    Zurück zu Berlinale 2018. Witzigerweise stieß Kosslicks #metoo-Konzept außerhalb der Aktivisten-Blase kaum auf Jubel. Selbst schleimigsten Mitläufer-Medien war dieser Rummel einfach zu platt. Aber eine Bombe schien die Filmauswahl zu enthalten: Human, Space, Time, and Human, das neue Werk des Südkoreaners Kim-Ki-Duk. Der Zündstoff liegt allerdings nicht im Film, sondern in der Biographie des Starregisseurs: Erst kürzlich hatte eine Schauspielerin ihn beschuldigt, sie in Moebius (2013) zu einer unabgesprochenen Sex-Szene gedrängt und außerdem geohrfeigt zu haben. Ein Bilderbuchfall für #metoo, oder?

    In Südkorea kam der Fall vors Gericht. Dabei gestand der 57jährige Regisseur die Ohrfeige ein. Von der Nötigung zur unabgesprochenen Sex-Szene wurde er jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Urteil: Kim Ki Duk musste der Klägerin fünf Millionen Won (ca. 3700 Euro) zahlen.

    Deshalb hallte durch Südkorea ein Aufschrei, als die Einladung zur Berlinale dort bekannt wurde. Um die 140 Gruppierungen publizierten am Donnerstag eine wütende Erklärung: „Wir leben in dieser ungerechten Wirklichkeit, in der ein Gewalttäter überall arbeiten kann und empfangen wird, als wäre nichts geschehen, während das Opfer, das gegen den Missbrauch die Stimme erhoben hat, isoliert und marginalisiert wird”.

    Valie Export: Tappen und Tasten, 1968

    Würde Kim-Ki-Duks Anwesenheit hier vergleichbare Reaktionen provozieren? Bevor Human, Space, Time, and Human am Samstag zur Premiere kam, stellte sich der Regisseur der Presse, entschuldigte sich, betonte die Wichtigkeit der #metoo-Bewegung und versicherte, kein schlechter Mensch zu sein. Das komplette Sack- und Asche-Ritual halt. Mit Erfolg: Mainstreamblättchen wie der Tagesspiegel fanden Human, Space, Time, and Human zwar trotzdem irgendwie frauenfeindlich, aber der Skandal blieb aus.

    Wie ein Fremd-Körper (im doppelten Wortsinne) wirkt in diesem Festival ein zweiminütiger Film der Künstlerin Valie Export. Ihr Tapp und Tastkino (1968), vor genau fünfzig Jahren gedreht, zeigt, wie sie Menschen auf der Straße auffordert, ihren – im Karton verborgenen – Körper zu berühren. Fass-mich-an! Das war damals tatsächlich ein Aufruf zur Befreiung…

    Weiterlesen: Aufstand der Heuchler – Sexverbot in Hollywood

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