Die russische Exklave soll im Ernstfall binnen 24 Stunden neutralisiert werden. Bei Markus Lanz skizzierte der frühere US-Oberbefehlshaber in Europa, Ben Hodges, die Strategie aus aktuellen NATO-Kriegssimulationen. Das COMPACT-Spezial „Krieg gegen Russland. Deutschlands dritter Marsch ins Verderben“ bringt Fakten, die andere verschweigen. Hier mehr erfahren. 

    Hodges beließ es nicht bei Andeutungen: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Kaliningrad [früher Königsberg] innerhalb der ersten 24 Stunden ausgeschaltet wäre“, erklärte der ehemalige US-Oberbefehlshaber in Europa, als er am Dienstagabend bei Lanz zu Gast war.

    Dabei machte er deutlich, dass es sich nicht um einen klassischen Panzerangriff handele: „Ich meine damit keine Bodentruppen, die dort einmarschieren, sondern den Einsatz kinetischer und nicht-kinetischer Mittel, um Kaliningrad als militärischen Faktor … zu neutralisieren.“ Seine Botschaft lautete, Moskau müsse klipp und klar erkennen, dass ein Angriff nicht ohne spürbare Gegenmaßnahmen bliebe.

    Planspiele und Realität

    Was Hodges bei Lanz schilderte, bezog sich auf klassische militärische Wargames, strategische US-Kriegssimulationen, die in Stäben und Hauptquartieren durchgeführt werden. Dort sitzen Offiziere und Experten an Karten, digitalen Simulationen und Lagebildern, entwickeln Szenarien und prüfen Entscheidungsoptionen. Die Informationen kommen oft von Geheimdiensten.

    Reale Truppen führen dabei keine Übung durch, es geht um Berechnungen und Reaktionsketten. Solche Simulationen arbeiten mit konkreten Daten: Reichweiten von Raketen, Luftabwehrkapazitäten, Logistik, Zeitabläufe, Eskalationsstufen. Computerprogramme modellieren Verluste, Ausfälle und operative Effekte.

    Mehrere Plan-Teams übernehmen unterschiedliche Rollen. Eine Seite simuliert die NATO, die andere Russland. Entscheidungen werden Schritt für Schritt durchgespielt. Doch so präzise diese auch erscheinen mögen, sie bleiben Modelle.

    Transport von russischen Panzern an die ukrainische Front. Die Ukraine hat dem immer weniger entgegenzusetzen. Foto: Corona Borealis Studio I Shutterstock.com.

    Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie stark sich selbst professionelle militärische Einschätzungen irren können. Vor 2022 rechneten viele westliche Analysten, auch höhere Offiziere, mit einem schnellen russischen Sieg. Die CIA sprach von einer Einnahme Kiews „binnen drei Tagen“. Auf russischer Seite wiederum ging man offenbar ebenfalls von einem deutlich schnelleren Zusammenbruch der Ukraine aus, selbst im Falle westlicher Unterstützung.

    Ein ähnliches Muster zeigte sich andersherum im Vorfeld der ukrainischen Großoffensive 2023. In Teilen des westlichen sicherheitspolitischen Diskurses herrschte Zuversicht, dass die neu ausgebildeten Brigaden mit westlichen Panzern, Artilleriesystemen und Präzisionswaffen gute Chancen auf operative Durchbrüche hätten.

    Einflussreiche Thinktanks wie der Atlantic Council mit engen Verbindungen zu ehemaligen Generälen und Regierungsvertretern, die Tabletop-Übungen, also politische und militärische Reaktionsszenarien, organisieren, sprachen von realistischen Erfolgsaussichten: „Alle Anzeichen deuten auf eine klare Gelegenheit hin, dass die ukrainische Gegenoffensive erfolgreich sein kann“, wurde frohlockt, und die militärische Analyse war sich sicher:

    „Die Ukraine hat es geschafft, frische, gut ausgerüstete und gut ausgebildete Reserven in großer Zahl aufzubauen (…). Auf russischer Seite sind keine herausragenden Kommandeure hervorgetreten (…). Man muss davon ausgehen, dass die russischen Kräfte mit geringer Zuversicht und einem Gefühl der Vorahnung auf die Offensive warten.“

    Die Offensive war für viele westliche Generäle hochinteressant. Zum ersten Mal in der Geschichte führte die NATO eine schwer motorisierte Großoffensive gegen die russische Armee durch. Ziel war unter anderem die Landverbindung zwischen der Krim und dem Donbass beziehungsweise Mariupol zu durchtrennen. Ergebnis: Totalkatastrophe. Russland hatte im Süden auf der Saporischschja-Achse Richtung Tokmak ein mehrschichtiges Verteidigungssystem aufgebaut. Insgesamt wurde von drei Hauptverteidigungslinien gesprochen.

