ARD-Anstalten gestehen jahrelange Manipulationen von Zuschauerumfragen ein

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Die Fälschungen bei der ZDF-Rankingsendung Deutschlands Beste waren kein Einzelfall: Gleich vier ARD-Anstalten räumten in den letzten Tagen ebenfalls ein, Zuschauerabstimmungen verändert zu haben – mit zum Teil hanebüchen wirkenden Erklärungen. Betroffen sind angeblich nur seichte Unterhaltungsformate. Doch mindestens eine Politik-Umfrage präsentierte ebenfalls Ergebnisse, die zu Nachfragen provozieren.

So habe der Westdeutsche Rundfunk (WDR) seit 2008 gleich zehn von 111 Abstimmungen manipuliert. Vielleicht gerade noch nachvollziehbar waren dabei Eingriffe bei Umfragen, in denen sich «die Klicks für einzelne „Kandidaten“ dermaßen auffällig gehäuft haben, dass ein organisierten Hochklicken durch Interessengruppen auf der Hand lag» – etwa bei Sendungen zu den beliebtesten Bauwerken und Ausflugszielen in Nordrhein-Westfalen. Aber auch bei Stimmgleichheiten, oder einer, aus Sicht der Redaktion, zu geringen Beteiligung bastelten sich die Verantwortlichen ihre Ergebnisse offenbar nach eigenen Wünschen zusammen. Dafür seien dann «weitere journalistische Kriterien» wie statistische Werte herangezogen worden.

Auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) räumte Manipulationen ein. So sei 2013 in den Sendungen 21 Dinge, die man in Berlin erlebt haben muss und 21 Dinge, die man in Brandenburg erlebt haben muss die ausgestrahlte Reihenfolge «nicht mit dem Abstimmungsergebnis überein». Die Begründung des Berliner Gebührensenders klingt dabei derart arrogant, dass sie glaubhaft sein dürfte: «Die zuständige Redaktion habe eine andere Sendedramaturgie für wirkungsvoller gehalten und daher die Reihenfolge verändert», heißt es in einer Erklärung. So rutschte die Berliner Ringbahn von Platz zwei der Favoriten auf Rang 13. Nach Ansicht des RBB sei die Ringbahn seit der S-Bahn-Krise eher «Teil des täglichen Leidensweges als eines Erlebnisses» und damit offenbar nicht sehenswert – was die Zuschauer allerdings anders eingeschätzt hatten. Stattdessen setzte die RBB-Redaktion selbstherrlich die Robbenfütterung im Zoo auf den zweiten Platz. Diese Manipulation «hat in der Folge dann weiteren Veränderungen aus ähnlichen Gründen den Boden bereitet», so ein RBB-Sprecher im Tagesspiegel – zu Deutsch: die Manipulateure sind so richtig auf den Geschmack gekommen. Bei den Sehenswürdigkeiten, die in Brandenburg einen lohnen, wurde schließlich ab Rang 12 «wild gewürfelt», wie der Tagesspiegel schreibt.

Der Hessische Rundfunk (HR) bastelte sich die Ergebnisse von drei Rankingsendungen nach eigenem Belieben neu. So störte die Redaktion etwa, dass sich bei der Abstimmung zur Sendung Die beliebtesten Klassiker des Kinderfernsehens zwei Trickfilme auf benachbarten Plätzen wiederfanden. Zudem räumte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) ein, elf Umfragen in Radio und Fernsehen manipuliert zu haben, etwa bei der Sendung  Top Flops Gala 2013 und Die bedeutendsten Norddeutschen.

Keine Manipulationen fanden angeblich Südwestrundfunk und Bayerischer Rundfunk – allerdings nicht aufgrund höheren journalistischen Ethos. Während die Münchner Anstalt schlicht keine Rankingsendungen produziert, lassen die Stuttgarter ihre Zuschauer lieber gar nicht erst abstimmen. Man gehe «mittlerweile mehr und mehr zu redaktionellen Rankings über».

Wer nun mit einer wenigstens zur Schau gestellten Demutsreaktion der Verantwortlichen in den aus der Zwangsgebühr von monatlich 17,98 Euro pro Haushalt finanzierten ARD-Anstalten gerechnet hat, liegt falsch. «Weil Bildrechte fehlten, die Materiallage schlecht war oder aus dramaturgischen Gründen wichen einzelne Platzierungen in sogenannten Ranking-Sendungen vom Online-Voting ab», so die lapidare Erklärung des NDR. Die Vorsitzende des Hamburger Rundfunkrates, Ute Schildt, verkündete als offenbar besondere Leistung, dass seine Intendanz die Untersuchung frühzeitig in Auftrag gegeben hat – eine interne Aufklärung, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Über weitere Konsequenzen soll der Rundfunkrat im September beraten.

HR-Intendant Helmut Reitze scheint gar nicht die Manipulation als solche zu stören – sondern lediglich die Informationspolitik seines Hauses. «Die redaktionellen Eingriffe ins Voting im HR-Fernsehen hätten dem Publikum transparent gemacht werden müssen». Ähnlich sieht es auch der WDR. «Obwohl es sich hier eindeutig um journalistisch begründete Korrekturen am Voting handelte, hätten diese dem Publikum gegenüber transparent gemacht werden müssen», heißt es in einer Erklärung. Beim RBB gibt man sich dagegen etwas kleinlauter: «Wenn wir das Publikum abstimmen lassen, muss das Ergebnis gelten. Die beiden betroffenen Sendungen sind deshalb für eine weitere Ausstrahlung gesperrt und aus unserer Mediathek entfernt», erklärte etwa der Programmbereichsleiter Neue Zeiten Heiner Heller. Zumindest der zweite Satz ist jedoch eine offenkundige Schutzbehauptung: nach den derzeit gültigen Richtlinien für die Mediatheken müssen Sendungen ohnehin eine Woche nach Ausstrahlung entfernt werden – beide Programme gingen bereits im vergangenen Jahr über den Sender.

Bereits die jetzt eingeräumten Manipulationen sprechen nicht nur journalistischen Standards Hohn – vor allem mehren sie den Verdacht, die von den Anstalten selbst veröffentlichten Fälle könnten nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Immerhin handelt es sich in allen Fällen um Sendungen des seichten Unterhaltungsformats – für Berlin und die Welt ist es letztlich von nebensächlicher Bedeutung, ob die Hauptstädter lieber S-Bahnzüge oder Robben bei deren Mittagessen beobachten. Weitreichendere Konsequenzen hätten dagegen Veränderungen bei politischen Umfragen.

Beweise für solche Zensurmaßnahmen gibt es nicht – jedoch auffallende Entwicklungen. Nach einer jüngsten, vom WDR erstellten ARD-Umfrage zum Krieg in der Ukraine meinten angeblich 80 Prozent der Deutschen, dass Russland «einen großen Teil der Verantwortung» trage. 70 Prozent begrüßten die verschärften EU-Sanktionen gegen Moskau, eine erdrückende Mehrheit von sogar 99 Prozent schätzten Russlands Präsidenten Wladimir Putin als sehr gefährlich ein. Sollten diese Werte stimmen, hätte etwa die Hälfte der Deutschen ihre Position in der Ukraine-Frage seit dem Frühjahr diametral verändert. Damals jammerten öffentlich-rechtliche Sender und Mainstream-Zeitung im Chor über angebliche Putin-Trolle, die organisiert Umfragen und Foren torpedieren würden. Reagierte der WDR auf diese politische Unkorrektheit nun mit «journalistisch begründeten Korrekturen»?

Ebenso zum Repertoire gehört offenbar das Weglassen nicht genehmer Zuschauerreaktionen. So ließ etwa die Sendung Hart aber fair, ebenfalls vom WDR für das ARD-Gemeinschaftsfernsehen produziert, im Mai 2013 ihre Zuschauer die Frage «Wünschen Sie sich die D-Mark zurück? » abstimmen. Auf das Ergebnis ging Moderator Frank Plasberg später nicht mehr ein. Den wahrscheinlichen Grund zeigen Screenshots der Hart-aber-fair-Internetseite: 80 Prozent votierten dort für eine Rückkehr zur nationalen Währung. Spätere Ausschnitte zeigen, dass die Umfrage online offenbar durch «journalistisch» ausgewählte Zuschauermails ersetzt wurde.

 

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