Was verbirgt sich jenseits der sichtbaren Wirklichkeit? In «Weiße Nacht. Eine Wanderung» erkundet der Verleger und Publizist Götz Kubitschek rätselhafte Orte und die Grenzen rationaler Welterklärung. Hier mehr erfahren.
Götz Kubitschek ist als Publizist, Verleger und Vordenker der Neuen Rechten bekannt. Seine Bücher handeln gewöhnlich von geistigen Auseinandersetzungen, kulturellen Konflikten und politischen Grundsatzfragen. Mit «Weiße Nacht. Eine Wanderung», dem einhundertsten Band der von ihm begründeten Kaplaken-Reihe, betritt er ein anderes Terrain. Es ist ein Buch, das sich den gewohnten Kategorien entzieht. Statt politischer Analyse begegnet dem Leser eine literarische Erkundung jener Bereiche menschlicher Erfahrung, die sich einer rein vernünftigen Erklärung widersetzen.
Der Titel verweist bereits auf eine eigentümliche Zwischenwelt. Eine weiße Nacht ist eine Nacht, in der die Dunkelheit nicht vollständig hereinbricht, in der die vertrauten Grenzen zwischen Tag und Nacht verschwimmen. Kubitschek macht diesen Schwebezustand zum literarischen Prinzip. Seine Wanderung führt durch Landschaften und Erinnerungen, zugleich aber in Regionen des Bewusstseins, in denen das Gewöhnliche plötzlich rätselhaft erscheint.
An alten Soldatengräbern
Die Schauplätze der «Weißen Nacht» liegen weit auseinander. Rumänien, Kamerun, die mitteldeutsche Landschaft um Schnellroda. Kubitschek berichtet von Begegnungen und Begebenheiten, die sich seinem Gedächtnis eingeprägt haben. Dabei verzichtet er weitgehend auf eindeutige Deutungen. Er schildert, was geschah, und überlässt es dem Leser, ob er darin Zufall, eine ungewöhnliche Verkettung von Umständen oder das Wirken verborgener Kräfte erkennen möchte.

Besonders eindringlich ist die Erinnerung an den Siebenbürger Sachsen Thomas Drotleff, den Kubitschek während eines Aufenthalts in Rumänien kennenlernte. Gemeinsame Arbeit, Gespräche und lange Abende lassen eine Lebenswelt aufscheinen, in der Geschichte, Überlieferung und persönliche Schicksale noch eng miteinander verwoben sind.
Nach einer durchzechten Nacht besuchen die beiden Soldatengräber, wo sich eine merkwürdige, beinahe rituelle Szene ereignet. Was zunächst wie eine Episode aus einem Reisebericht anmutet, gewinnt eine Bedeutung, die über das unmittelbar Erlebte hinausweist. Die Toten scheinen in der Welt der Lebenden noch immer gegenwärtig zu sein.
Eine andere Begebenheit führt den Leser auf den Hof des Autors in Sachsen-Anhalt. Dort entgeht Kubitscheks kleiner Sohn nur knapp einem schweren Unglück, als er beinahe unter eine landwirtschaftliche Maschine gerät. Die Umstände seiner Rettung erscheinen dem Vater derart außergewöhnlich, dass sich die Frage nach einer höheren Fügung aufdrängt. Kubitschek erhebt diese Vermutung nicht zum Beweis. Gerade die Ungewissheit macht das Erlebnis bedeutsam. Denn was lässt sich über einen Augenblick sagen, in dem das eigene Kind dem Tod entkommt und die gewohnte Vorstellung von Ursache und Wirkung plötzlich unzureichend erscheint?
Das verborgene Wirkliche
Solche Erfahrungen bilden den eigentlichen Gegenstand von «Weiße Nacht». Kubitschek interessiert sich für die Möglichkeit, dass die sichtbare Wirklichkeit nicht mit der Gesamtheit des Wirklichen identisch ist. Seine Erzählungen berühren damit eine alte philosophische Frage: Ist die Welt vollständig beschreibbar, wenn wir ihre materiellen Vorgänge erklären können? Oder bleibt ein Rest, der sich wissenschaftlicher Erkenntnis entzieht, ohne deshalb notwendig bloße Einbildung zu sein?