    Die ukrainischen Streitkräfte durchbrachen im Spätsommer 2023 nur Teile der ersten Hauptverteidigungslinie, insbesondere im Raum Robotyne und Verbowe. Anderswo nicht einmal das. Gesprochen wird von 30 Prozent westlichem Materialverlust in einigen Einheiten, zehntausende Verluste soll es auf ukrainischer Seite gegeben haben. Umdenken kam dadurch nicht zustande. Mehr Panzer wurden gefordert, vor allem von Deutschland.

    Auch der frühere UN-Botschafter Christoph Heusgen stellte sich nicht gegen die Abschreckungslogik. Er sprach von einer „Grundsatzfrage“ der NATO und verwies auf die deutsche Brigade in Litauen.

    In unserem COMPACT-Spezial ,,Krieg gegen Russland“ heißt es: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten,“ formulierte Bertolt Brecht 1951, als in der BRD die Remilitarisierung begann und gleichzeitig das Pentagon Pläne für die nukleare Auslöschung von 70 russischen Städten operationalisierte – und  für Atombomben auf Ostberlin, Jena und Dresden.

    Jetzt sind wir Deutschen wieder Karthager. Bis zur Wiedervereinigung schliefen die Geister der Vergangenheit. Die Bundeswehr musste nicht für die Amis in Vietnam bluten, die Nationale Volksarmee nicht für die Russen in Afghanistan. Dann zogen wir im Dienste einer Neuen Weltordnung wieder hinaus, schossen und bombten in Jugoslawien und am Hindukusch, spielten Friedenswächter in Afrika. Gehversuche eines Bonsai-Militarismus, muss man im Nachhinein sagen. Denn erst mit der „Zeitenwende“ von Olaf Scholz im Februar 2022 erwachte die Bestie von Neuem: 100 Milliarden für die Bundeswehr – und unsere besten Tötungsmaschinen für die Ostfront. 2024 sah man „Leoparden“-Panzer in Gefechten vor Kursk – so wie „Tiger“ 1943. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“

    Der Kriegstreiber

    Ben Hodges war von 2014 bis 2017 Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa. In diese Zeit fielen die russische Annexion der Krim, der Beginn des Donbass-Krieges und die Neuaufstellung der NATO-Ostflanke. Hodges gilt als klarer Vertreter einer robusten Abschreckungspolitik gegenüber Moskau. Nach seiner aktiven Dienstzeit arbeitet er als sicherheitspolitischer Analyst und tritt regelmäßig in US- und europäischen Medien auf. Er gibt sich meist kriegsgeil. 2022 erklärte er:

    „Solange Putin noch lebt, wird Russland niemals einem Ergebnis zustimmen, bei dem die Ukraine als souveräner Staat überlebt.“

    Und zur damaligen Trump-Politik äußerte er sich ungewöhnlich scharf. Versprechen, den Krieg rasch beenden zu können, seien „heiße Luft“. Wer glaube, man könne mit schnellen Deals Stabilität schaffen, sei „entweder naiv oder dumm“.

    Das Ass im Ostseepoker

    Kaliningrad ist für Russland weit mehr als eine isolierte Exklave. Die Region sichert Moskaus militärische Präsenz im Ostseeraum, beherbergt die Baltische Flotte und moderne Luftabwehr- sowie Raketensysteme. Sie verschafft Russland strategische Reichweite bis tief nach Mitteleuropa und dient zugleich als Gegengewicht zur NATO-Osterweiterung. Zudem leben rund eine halbe Million Russen in der Stadt.

    Seit Polen und die baltischen Staaten dem Bündnis beitraten, ist Kaliningrad vollständig von NATO-Gebiet umgeben. Zwischen Kaliningrad und dem russischen Verbündeten Belarus liegt die sogenannte Suwalki-Lücke, ein rund 65 Kilometer breiter Landstreifen an der Grenze von Polen und Litauen. Dieser schmale Raum verbindet das Baltikum mit dem restlichen NATO-Gebiet und trennt zugleich die russische Exklave vom belarussischen Staatsgebiet.

    Ein Schild in der Nähe der litauisch-russischen Grenze kurz vor dem Übergang in die russische Exklave Königsberg (Kaliningrad). Hier, im früheren nördlichen Ostpreußen, gibt es auch einen russisch-polnischen Grenzabschnitt. Foto: Michele Ursi I Shutterstock.com.

    Würde dieser Korridor dichtgemacht, wären Estland, Lettland und Litauen vom übrigen Bündnis abgeschnitten. Umgekehrt wäre Kaliningrad im Ernstfall von jeder möglichen Landverbindung nach Osten isoliert. Eine Versorgung über See wäre in der Ostsee unter militärischem Druck nur bedingt bis gar nicht machbar.

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