Das Verfahren gegen Nicolas Maduro markiert einen Einschnitt in der Geschichte der internationalen Strafverfolgung. Noch nie zuvor wurde ein amtierender Staatschef wegen Drogenschmuggels vor ein US-Gericht gestellt. Bei näherer Betrachtung zerfällt die Anklage in ein Geflecht aus Behauptungen und juristische Kunstgriffe. Wer verstehen will, warum die USA immer wieder zur militärischen Karte greift, findet in Daniele Gansers „Imperium USA – Die skrupellose Weltmacht“ eindrucksvolle Beispiele und unbequeme Antworten. Hier das Buch bestellen.
Kurz nach dessen Entführung durch amerikanische Spezialeinheiten, beschuldigt die US-Regierung den venezolanischen Präsidenten und seinen engsten Machtzirkel, Teil einer internationalen Drogenschmuggel-Verschwörung zu sein.
In der nun entsiegelten Anklageschrift des Justizministeriums heißt es, die Staatsführung habe systematisch mit Drogenkartellen und bewaffneten Gruppen kooperiert, um den Transport von „Tausenden Tonnen Kokain“ zu ermöglichen, mit dem erklärten Wissen, dass die Ware vor allem für den US-Markt bestimmt war. Die Vorwürfe gehen weit über klassischen Drogenschmuggel hinaus: Sie reichen bis zum Mordvorwurf und ,,Narco-Terrorismus“.
Die jetzige Anklage ist nicht der erste Versuch Washingtons, Maduro strafrechtlich zu verfolgen. Bereits 2020 hatte die Regierung von Donald Trump einen beispiellosen Schritt vollzogen: Damals erklärte der damalige Justizminister William Barr, Maduro habe gemeinsam mit hochrangigen Militär- und Regierungsvertretern über Jahre hinweg mit internationalen Drogenkartellen kooperiert, um große Mengen Kokain gezielt in die Vereinigten Staaten zu schleusen. Maduro befand sich aber außerhalb der Reichweite der US-Justiz, ein Verfahren kam nie zustande.
Für Washington ist diese Anklage jedoch mehr als ein gewöhnliches Strafverfahren. Sie ist ein politisches Instrument von strategischer Tragweite. Indem Maduro nicht nur als autoritärer Machthaber, sondern als internationaler Schwerkrimineller gebrandmarkt wird, verschiebt sich der Konflikt aus der Sphäre der Diplomatie in die der Strafverfolgung. Der Regimewechsel soll zur Rechtsdurchsetzung gemacht werden.
Juristischer Aufbau der Klage
Die Zuständigkeit liegt beim Southern District of New York, einem Bundesgericht in Manhattan, das für besonders komplexe internationale Verfahren zuständig ist. Unterzeichnet wurde die Anklage von Jay Clayton, dem amtierenden US-Bundesanwalt dieses Bezirks. Clayton, früher Chef der US-Börsenaufsicht, steht für einen harten, formalistischen Zugriff des Staates.
Es handelst sich beim Dokument um eine sogenannte „Superseding Indictment“, eine erweiterte und präzisierte Anklageschrift, die das US-Justizministerium erhoben hat. Das Dokument folgt der klassischen Architektur eines US-Bundesverfahrens:
Nach einer einleitenden Darstellung der Vorwürfe folgen detaillierte „Factual Allegations“, also Tatsachenbehauptungen, in denen die jeweiligen Rollen der Angeklagten beschrieben werden. Erst danach beginnt der eigentliche juristische Kern, die sogenannten „Counts“, die einzelnen Anklagepunkte.
Die ersten Counts betreffen die Verschwörung zur Einfuhr von Kokain und den Vorwurf des Narco-Terrorismus. Weitere Anklagepunkte widmen sich dem Besitz von Maschinengewehren und Sprengvorrichtungen, ausdrücklich im Zusammenhang mit dem Drogengeschäft. Spätere Counts regeln technische Fragen, etwa Vermögensabschöpfung und strafrechtliche Nebenfolgen.
Richten wird der 92-Jährige Alvin K. Hellerstein.
Die Vorwürfe
Die Anklageschrift des US-Justizministeriums liest sich wie das Drehbuch eines politischen Thrillers. Nicolas Maduro, Präsident Venezuelas, habe demnach über Jahre hinweg ein „korruptes und illegitimes Regierungssystem“ angeführt, dessen zentrales Geschäftsmodell der internationale Kokainhandel gewesen sei.
Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft bildete Regierung, Militär und Sicherheitsapparate eine kriminelle Struktur, die gezielt den Transport riesiger Kokainmengen organisierte, mit dem erklärten Wissen und Ziel, dass die Drogen auf den US-Markt gelangen würden. Die Vorwürfe ähneln denen von 2020. Doch diesmal gibt es einen großen Unterschied: Maduro ist gemeinsam mit seiner Ehefrau, seinem Sohn und weiteren Vertrauten angeklagt.
Ihm werden vier zentrale Straftatbestände vorgeworfen: die Verschwörung zum Narco-Terrorismus, die Verschwörung zur Einfuhr von Kokain in die Vereinigten Staaten, der Besitz von Maschinengewehren und Sprengvorrichtungen sowie die Verschwörung zum Besitz eben dieser Waffen.

Die Anklage beschreibt Maduro als politischen Schutzherrn einiger der „gewalttätigsten und produktivsten Drogenhändler und Narco-Terroristen der Welt“. Der Begriff „Narco-Terrorismus“, der bemerkenswert oft im Papier auftaucht, existiert im US-Recht erst seit den 1980er und 1990er Jahren. Er wurde ursprünglich geschaffen, um nichtstaatliche bewaffnete Gruppen wie Guerillaorganisationen (z.B. kolumbianische FARC) zu verfolgen, die Drogenhandel zur Finanzierung terroristischer Gewalt nutzten.
Erstmals im Jahr 2020 wurde dieser Tatbestand jedoch gegen einen amtierenden Staatschef erhoben, nicht wegen Terroranschlägen, sondern wegen Drogenschmuggels. Damit wird ein Delikt, das bislang auf irreguläre Akteure zielte, auf einen souveränen Staat übertragen.
Namentlich werden mächtige kriminelle Organisationen wie das mexikanische Sinaloa-Kartell (bekannt geworden durch die Netflix-Serie) sowie die venezolanische Bande Tren de Aragua genannt. Diese Gruppen hätten laut US-Ermittlern direkt mit staatlichen Stellen Venezuelas kooperiert. Im Gegenzug für Schutz, logistische Hilfe und Straflosigkeit seien Drogengelder an hochrangige Regierungsvertreter geflossen.
Nach Auffassung der US-Behörden ermöglichte dieses Netzwerk bis zu ,,250 Tonnen Kokain pro Jahr“, die ,,spätestens ab 2020“ über venezolanisches Territorium geschleust worden seien. Transportiert worden sei die Ware über Schnellboote, Fischerfahrzeuge, Containerschiffe sowie über Flugzeuge, die von geheimen Landepisten starteten. Venezolanische Sicherheitskräfte hätten diese Routen nicht nur toleriert, sondern aktiv abgesichert.
Die Anklage geht noch weiter: Maduro habe zugelassen, dass sich eine „kokaingetränkte Korruptionsökonomie“ im Land ausbreitete, zu seinem persönlichen Vorteil, zum Nutzen seiner Familie und seiner politischen Gefolgsleute. Wer dieses System gefährdete, habe mit ,,Gewalt rechnen müssen“.

US-Ermittler werfen Maduro sogar vor, Entführungen, Misshandlungen und gezielte Tötungen angeordnet oder gebilligt zu haben, um Drogenschulden einzutreiben oder Rivalen auszuschalten. Laut dem Dokument hätten Maduro und seine Frau „Entführungen, Misshandlungen und Morde (…) einschließlich der Anordnung des Mordes an einem lokalen Drogenboss in Caracas, Venezuela“ veranlasst.
Auch Maduros Ehefrau steht im Zentrum. Ihr wird vorgeworfen, bereits Jahre vor der Präsidentschaft Schmiergelder in erheblicher Höhe angenommen zu haben. 2007 soll sie Zahlungen vermittelt haben, um ein Treffen zwischen einem Großhändler und dem damaligen Leiter der venezolanischen Anti-Drogenbehörde zu arrangieren. Im Gegenzug seien monatliche Bestechungsgelder sowie Zahlungen pro Kokainflug vereinbart worden, um die „sichere Passage“ der Drogen zu garantieren. Teile dieses Geldes, so die US-Darstellung, seien direkt an Maduros Frau geflossen.
Besonders brisant sind die Passagen, die sich auf weitere Familienangehörige beziehen. Zwei Neffen von Maduros Ehefrau wurden bereits vor Jahren in den USA verurteilt, nachdem sie in abgehörten Gesprächen zugesagt hatten, großangelegte Kokainlieferungen aus Venezuela in die Vereinigten Staaten zu organisieren.
