Die USA drohten mit einer Invasion, und erhalten nun die Belohnung. Die Insel, bislang unter dänischer Hoheit, soll stärker unter amerikanische Kontrolle geraten, nach einem historischen Vorbild: den britischen Militärbasen auf Zypern. Wer verstehen will, warum die USA immer wieder zur militärischen Karte greift, findet in Daniele Gansers „Imperium USA – Die skrupellose Weltmacht“ eindrucksvolle Beispiele und unbequeme Antworten. Hier das Buch bestellen.
Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos trat Trump gemeinsam mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte auf. