Der Datenkonzern Palantir verdient Milliarden mit Überwachungssoftware für Nachrichtendienste und autoritäre Staaten. Nun sortiert Unternehmenschef Alex Karp die Menschheit fürs KI-Zeitalter nach Nützlichkeit. Analog und praktisch: das COMPACT-Sturmfeuerzeug. Damit können Sie ordentlich Zunder geben. Hier bestellen.

    Ein Mann mittleren Alters mit wirrem Haar und drei akademischen Abschlüssen hat die Zukunft der Arbeit auf eine einfache Ordnung reduziert. Alex Karp, einst Schüler des Frankfurter Philosophen Jürgen Habermas und jetzt CEO der Datenkrake Palantir, glaubt die Antwort auf eine Frage zu kennen, die die heranwachsenden Generationen umtreibt.

    Handwerk oder Neurodivergenz

    Lange galt die Fähigkeit, sich in bestehende Strukturen einzufügen, als Erfolgsgarant. Das Prinzip „Das haben wir schon immer so gemacht“ prägt noch heute viele Unternehmen. In einer von Künstlicher Intelligenz (KI) geprägten Arbeitswelt, so Karp im Podcast TBPN vom 24. März , könnte damit bald Schluss sein. Seine Diagnose:

    „Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, um zu wissen, dass man eine Zukunft hat. Erstens: Man hat eine Berufsausbildung. Oder zweitens: Man ist neurodivergent.“

    Neurodivergenz bezeichnet Unterschiede in der Funktionsweise des Gehirns gegenüber der neurologischen Norm. Darunter fallen ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, Legasthenie, Hochbegabung und Hochsensibilität. Der Begriff ist wissenschaftlich umstritten, weil er sehr unterschiedliche Störungsbilder und Persönlichkeitsmerkmale unter einem Dach vereint, die kaum etwas miteinander zu tun haben.

    Karp selbst ist Legastheniker und sieht darin in der KI-Ära einen Vorteil: Neurodivergente Menschen betrachteten Dinge aus einer anderen Perspektive und könnten neue Risiken eingehen. Palantir hat bereits ein eigenes Rekrutierungsprogramm aufgelegt. In der Stellenanzeige heißt es:

    „Neurodivergente Menschen werden eine überproportionale Rolle bei der Gestaltung der Zukunft Amerikas und des Westens spielen. Sie blicken hinter performative Ideologien und nehmen die Schönheit der Welt wahr, die noch immer existiert und die durch Technologie und Kunst offengelegt werden kann.“

    Laut einer Studie von Gartner werden bis 2027 voraussichtlich 20 Prozent der Vertriebsorganisationen innerhalb der Fortune 500 neurodivergente Talente gezielt rekrutieren.

    Normalos im Abseits

    Derweil wächst die Not der Normalausgebildeten. Die Bundesagentur für Arbeit zählte im vergangenen Jahr mehr als 45.000 erwerbslose Akademiker unter 30, vor sieben Jahren waren es noch knapp 25.000. In den USA brauchen Hochschulabsolventen nach ihrem Abschluss deutlich länger als früher, um eine Festanstellung zu finden. Immer mehr junge Amerikaner entdecken deshalb das Handwerk: Elektriker, Tischler oder Klempner. Berufe, die Karp großzügig als zukunftsfähig durchgehen lässt, zumindest für eine gewisse Zeit, bis die Robotisierung aufholt.

    Die Auflösung des Bewusstseins in digitale Inszenierungen: Der Algorithmus ersetzt das Gewissen. Foto: Zapp2Photo/Shutterstock

    Auch andere Tech-Führungskräfte stimmen in den Palantir-Chor ein. Joe Depa, Manager des KI-Unternehmens EY erklärte, Anpassungsfähigkeit werde 2026 zur „neuen Jobsicherheit“. Eine Analyse des umstrittenen World Economic Forum hingegen zeigt, dass derzeit vor allem typisch menschliche Kompetenzen gefragt sind: Empathie, Neugier sowie kritisches und kreatives Denken. Fähigkeiten also, die sich weder bei Palantir einkaufen noch in einem Algorithmus abbilden lassen.

    Was in Karps Zukunftsbild fehlt, ist die Frage, wer in dieser neuen Ordnung die Regeln setzt. Die Antwort liegt auf der Hand: Konzerne wie Palantir, die zugleich die Werkzeuge bauen, die Daten sammeln und die Talente rekrutieren. Wer nicht Handwerker ist und nicht neurodivergent, bleibt in dieser Welt schlicht übrig. Das nennt sich Fortschritt.

    Das Auge, das niemals schläft

    Palantir wurde 2003 gegründet, mit Startkapital der CIA-Tochter In-Q-Tel, und benannt nach den allsehenden Steinen aus Tolkiens Herr der Ringe, mit denen Kommunikation zu Sauron aufgenommen werden kann. Das Prinzip ist so einfach wie beunruhigend: Die Software saugt Daten aus Dutzenden Quellen gleichzeitig auf, verknüpft sie in Echtzeit und macht daraus verwertbare Zielprofile.

    Drohnenbilder, abgefangene Kommunikation, Satellitenbilder, Social-Media-Posts, Krankenakten, Bankbewegungen: Was bisher in getrennten Datenbanken schlummerte, wird bei Palantir zu einem einzigen, durchsuchbaren Bild zusammengefügt. Der frühere CIA-Direktor George Tenet schwärmte:

    „Ich wünschte, wir hätten dieses mächtige Tool vor 9/11 gehabt.“

    Zu den verbrieften Kunden zählen CIA, NSA, FBI, Pentagon, Marines und Air Force. Auch der Mossad gehört seit Jahren zu den Nutzern. Laut dem Buch Der Unsichtbare des Journalisten Michael Steinberger nutzte der israelische Auslandsgeheimdienst Palantir-Technologie bereits vor dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023. Nach dem Angriff war die Nachfrage so groß, dass der Konzern ein Team von Ingenieuren aus London nach Tel Aviv entsandte und zusätzliche Büroräume anmieten musste.

    Das Auge Saurons. Szenenbild aus Peter Jacksons Verfilmung des Tolkien-Epos „Der Herr der Ringe“. Foto: Screenshot Youtube

    Hinter Palantir steht als Mitgründer Peter Thiel, in Frankfurt geboren, in Kalifornien aufgewachsen, Paypal-Gründer und erster großer Facebook-Investor. Thiel erklärte 2009 öffentlich, Freiheit und Demokratie ließen sich für ihn nicht mehr miteinander vereinbaren.

    Er finanzierte Donald Trump, machte JD Vance zum Senator und später zum Vizepräsidenten und hält Vorträge über den Antichristen in privaten Zirkeln in San Francisco, Paris und Rom. Ein Mann, der der Demokratie skeptisch gegenübersteht, baute die Software, mit der Demokratien ihre Bürger überwachen.

    US-Bürgerrechtler Kevin Bankston warnte, Palantir biete die „Infrastruktur für einen schlüsselfertigen Totalitarismus“. Amnesty International kritisiert den Einsatz der Software des Unternehmens durch die US-Einwanderungsbehörde ICE, die unter Trump zum Instrument massenhafter Abschiebungen wurde.

    Karp erobert die BRD

    Auch in Deutschland ist Palantirs Flaggschiff-Produkt Gotham im Einsatz: eine Anti-Terror-Software, die Polizeidatenbanken, Telefonüberwachungsdaten, ausgelesene Handys und weitere Quellen zusammenführt und automatisch auswertet. Die Polizeibehörden in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern nutzen Gotham bereits. Das Bundeskriminalamt hat einen Rahmenvertrag abgeschlossen, der es allen Bundesländern erlaubt, die Software ohne neue Ausschreibung einzukaufen.

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    Zahlreiche Datenschützer warnen, der US Cloud Act verpflichte amerikanische Unternehmen, Behörden auf Anfrage Zugriff auf außerhalb der USA gespeicherte Daten zu gewähren. Was deutsche Polizeidaten auf amerikanischen Servern bedeuten könnten, liegt auf der Hand. Das Bundesverfassungsgericht stellte 2023 fest, dass die gesetzliche Grundlage für Gotham teilweise verfassungswidrig sei, weil sie der Polizei erlaube, mit einem Klick umfassende Profile von Personen zu erstellen. Geändert hat sich wenig. CDU und CSU wollen Gotham nun bundesweit ausrollen.

    Krawatte statt Barett

    Das Geheimdienste nicht mehr nur bei Spezialeinsätze oder ausgewählten Einzelzielen, sondern auch bei großen Taktiken und Strategien die planende Rolle einnehmen, zeigt der Blick nach Osteuropa. Im Ukraine-Krieg spielt Palantir eine Schlüsselrolle, die weit über bloße Technologielieferung hinausgeht. Im Juni 2022 überquerte Karp persönlich die polnisch-ukrainische Grenze zu Fuß und traf als erster westlicher Konzernchef Präsident Selenski in Kiew. Seitdem sind Palantirs Systeme tief in die ukrainischen Militäroperationen eingebettet.