In den Aufnahmen sprachen sie davon, die Ware über einen Präsidentenhangar an einem venezolanischen Flughafen auszuführen. Sie erklärten zugleich, sie befänden sich „im Krieg mit den Vereinigten Staaten“. Die Aussage wurde in der Anklageschrift direkt zitiert. Beide wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, später jedoch im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen.
Daten statt Dramaturgie
Spätestens im Abgleich mit belastbaren Zahlen beginnt die Architektur der Anklage Risse zu zeigen.
Das Washington Office on Latin America (WOLA), ein in Washington ansässiger Thinktank mit langjährigem Zugang zu Regierungs- und Sicherheitsdaten, widerspricht der politischen Zuspitzung in seinen Analysen ausdrücklich. In einem Bericht zu regionalen Drogenrouten heißt es wörtlich: „Venezuela ist kein bedeutendes Transitland für Kokain, das für den US-Markt bestimmt ist.“
Nach Analysen der sogenannten Cocaine Corridor Database (CCD) liefen im Jahr 2018 rund 210 Tonnen Kokain über Venezuela. Das ist nicht unerheblich, aber weit entfernt von einer dominierenden Rolle. Im selben Zeitraum wurden über 2.300 Tonnen aus Kolumbien registriert, etwa 1.400 Tonnen über Guatemala. Noch deutlicher wird das Bild bei den Routen: Rund 90 Prozent des für den US-Markt bestimmten Kokains gelangt über Mexiko, Mittelamerika, die Westkaribik und den Pazifikraum in die Vereinigten Staaten, nicht über die Ufer Venezuelas.
Dies unterstreicht auch die US-Drogenbehörde DEA, insbesondere im jährlichen National Drug Threat Assessment, wird Venezuela nicht als Hauptquelle des Kokains für den US-Markt ausgewiesen. Die Behörde nennt weiterhin Mexiko und Mittelamerika.
Wenn die USA ihre eigene Drogenkrise primär unter dem Gesichtspunkt der Versorgung bekämpfen wollten, lägen die Schwerpunkte statistisch anderswo.
Auch der Europäische Drogenbericht 2025 erwähnt Venezuela nicht als zentrale Route des internationalen Kokainhandels. Identifiziert werden auch hier Kolumbien als Produktionszentrum sowie Mittelamerika und Westafrika als Hauptachsen.
Kartell der Sonne als Monster von Loch Ness
Hier setzt die Analyse von Pino Arlacchi an, dem früheren Leiter des United Nations Office on Drugs and Crime. Venezuela, so sein Befund, sei in drei Jahrzehnten UN-Berichten nie als zentraler Akteur des globalen Drogenhandels geführt worden. Der Begriff des „Cartel de los Soles“ (deutsch: Sonnenkartell) tauche dort nicht als reale Struktur auf.
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung des Begriffs „Cartel de los Soles“. Über Jahrzehnte galt er als unscharfer Sammelbegriff für vereinzelte Korruptionsvorwürfe gegen lateinamerikanische Militärangehörige (nicht primär venezolanisch) mehr politisches Schlagwort als analytische Kategorie. Erst unter der Trump-Administration begann seine systematische Aufwertung.

Ab 2017, und insbesondere im Zuge der Anklage von 2020, wurde der Begriff öffentlich als Bezeichnung eines staatlich gesteuerten Superkartells verwendet. US-Behörden, darunter das Justizministerium, beginnen nun den Ausdruck intern als reale kriminelle Struktur zu behandeln. Zwar wurde er nie als formeller Tatbestand verwendet, doch er fand Eingang in behördliche Bewertungen und rechtliche Erwägungen.
Arlacchi formuliert es scharf: Das angebliche Staatskartell sei „so legendär wie das Monster von Loch Ness“, politisch allgegenwärtig, empirisch nicht greifbar. Entscheidend sei daher nicht die Existenz von Korruption, sondern die gezielte Auswahl Venezuelas als Feindbild.
Kolumbien produziert über 70 Prozent des weltweiten Kokains. Ecuador hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Exportkorridore nach Europa entwickelt, begleitet von explodierenden Mordraten und nachgewiesener Kartellinfiltration. Doch keiner dieser Staaten wird von Washington als „Narco-Staat“ kriminalisiert. Sie gelten als Verbündete.
Venezuela hingegen verfügt über enorme Ölreserven und widersetzt sich seit Jahren der politischen Vorherrschaft der USA. Für Arlacchi ist das kein Zufall, sondern der Kern der Anklage.
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