Diese Überlegungen besitzen eine lange geistesgeschichtliche Tradition. Die Romantik kannte das Unheimliche als Einbruch des Fremden in die vertraute Ordnung. Für Novalis war die sichtbare Welt nur ein Ausschnitt einer umfassenderen Wirklichkeit; Eichendorffs Landschaften wurden zu Resonanzräumen einer unsichtbaren Gegenwart. Auch Kubitscheks Prosa bewegt sich in diesem Spannungsfeld, wenngleich sie weniger von romantischer Schwärmerei als von einer eigentümlich nüchternen Aufmerksamkeit geprägt ist. Das Geheimnis entsteht nicht durch phantastische Ausschmückung, sondern aus der genauen Betrachtung des scheinbar Selbstverständlichen.
Darin liegt ein wesentlicher Reiz des Buches. Kubitschek muss keine übernatürlichen Erscheinungen beschwören, um eine Atmosphäre des Unerklärlichen hervorzurufen. Es genügt ihm, eine Landschaft, eine Begegnung oder einen Augenblick so lange zu betrachten, bis hinter der vertrauten Oberfläche etwas Fremdes sichtbar wird. Gerade die mitteldeutsche Provinz, deren Felder und Dörfer ihm seit Jahrzehnten vertraut sind, erscheint mitunter wie ein unbekanntes Land. Heimat bedeutet hier keineswegs vollständige Vertrautheit. Sie bewahrt Geheimnisse, die sich auch demjenigen nicht erschließen, der sie täglich durchwandert.
Auf spiritueller Suche
Bemerkenswert ist dieser Perspektivwechsel auch vor dem Hintergrund der Biografie des Autors. Kubitschek hat sich über Jahrzehnte als streitbarer Intellektueller profiliert, der Begriffe schärft, politische Positionen formuliert und weltanschauliche Auseinandersetzungen sucht. In «Weiße Nacht» tritt der politische Publizist dagegen weitgehend zurück. An seine Stelle tritt ein Erzähler, der Zweifel zulässt und sich dem Rätselhaften aussetzt. Wo sonst die argumentative Zuspitzung dominiert, bleibt nun manches bewusst offen.
Auch die religiöse Dimension verdient Beachtung. Kubitscheks Verhältnis zum Christentum ist keineswegs spannungsfrei. Seine Distanz zur katholischen Kirche, seine Beschäftigung mit orthodoxer Frömmigkeit und seine Offenheit gegenüber vorchristlichen Vorstellungen lassen eine geistige Suchbewegung erkennen, die sich einer eindeutigen konfessionellen Zuordnung entzieht. «Weiße Nacht» kann vor diesem Hintergrund auch als Zeugnis einer persönlichen metaphysischen Unruhe gelesen werden: als Versuch, dem Heiligen oder Numinosen nachzuspüren, ohne es bereits in einem festen Glaubenssystem aufgehoben zu wissen.
Mit «Weiße Nacht. Eine Wanderung» hat Kubitschek somit ein ungewöhnlich persönliches Werk vorgelegt. Es versammelt Erfahrungen, in denen die vermeintliche Selbstverständlichkeit der Welt für einen Augenblick zerbricht. Ob man die darin aufscheinenden Geheimnisse religiös, psychologisch oder poetisch deutet, bleibt jedem Leser überlassen. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Qualität dieser kleinen literarischen Wanderung: Sie erinnert daran, dass die Welt auch dort noch Fragen bereithält, wo der moderne Mensch längst alle Antworten zu besitzen glaubt.
Ein erhebendes Werk – und ein schönes Geschenk für Freunde und Verwandte: «Weiße Nacht. Eine Wanderung» von Götz Kubitschek können Sie hier bestellen.





