Nach dem Linken-Wahlsieg: So viele Polizisten wollte noch nie die Hauptstadt verlassen. Und das, obwohl Berlin angesichts der hohen Kriminalität dringend Beamte benötigt. Das COMPACT-Spezialheft «Mädchen. Messer. Morde» zeigt schonungslos auf, was in diesem Lande los ist. Hier mehr erfahren.

    Seit der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026, bei der Die Linke mit 25,7 Prozent klar stärkste Kraft wurde und ihr Ergebnis mehr als verdoppelte, haben nach einer Umfrage von FOCUS online bei den anderen Bundesländern mindestens 72 Berliner Polizeibeamte eine Versetzung beantragt oder angefragt.

    Davon entfallen allein 58 auf Baden-Württemberg, 10 auf Bayern, 3 auf Thüringen und 1 auf Bremen. Die Berliner Polizei selbst kennt offiziell bislang nur rund sieben formelle Versetzungsanträge seit Anfang September, da viele Beamte sich zunächst direkt bei anderen Ländern erkundigen. Hinzu kommen aktive Abwerbeversuche aus Baden-Württemberg und Brandenburg.

    Zum Vergleich: 2025 gab 22 Versetzungen und 2024 36. Es ist keine Überraschung, warum die Hauptstadt für die Beamten aktuell wenig attraktiv ist. Die Lage ist einfach zu undurchsichtig und die Zukunft zu ungewiss.

    Soziale Arbeit statt Polizeiarbeit

    Im Wahlprogramm heißt es ausdrücklich, der Sicherheitsbegriff dürfe sich nicht an polizeilichen Kriterien orientieren, sondern müsse sich an der Bekämpfung gesellschaftlicher Ursachen für Unsicherheit ausrichten. Dies müsse sich auch in der Verteilung der finanziellen Ressourcen widerspiegeln. Die immer weitere, teure Aufrüstung der Polizei wolle man stoppen und die Mittel umverteilen. Polizeieinsätze etwa bei Demonstrationen, anlasslosen Kontrollen an kriminalitätsbelasteten Orten und in Waffenverbotszonen oder bei Fußballspielen seien personalintensiv und oft nicht zielführend. Man werde prüfen, wie der Personalbestand bei der Polizei auf das Niveau anderer Stadtstaaten zuzüglich hauptstadtbedingter Mehrbedarfe gemäß dem Hauptstadtfinanzierungsvertrag angepasst werden könne. Die frei werdenden Mittel würden stattdessen zur Finanzierung von Stellen bei Not- und Krisendiensten, in der Straßensozialarbeit und Ähnlichem verwendet.

    Außerdem wollen die Linken die Polizeiarbeit durch soziale Arbeit ersetzen – «wo immer dies möglich ist».

    Baden-Württembergs CDU-Innenminister Manuel Hagel traf den Nagel auf den Kopf:

    «Die Berliner Polizei ist zu schade für eine linke Clan-Bürgermeisterin, die ihr Mittel und Befugnisse nehmen will.»

    Man fragt sich, wo genau soll das in Berlin möglich sein, der Hauptstadt, in der Messerattacken und andere Straften zum bitteren Alltag gehören? In der Pressemitteilung zur Polizeilichen Kriminalstatistik Berlins vom 11. März 2026 rühmten Innensenatorin Iris Spranger und Polizeipräsidentin Dr. Barbara Slowik Meisel den Rückgang von Messerstraftaten in den Waffen- und Messerverbotszonen im Görlitzer Park, am Kottbusser Tor und am Leopoldplatz um 25 bis 45 Prozent, mussten aber eingestehen, dass Sexualstraftaten um 15,7 Prozent gestiegen sind. Stadtweit stiegen die Messerangriffe allerdings um 5,5 Prozent auf 3.599 Fälle. Im Jahr 2025 wurden in Berlin 502.743 Straftaten erfasst – 6,7 Prozent weniger als im Vorjahr und der tiefste Wert der vergangenen zehn Jahre, wenn man das Corona-Jahr 2021 ausklammert.

    Die Schusswaffenkriminalität stieg 2025 um 68 Prozent auf 1.119 Fälle. Während 2024 noch 303 Fälle mit Drohung und 363 mit Schussabgabe registriert worden waren, lagen die Zahlen 2025 bei 604 Drohungen und 515 Fällen, in denen geschossen wurde.

    Vor diesem Hintergrund wirken die Formulierungen im Wahlprogramm für Teile der Polizei wie ein Signal mangelnder politischer Rückendeckung – auch angesichts der Tatsache, dass die Polizei-Gewerkschaft die Besoldung als «unterirdisch» bezeichnet.


    Im Sondierungspapier mit Grünen und SPD wurden die Formulierungen des Wahlprogramms dann doch abgeschwächt. Es soll keinen Personalabbau geben, die Polizei von „polizeifremden“ Aufgaben entlastet werden und Waffenverbotszonen sowie Videoüberwachung erst 2028 gemeinsam mit der Polizei überprüft werden. Ob das ausreicht, um die Unruhe in der Berliner Polizei zu dämpfen, ist fraglich.

    Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin, sagte im Gespräch über die Versetzungsanträge mit FOCUS online, die Zahl überrasche sie nicht. In den wenigen Wochen sei das aber viel, und wenn es Schule mache, hätten sie ein Problem. Theoretisch würde man fast eine Hundertschaft verlieren. Wenn das jedes Jahr passiere, sei personell in zwei Jahren ein Polizeiabschnitt in Berlin weg.

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