Heute vor 23 Jahren weiten die USA ihren Angriff auf den Irak massiv aus. Mit „Shock and Awe“ (Schock und Überwältigung) entfesselt die Air Force ihre neue, rücksichtslose Strategie des Luftkrieges. Unsere brandneue Spezial-Ausgabe „Kriegsverbrechen – US-Außenpolitik von Truman bis Trump“  blickt auch hinter die Kulissen des Irakkriegs. Hier mehr erfahren. 

    Über dem Tigris zerreißen Explosionen die Nacht, Einschläge folgen in dichter Folge. Getroffen werden Einrichtungen des Staates und militärische Anlagen, die seit Wochen auf den Ziellisten des Pentagons stehen. Fernsehsender weltweit übertragen die Angriffe live.

    Am 20. März beginnen gezielte Schläge gegen einzelne Führungsziele, präzise gesetzt als Auftakt. Wenige Stunden später stoßen US-Truppen von Kuwait aus in den Irak vor und setzen sich in Richtung der Hauptstadt in Bewegung. Am folgenden Tag verändert sich die Dimension. Aus einzelnen Treffern wird ein durchgeplanter Luftkrieg.

    Kurz nach Mitternacht Bagdader Zeit beginnt die eigentliche Phase. Von Schiffen der US-Marine starten Tomahawk-Marschflugkörper und fliegen in niedriger Höhe auf die Hauptstadt zu. Tarnkappenbomber des Typs B-2 Spirit erreichen nach interkontinentalem Flug den irakischen Luftraum und werfen bunkerbrechende Bomben auf gesicherte Anlagen ab. Aus regionalen Basen greifen F-15E und F-16 in schneller Folge an. Schon in den ersten Tagen sterben Hunderte Zivilisten, während immer mehr Wohngebiete von den Angriffswellen erfasst werden.

    Am 1. Mai 2003 erklärt US-Präsident George Bush auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln den Irakkrieg für beendet. Fotos: Archiv

    Gegen drei Uhr morgens beginnen internationale Sender, die Bilder dieser Nacht zu übertragen. CNN schaltet live nach Bagdad, Reporter stehen auf Hoteldächern und kommentieren die Einschläge im Hintergrund. Kurz darauf übernimmt BBC die Bilder. Die Explosionen über dem Regierungsviertel erreichen ein weltweites Publikum.

    Bomben-Blitzkrieg

    „Shock and Awe“ steht für ein Konzept, das in den 1990er Jahren von dem US-Marineoffizier und Strategieberater Harlan K. Ullman sowie dem Verteidigungsanalysten James P. Wade entwickelt wurde, der im Umfeld der National Defense University an entsprechenden strategischen Studien mitwirkte. Beide bewegten sich in jenen Kreisen amerikanischer Militärplanung, in denen nach dem Ende des Kalten Krieges neue Formen der Kriegsführung entworfen wurden. Ihre Studie Achieving Rapid Dominance (schnelle Dominanz erringen) formulierte das Ziel, Krieg in kürzester Zeit zu entscheiden.

    Ullman beschreibt die Notwendigkeit, den Gegner in einen Zustand „physischer und psychologischer Paralyse“ zu versetzen. Gemeint ist ein Ablauf, in dem ein Staat innerhalb weniger Stunden seine Fähigkeit verliert, als Ganzes zu handeln.

    In der Praxis bedeutet das: Die Angriffe setzen gleichzeitig auf mehreren Ebenen an. Regierungsgebäude und Ministerien geraten unter Beschuss. Zentrale Einrichtungen des Staates werden getroffen. Militärische Stützpunkte und Kommandozentren stehen zur selben Zeit unter Angriff. Es wird also nicht mehr unterschieden zwischen militärischen und zivilem Ziel. Als diplomatische Rechtfertigung dient meist die Kriminalisierung des feindlichen Staates.

    Die Operation im Irak stand unter Führung des für den Nahen Osten zuständigen US-Oberkommandos United States Central Command unter General Tommy Franks. Er sprach von „Geschwindigkeit, Präzision und überwältigender Schlagkraft“ aus der Luft.

    Der Vergleich mit früheren Luftkriegen zeigt die Verschiebung. Im Zweiter Weltkrieg stand die Fläche im Mittelpunkt. Ganze Städte wurden zerstört, der Gegner sollte durch Abnutzung niedergerungen werden. Auch der deutsche Einsatz von Sturzkampfbombern wie der Junkers Ju 87 diente der unmittelbaren Unterstützung vorrückender Truppen und blieb an den Verlauf der Front gebunden. Sie wirkte gewissermaßen wie eine fliegende Artillerie.