    Tod aus der Luft. Foto: Bayhaluk, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

    Die Plattform Gotham verarbeitet Drohnenvideos, Satellitenbilder, abgefangene Kommunikation und zivile Hinweise aus einer Smartphone-App zu einem einzigen operativen Lagebild. Das Zusatzsystem Meta Constellation koordiniert darüber hinaus kommerzielle Satellitenschwärme, um in Echtzeit zu beantworten: Was hat sich seit Mitternacht entlang dieser Bahnlinie verändert?

    Ukrainische Soldaten und Drohnenpiloten wählen auf Tablets die Ziele, Artilleristen richten Geschütze aus und feuern, feindliche Truppensammlung wird bereits im Vorfeld erkannt. Karp selbst erklärte unverblümt:

    „Wir sind für den Großteil des Targetings in der Ukraine verantwortlich. (…). Wir sind eine digitale Kill Chain [Tötungskette].“

    Der Geheimdienst befiehlt, die Generäle folgen: Was einst eine Targeting-Zelle von 2.000 Analysten erforderte, wie noch bei der Operation Iraqi Freedom (Invasion des Irak), leisten heute rund 20 Spezialisten. Generäle und Offiziere werden in diesem Modell zunehmend zu Bestätigungsknöpfen für algorithmische Empfehlungen. Nicht mehr der Offizier mit Geländekenntnis entscheidet, sondern der Algorithmus mit Satellitenbild. Karp beschrieb die Konsequenz dieser Entwicklung gegenüber der Washington Post in aller Nüchternheit:

    „Die Macht fortschrittlicher algorithmischer Kriegsführungssysteme ist inzwischen so groß, dass sie einem Gegner, der über konventionelle Atomwaffen verfügt, gleichkommt.“

    Die völkerrechtliche Frage, die dabei kaum jemand stellt: Wenn Teile der militärischen Befehlskette an ein privates US-Unternehmen delegiert werden, werden die USA damit durch die Hintertür zur Kriegspartei? Und wer haftet, wenn der Algorithmus irrt?

    Habermas und Karp

    Wer verstehen will, wie ein Mann mit drei Universitätsabschlüssen und einer Dissertation über Aggression zum Architekten dieser Kriegsinfrastruktur wurde, muss nach Frankfurt schauen. Der am 14. März verstorbene Philosoph Jürgen Habermas galt als einer der bedeutendsten Vertreter der Frankfurter Schule und Architekt einer Theorie, die kommunikative Vernunft, offenen Diskurs und universelle Menschenwürde zum Fundament aller Politik erhebt.

    Jahrzehntelang war er weit mehr als ein Denker: nämlich eine lebende Institution, das geistige Gewissen der Bundesrepublik und einer der Hauptakteure im sogenannten Historikerstreit von 1986. Damals wandte er sich scharf gegen Historiker wie Ernst Nolte, die den Holocaust in eine Reihe mit anderen historischen Massenverbrechen stellen wollten. Für Habermas war die unbedingte Anerkennung der deutschen Schuld ein Fundament westdeutscher Demokratie und Identität. Eine ganze Generation von Studenten stand unter dem Einfluss seines Wirkens.

    Der heutige Palantir-Boss Karp kam in den 1990er Jahren nach Frankfurt, studierte in Habermas‘ Umfeld und promovierte über Aggression als sozialen Integrationsfaktor. Der Lehrmeister des herrschaftsfreien Diskurses und der Schüler, der Aggression zur Grundlage seiner Weltsicht machte, passten nicht zusammen. Sie trennten sich im Streit.

    Die Grenze des Habermas-Universalismus zeigte sich 2023. Mitten in Israels Militäroffensive gegen Gaza unterzeichnete der Philosoph eine Erklärung, die Israels Vergeltung als „prinzipiell gerechtfertigt“ bezeichnete und Völkermordvorwürfe als maßlos abtat. Hunderte Akademiker weltweit, darunter Adam Tooze und Samuel Moyn, antworteten mit einem offenen Brief im Guardian: Der Grundsatz der Menschenwürde müsse für alle Menschen gelten. Der Schüler baut Überwachungssoftware. Der Lehrmeister rechtfertigte den Krieg, für den sie eingesetzt wird.

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