Hochspannung in Wolfsburg! Heute berät der VW-Aufsichtsrat über das neue «Zielbild 2030», das den Sparkurs des Konzerns radikal verschärfen soll. Bis zu 100.000 Stellen weltweit könnten wegfallen, vier deutschen Werken mit rund 40.000 Beschäftigten droht die komplette Schließung. Wie Berlin die Deindustrialisierung vorantreibt, zeigen wir in unserer Ausgabe mit dem Titelthema «Und tschüss!». Der Fahrplan zur Kanzlerdämmerung! Hier mehr erfahren.
Wolfsburg, Donnerstagmittag. Vor der VW-Konzernzentrale versammeln sich Beschäftigte zur Kundgebung, direkt vor dem Vorstandshochhaus. IG Metall und Betriebsrat haben bundesweit zum Aktionstag aufgerufen, Proteste sind an allen deutschen VW-Standorten sowie bei Audi, Porsche und MAN angekündigt, in Stuttgart soll ein Autokorso durch die Stadt fahren. Um 14.30 Uhr tritt der Aufsichtsrat zusammen, um über Konzernchef Oliver Blumes «Zielbild 2030» zu beraten.
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Laut Medienberichten könnten weltweit bis zu 100.000 Stellen wegfallen, doppelt so viele wie bisher geplant. Besonders betroffen wären vier deutsche Werke mit insgesamt rund 40.000 Beschäftigten: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm. Laut Spiegel könnte die Fahrzeugproduktion dort bis Ende 2034 vollständig auslaufen, beginnend 2031 in Zwickau und Emden, 2032 bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover und 2034 bei Audi in Neckarsulm. Volkswagen selbst bestätigt bislang nur, der Vorstand arbeite «intensiv an einem Zukunftsplan für die Neuaufstellung des Unternehmens». Details nennt der Konzern nicht.
Blumes Sparhammer stößt auf Granit
Der Aufsichtsrat dürfte an diesem Nachmittag zum Schauplatz einer hitzigen Debatte werden. Nicht nur die zehn Arbeitnehmervertreter stellen sich gegen mögliche Werksschließungen, auch das Land Niedersachsen, das 20 Prozent der VW-Anteile hält, lehnt den Kurs ab. Niedersachsens Vize-Ministerpräsidentin Julia Willie Hamburg macht deutlich:
«Werksschließungen sind keine Zukunftsstrategie.»
Der Konzern verfüge über erhebliche Potenziale, Doppelstrukturen abzubauen und die Zusammenarbeit zwischen den Marken zu verbessern, statt Standorte dichtzumachen. Zusammen mit den Arbeitnehmervertretern verfügt Niedersachsen derzeit über die Mehrheit im Kontrollgremium, ein Sitz der Kapitaleigner ist aktuell unbesetzt. Dass die Vorstandspläne unverändert durchkommen, gilt daher als nahezu ausgeschlossen.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner bezeichnete die bundesweiten Proteste als «ein klares Signal an den Vorstand: Nicht mit uns!» Die Beschäftigten hätten mit der Tarifeinigung Ende 2024 bereits ihren Beitrag geleistet, so Benner:
«Die ständigen Angriffe auf die Rechte der Kolleginnen und Kollegen nehmen wir nicht ohne Gegenwehr hin.»
Gemeinsam mit Betriebsratschefin Daniela Cavallo und dem IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger hatte sie bereits Ende Juni klargestellt:
«Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen.»
Ein zusätzliches Faustpfand liegt in den Verträgen selbst: Im Dezember 2024 hatten IG Metall und Volkswagen als Gegenleistung für tarifliche Einschnitte und den Abbau von 35.000 Stellen eine Beschäftigungssicherung bis 2030 vereinbart, die betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen explizit ausschließt. Will der Konzern diese Vereinbarung aufkündigen, wird eine Strafzahlung von einer Milliarde Euro fällig.
Der Branchenprimus stolpert
VW war über Jahre der größte Automobilkonzern Europas und zeitweise sogar der größte Autohersteller der Welt nach Umsatz und Absatz. Heute wankt der einstige Riese. Nach Ansicht von Blume reichen die Ende 2024 vereinbarten Sparmaßnahmen längst nicht mehr aus. Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen und der verschärfte globale Wettbewerb setzen Volkswagen zunehmend unter Druck. Das bisherige Geschäftsmodell, in Europa entwickeln und produzieren, weltweit verkaufen, gerät ins Wanken: Einerseits verteuern hohe Lohn-, Energie- und Regulierungskosten die deutsche Produktion im internationalen Vergleich erheblich, andererseits drängen chinesische Hersteller wie BYD zunehmend auch auf Märkte außerhalb Chinas und verdrängen deutsche Anbieter selbst dort, wo sie einst dominierten.
Die Zahlen untermauern den Ernst der Lage: Der operative Gewinn des Konzerns brach 2025 um 44 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro ein. Bis 2030 sollen bereits 50.000 Stellen in Deutschland wegfallen, davon 35.000 bei der Kernmarke Volkswagen. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben entsprechende Vereinbarungen bereits unterschrieben.
VW steht mit diesen Problemen nicht allein. Die gesamte deutsche Automobilindustrie und der Wirtschaftsstandort insgesamt geraten zunehmend unter Druck. Mercedes meldete für das erste Quartal 2026 einen Absatzrückgang um 27 Prozent, BMW senkte seine Margenprognose und will weltweit rund 7.700 Stellen streichen. Laut einer Horvath-Studie planen rund 60 Prozent der befragten deutschen Unternehmen Personalabbau, als Hauptgrund nennen die Analysten die Verlagerung von Produktion ins Ausland. Die deutsche Autoindustrie steckt in der schwersten Krise seit Jahrzehnten, und Volkswagen ist nur ihr sichtbarstes Symbol.
Damit es wieder aufwärtsgeht, muss die Regierung weg! Die Ausgabe von COMPACT mit dem Titelthema «Und tschüss!» können Sie hier bestellen.