    Im Kontext des aktuellen Krieges mit dem Iran zeigt sich, wie stark das Prinzip von „Shock and Awe“ fortwirkt. Die ersten Angriffe zielten nicht nur auf militärische Anlagen, sondern gleichzeitig auf Führung, Infrastruktur und zentrale Einrichtungen des Staates. Innerhalb weniger Stunden wurden Kommandoebenen getroffen, Luftabwehrsysteme ausgeschaltet und zahlreiche Schlüsselpersonen der Mullahs eliminiert. Auch die Intensität hat sich verschoben. Nach Angaben aus Washington kommt dabei ein Vielfaches der Luftmacht zum Einsatz, die bereits 2003 im Irak eingesetzt wurde.

    Ausbruch des Krieges

    Im UN-Sicherheitsrat hätte man am 5. Februar 2003 eine Stecknadel fallen hören können. Das Wort hat Colin Powell. Zwölf Jahre sind seit dem letzten Krieg gegen den Irak vergangen und 13 Jahre seit der berüchtigten Brutkastenlüge. Im Vorfeld des Krieges von 1991 hatte ein kuwaitisches Mädchen vor dem US-Kongress behauptet, irakische Soldaten hätten Babys aus Brutkästen gerissen und getötet. Die Aussage löste weltweit Empörung aus und stärkte die Unterstützung für ein militärisches Eingreifen. Später stellte sich heraus, dass die Geschichte frei erfunden war und Teil einer PR-Kampagne der Agentur Hill & Knowlton war.

    Nun ist es Zeit für eine neue Legende. Diesmal schwindelt allerdings kein junges, von einer US-Werbeagentur gedrilltes Mädchen, sondern der US-Außenminister persönlich.

    Powell ist an der Reihe, die sogenannte Weltgemeinschaft zu schockieren, und natürlich will auch er unumstößliche Beweise für die Grausamkeit und Gefährlichkeit des irakischen Diktators Saddam Hussein präsentieren: „Das Material, das ich Ihnen heute vorlege, stammt aus unterschiedlichen Quellen“, darunter auch von „Menschen, die ihr Leben riskiert haben, damit die Welt erfährt, was Saddam Hussein wirklich vorhat“.

    Als Erstes spielt der Außenminister das Tonband eines angeblich am 26. November 2002 abgehörten Telefonats zwischen zwei irakischen Offizieren ab. Darin ist die Rede von einem „modifizierten Fahrzeug“ und von etwas, das man „wegbringen“ müsse.

    Das Problem ist nur: Das Telefonat enthält keinerlei nachprüfbare Fakten. Welcher General? Welcher Oberst? Welches Fahrzeug? Inwiefern „modifiziert“? Woher stammt das Gespräch? Doch dazu gibt der US-Außenminister keine Auskunft.

    Doch Powell hat noch mehr Pfeile im Köcher: „Wir haben auch Satellitenfotos, die zeigen, dass kürzlich verbotene Materialien von einer Reihe von irakischen Massenvernichtungsfabriken weggebracht wurden.“ Doch die Bilder zeigen vor allem beschriftete Gebäude und Fahrzeuge, deren Funktion sich nicht überprüfen lässt. Auch das vom US-Außenminister erwähnte Atomwaffenprogramm stützt sich auf Dokumente, die sich später als Fälschungen erweisen.

    Saddam Hussein, Foto: wikimedia.org/commos

    Besondere Bedeutung erhält ein Informant: Rafid Ahmed Alwan, bekannt unter dem Decknamen „Curveball“. Der Iraker, der 1999 nach Deutschland geflohen war, behauptete, Insiderwissen über mobile Biowaffenlabore zu besitzen. Während deutsche Dienste seine Angaben früh anzweifelten, wurden sie von amerikanischer Seite ausgewertet und fanden Eingang in die Argumentation für den Krieg.

    Das Ergebnis ist bekannt: Am 17. März 2003 forderten die USA Saddam Hussein auf, den Irak binnen 48 Stunden zu verlassen. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 2003 flogen die ersten Bomben auf Bagdad. Ohne Mandat des Sicherheitsrates.

    Schon am 14. April 2003 erklärten die USA den Krieg für gewonnen. Ende 2003 wurde Saddam gefangen genommen, Ende 2006 hingerichtet. Durch diesen Krieg starben etwa 150.000 Menschen, ein ganzes Land wurde verwüstet. Noch heute kommen wegen der Strahlung der amerikanischen Uranmunition im Irak missgebildete Kinder zur Welt.

    Vom Atombombenabwurf über Hiroshima bis zu den Raketenangriffen auf Teheran: Unsere brandneue Spezial-Ausgabe „Kriegsverbrechen“ zeichnet die aggressive US-Außenpolitik von Truman bis Trump nach. Hier bestellen.

     

     

     

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