Seit Montag patrouillieren US-Zerstörer in der Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt. Nur einen Tag später zog Donald Trump der gesamten Operation wieder den Stecker. Was er dabei seinen eigenen Ministern zumutete, grenzt an Demütigung. Unsere aktuelle Ausgabe kommt zur rechten Zeit: «Zions Höllenritt. Wie Netanjahu die USA in den Untergang reißt.» Alles zum Krieg in Nahost. Hier mehr erfahren.
Für US-Präsident Donald Trump gehört die Volte zum Dauerrepertoire. Auf seiner eigenen Social-Media-Plattform Truth Social verkündete er, den erst am Montag gestarteten Einsatz «Projekt Freiheit», mit dem Washington die für den Weltölhandel entscheidende Meerenge wieder öffnen wollten, «für kurze Zeit» auszusetzen, um zu prüfen, ob mit dem Iran ein Deal abgeschlossen werden könne.
Große Fortschritte habe es gegeben, ein «umfassendes und abschließendes» Abkommen sei in Reichweite. Pakistan, das seit Wochen als Vermittler zwischen Washington und Teheran fungiert, sowie andere Länder hätten um die Aussetzung gebeten. Die US-Blockade gegen Schiffe, die iranische Durchfahrtsgebühren zahlen, bleibe unterdessen in vollem Umfang bestehen.
Hegseth und Rubio im Regen
«Projekt Freiheit» startete am Montag. Bereits einen Tag später folgte die Kehrtwende, für die größten Kriegstrommler des Trump-Kabinetts zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus hatte Außenminister Marco Rubio noch gestern verkündet: «Die Operation Gewaltiger Zorn ist abgeschlossen. Wir haben die Ziele dieser Operation erreicht.»

Man werde sich «jetzt» dem neuen «Projekt Freiheit» widmen, um den Sieg endgültig einzutüten. Kriegsminister Pete Hegseth legte nochmal nach: Das Projekt sei «defensiver Natur, begrenzt im Umfang und zeitlich befristet». Und weiter:
«Wer Handelsschiffe auf den von Washington freigegebenen Routen angreife, werde mit überwältigender und verheerender amerikanischer Feuerkraft konfrontiert.»
Peinlich: Bereits beim Auftakt des Einsatzes traf eine mutmaßliche iranische Marschflugkörperrakete das französische Frachtschiff CGM San Antonio, das eine von Washington eskortierte Route befuhr. Mehrere philippinische Besatzungsmitglieder wurden verletzt. Stunden später kassierte Trump die gesamte Operation dann per Truth-Social-Post.
Teherans goldenes Nadelöhr
Die iranische Führung zeigte sich unbeeindruckt. Als Reaktion auf «Projekt Freiheit» schrieb Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf am 5. Mai auf X:
«Wir wissen genau, dass die Fortsetzung des Status quo für Amerika untragbar ist, während wir gerade erst angefangen haben.»
Teheran hat die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und der offenen See in eine Mautstation verwandelt. Ein Nadelöhr unter dem Gewehrlauf der Revolutionsgarde, gesäumt von Minen. Ein Dollar pro Barrel. So lautet Teherans Tarif für die Durchfahrt, zahlbar in Bitcoin, chinesischem Yuan oder Stablecoins, koordiniert mit der Revolutionsgarde. Das Prozedere ist auf Sekunden getaktet: Jeder Tanker muss seine Ladung per E-Mail bei iranischen Behörden anmelden. Erst dann ergeht die Freigabe. Sobald sie eintrifft, bleiben dem Kapitän wenige Sekunden, um den Betrag auf eine iranisch kontrollierte Wallet zu überweisen. Wer die Frist verpasst, verliert die Genehmigung. Leere Schiffe passieren. Beladene zahlen.
Ein vollbeladener Supertanker trägt bis zu zwei Millionen Barrel Rohöl. Bei einem Dollar pro Barrel kommt pro Schiff eine Rechnung von bis zu zwei Millionen Dollar zusammen. Analysten schätzen, dass das System bei normalem Tankerverkehr bis zu 20 Millionen Dollar täglich einbringen könnte, rund 600 Millionen Dollar pro Monat, über 7 Milliarden Dollar pro Jahr. Allein aus Öltankern. LNG-Schiffe noch nicht eingerechnet.

