Ein Holocaust-Forscher wirft Israel Völkermord an Palästinensern vor und erntet damit große Aufmerksamkeit. Das spielt auch in unserer aktuellen Spezialausgabe „Schurkenstaat – Geschichte und Gegenwart Israels“ eine nennenswerte Rolle. Hier mehr erfahren.

    Der Holocaust-Forscher Omer Bartov wirft Israel vor, im Gazastreifen einen Völkermord an den Palästinensern zu begehen. Bartov gilt als einer der international bekanntesten Historiker zur Geschichte des Holocausts. Für seine wissenschaftliche Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er erntet nun große Aufmerksamkeit für seine Worte, erhält reichlich Beifall und stößt auch auf Widerstand. Der Historiker Jeffrey Herf widerspricht Vorwürfen, sieht einen Mangel an Beweisen. Es ist mittlerweile eine spannende Debatte entstanden.

    Merkmale klar erfüllt

    Auslöser des aktuellen Streits ist unter anderem der Bau eines mehr als 20 Kilometer langen Befestigungswalls im Gazastreifen durch Israel. Darüber berichtete unter anderem die Neue Zürcher Zeitung. Israel bezeichnet den Wall als Sicherheitsmaßnahme. Wache sehen darin jedoch ein Zeichen dafür, dass Israel dauerhaft Kontrolle über Teile des Gazastreifens ausüben wolle. Sie vergleichen dieses Vorgehen mit kolonialer Politik.

    Bartov vertritt seit mehreren Jahren die Auffassung, dass Israels Vorgehen in Gaza die Merkmale eines Genozids erfüllt. Er macht dafür nicht nur die militärischen Entscheidungen verantwortlich, sondern sieht auch ausdrücklich den Zionismus als Teil des Problems. Jeffrey Herf wirft Bartov indes vor, Aussagen israelischer Politiker nur teilweise zu zitieren und wichtige Zusammenhänge wegzulassen. Außerdem gebe es keinen Beleg für einen Befehl oder einen Plan zur Vernichtung der palästinensischen Bevölkerung. Nach Herfs Ansicht reicht die große Zerstörung im Gazastreifen allein nicht aus, um einen Genozid nachzuweisen.

    Tote, Zerstörung, Vertreibung

    Bartov antwortete auf diese Kritik in einem Gastbeitrag für die New York Times. Er bleibt bei seiner Einschätzung, dass Israels Vorgehen die Kriterien eines Genozids erfülle. Als Begründung nennt er die hohe Zahl ziviler Opfer, die massive Zerstörung von Infrastruktur sowie die Vertreibung und Entrechtung vieler Palästinenser. Der Holocaust-Experte geht davon aus, dass Israel dennoch kaum mit ernsthaften internationalen Konsequenzen rechnen müsse, solange die USA das Land politisch unterstützen. Er verweist auf historische Beispiele wie den Völkermord an den Herero und Nama sowie an den Armeniern, bei denen die Verantwortlichen weitgehend straffrei geblieben seien.

    Nach seiner Ansicht können Staaten trotz schwerer Verbrechen politische, wirtschaftliche oder territoriale Vorteile erzielen. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch Pläne zum Wiederaufbau Gazas, weil diese aus seiner Sicht vor allem internationalen Investoren sowie amerikanischen und israelischen Interessen dienen würden, nicht jedoch der palästinensischen Bevölkerung.

    Bartov argumentiert außerdem, dass mehrere westliche Staaten kein großes Interesse daran hätten, die Genozid-Vorwürfe gegen Israel weiterzuverfolgen. Als Beispiele nennt er Deutschland wegen seiner Waffenlieferungen und engen Beziehungen zu Israel, Großbritannien wegen seiner Zusammenarbeit mit den USA und Frankreich wegen seiner Interessen im Nahen Osten.

    Abschließend warnt Bartov, dass ein Ausbleiben rechtlicher Konsequenzen das internationale Völkerrecht und die Glaubwürdigkeit internationaler Gerichte schwächen könnte. Nach seiner Ansicht würde damit auch die Idee des Juristen Raphael Lemkin untergraben, dass Völkermord weltweit verfolgt und bestraft werden muss.

    Israels schreckliche Politik in Gaza spielt auch in unserer aktuellen Spezialausgabe „Schurkenstaat – Geschichte und Gegenwart Israels“ eine nennenswerte Rolle. Hier bestellen.

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