Was der Entertainer über seinen Großvater verschweigt: Dieser war als Kommunist im Dritten Reich politisch verfolgt, doch einen Großteil seiner Haftstrafe verbüßte er wegen krimineller Delikte. In unserer Sonderausgabe «Geschichtslügen gegen Deutschland» rücken wir das schiefe Bild über unsere Vergangenheit gerade. Hier mehr erfahren.

    Am 30. September trat Komiker Hape Kerkeling auf Einladung der Linksfraktion als Sachverständiger vor dem Justizausschuss des Thüringer Landtags auf. Anlass war eine Anhörung zu einem Antrag der Linken zur Prüfung eines möglichen AfD-Verbotsverfahrens, das der Entertainer befürwortet. Dabei ging er sowohl in seinem Eingangsstatement als auch bei der anschließenden Befragung durch Abgeordnete mehrfach auf seinen Großvater Hermann Anton Kerkeling ein.

    AfD-Verbot: Hape Kerkeling schwurbelt von KZs!

    Im Landtag sagte Kerkeling gleich zu Beginn: «Ich spreche heute nicht als Experte für Verfassungsrecht, sondern als Nachfahre eines Opfers des Nationalsozialismus.» Anschließend verwies er auf das nahe gelegene ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, in dem sein Großvater inhaftiert gewesen war.

    Über dessen politische Tätigkeit seines Opas gab Kerkeling zu Protokoll: «Also mein Großvater war 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei und er war Vorsitzender des Regionalverbandes Bochum.» Hermann Anton Kerkeling hätte, so sein Enkel, bereits einen Tag nach der NS-Machtübernahme am 30. Januar 1933 Flugblätter verteilt, in denen er zum Sturz der Hitler-Regierung und zum Generalstreik aufgerufen hätte. Sein Großvater habe ihm «ein Vermächtnis hinterlassen und mir auch klargemacht, wie gefährlich eine Entwicklung in diese Richtung sein kann», so Kerkeling, der den Aufstieg der NSDAP mit den Wahlerfolgen der AfD verglich.

    Raubzüge im Münsterland

    Doch was Hape Kerkeling über seinen Großvater sagte, ist nur die halbe Wahrheit. Hermann Anton Kerkeling, geboren 1901 in Legden im damaligen Kreis Ahaus (Westfalen), war tatsächlich Kommunist und während der nationalsozialistischen Herrschaft zweifelsohne politischer Häftling, doch den Großteil seiner insgesamt zwölf Jahren hinter Gittern verbrachte er nicht aus politischen Gründen, sondern wegen krimineller Delikte.

    So berichtete die «Münsterland Zeitung» zuerst am 28. August 2026 über Hermann Anton Kerkeling. Der Artikel wurde am 13. September 2026 wiederveröffentlicht. Foto: Screenshot Münsterland Zeitung

    Der Arbeiter lebte mit seiner Ehefrau Berta in Scherlebeck, einem heutigen Stadtteil von Herten im Kreis Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen). Über seine frühen Lebensjahre liegen nur wenige Informationen vor, dafür mehrere Zeitungsberichte, die seine Straftaten in den frühen 1930er Jahren dokumentieren. Bekannt ist, dass im Herbst und Winter 1932 zwei von Scherlebeck aus operierende Banden zahlreiche Einbrüche und Diebstähle im Vest (Gerichtsbezirk) Recklinghausen und im angrenzenden Münsterland verübten. Betroffen waren unter anderem Bauernhöfe in der Umgebung von Recklinghausen, Bochum, Lette und Reken.

    Hermann Kerkeling soll laut den Ermittlungsbehörden eine der beiden Diebesbanden angeführt haben, der insgesamt zehn Männer angehörten. Die Täter hatten es insbesondere auf Nutztiere und landwirtschaftliche Geräte abgesehen. Nach zeitgenössischen Berichten brachen sie nachts mit Fahrrädern zu abgelegenen Gehöften auf. Teilweise wurden Tiere unmittelbar auf den Weiden getötet und ausgenommen.

    «Schrecken der Bauerschaft»

    Am 3. Juni 1933 berichtete die Wanne-Eickeler Zeitung über die Ermittlungen der Recklinghäuser Kriminalpolizei. Insgesamt wurden den beiden Banden rund 80 Straftaten zugeschrieben. Unter den 19 ermittelten Tatverdächtigen befand sich auch Hermann Kerkeling, den die Zeitung als bereits bekannten Einbrecher bezeichnete.

    Die von Kerkeling geführte Gruppe wurde mit 17 Diebstählen in Verbindung gebracht. Nach einem Bericht des Westfälischen Volksblatts vom 12. Oktober 1933 soll Kerkeling an sämtlichen dieser Taten beteiligt gewesen sein. Die Zeitung berichtete unter der Überschrift «Schrecken der Bauerschaft» über die Ermittlungen und das Strafverfahren.

    Darüber hinaus führt eine bis heute ungeklärte Spur zum Geburtsort des Großvaters. Am 28. August 2026 berichtete die Münsterland Zeitung:

    «Auch in Legden wird Hermann Kerkeling mit einer Tat auf einem Bauernhof in Verbindung gebracht. 1932 sollen zwei maskierte Männer in ein Gebäude eingedrungen sein, den Hofbesitzer mit einer Waffe bedroht und sogar geschossen haben. Der Hofbesitzer soll die Täter mit einem Schürhaken in die Flucht geschlagen haben. Beweise dafür, dass Hermann Anton Kerkeling einer der Täter war, gibt es nicht. Offiziell wurden die Täter nie gefasst.»

    Im Oktober 1933 wurde Hermann Anton Kerkeling schließlich wegen Bandendiebstahls zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

    Politische Verfolgung

    Nur wenige Wochen später, im Dezember 1933, stand Hape Kerkelings Großvater erneut vor Gericht. Diesmal ging es um die politische Betätigung des Arbeiters. Vorgeworfen wurde ihm «Vorbereitung des Hochverrats» wegen der Herstellung und Verbreitung der kommunistischen Druckschrift «Rote Welle», von der der Enkel vor dem Justizausschuss des Thüringer Landtags sprach.

    Das Oberlandesgericht Hamm verhängte deswegen eine Zusatzstrafe von einem Jahr. Damit erhöhte sich die Gesamtstrafe auf neun Jahre Zuchthaus – wovon acht, wie zuvor beschrieben, auf das Konto seiner Raubzüge gingen.

    Hermann Anton Kerkeling saß seine Strafe unter anderem in Münster, Papenburg und Bremen ab. 1942 wurde er ins Konzentrationslager Buchenwald. Nach der Befreiung des Lagers 1945 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte er in Recklinghausen. Dort starb er 1993.

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