Der Grund für Bitcoin liegt auf der Hand. Stablecoins, also an den Dollar gekoppelte Digitalwährungen, lassen sich einfrieren und unter Sanktionsdruck beschlagnahmen. Bitcoin dagegen ist dezentral, keiner Regierung unterstellt und lässt sich nicht sperren. Hamid Hosseini, Sprecher des iranischen Verbandes der Öl- und Gasexporteure, formulierte es offen gegenüber der Financial Times:
«Die Zahlungen in Bitcoin stellten sicher, dass sie aufgrund von Sanktionen weder zurückverfolgt noch konfisziert werden könnten.»
Ein Schritt, der Jahrzehnte westlicher Sanktionspolitik mit einem Klick aushebelt. Der Verband gilt als verlängerter Arm der Wirtschaftsinteressen der Revolutionsgarde. Die Garde kontrolliert weite Teile der iranischen Öl- und Gaswirtschaft, betreibt eigene Unternehmen und sitzt an den entscheidenden Schaltstellen des Energiesektors. Die Kryptomärkte reagieren auf jede Erschütterung dieser Waffenruhe wie ein Seismograph. Als Trump den Frieden ausrief, schoss Bitcoin von 67.000 auf 72.700 Dollar. Da das Nadelöhr weiter verriegelt bleibt, fällt er wieder auf rund 71.000 Dollar.
Emirate unter Beschuss
Während Washington und Teheran verhandelten, eskalierte es andernorts. Vorgestern setzten iranische Drohnen Ölanlagen im Hafen von Fudschaira in Brand, einem Umschlagplatz am Golf von Oman, über den Schiffe einen Bogen um Teherans Mautstation von Hormus machten. Die Drehscheibe war die stille Ausweichroute der Emirate (VAE). Von hier floss das Öl der Scheichs in die Welt, vorbei an iranischer Kontrolle und Revolutionsgarde, ohne einen Cent Bitcoin-Maut an Teheran. Der Iran hatte das registriert und reagiert.
Die VAE meldeten, die Flugabwehr habe insgesamt zwölf ballistische Raketen, drei Marschflugkörper und vier Drohnen bekämpft. Zwei iranische Drohnen trafen zudem einen Tanker des staatlichen Energiekonzerns ADNOC. Das emiratische Außenministerium sprach von «Piraterie» durch die Revolutionsgarden. Arabische Staaten wie Jordanien, Bahrain und Ägypten verurteilten die Angriffe. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman nannte sie «ungerechtfertigt». Der ehemalige israelische Ministerpräsident Naftali Bennett stufte sie als Kriegserklärung ein.
Gleichzeitig vermeldeten iranische Medien von einem erfolgreichen Raketenangriff auf einen US-Zerstörer nahe der Hafenstadt Jask. CENTCOM (US-Zentralkommando im Nahen Osten) widersprach auf X ausdrücklich:
«Keine Schiffe der US-Navy wurden getroffen.»
Der Ölpreis quittierte die Eskalation umgehend: Brent kletterte auf über 114 Dollar pro Barrel. Die USA und verbündete Golfstaaten entwarfen unterdessen eine UN-Resolution, die den Iran auffordert, Angriffe auf Schiffe in der Meerenge zu unterlassen und auf Mautgebühren für die Durchfahrt zu verzichten.
Irans Außenminister Abbas Araghtschi reiste nach Peking, wo er seinen chinesischen Amtskollegen Wang Yi traf, und kommentierte die US-Mission knapp:
«Projekt Freiheit ist Projekt Sackgasse.»
Irans Armeekommandeur Ali Abdollahi hatte Washington bereits zuvor gewarnt: Sollte die US-Blockade iranischer Häfen andauern, werde kein Hafen in der Region sicher sein. Fudschaira war die erste Antwort auf diese Ankündigung. Offiziell haben weder die USA noch der Iran die Waffenruhe aufgehoben.
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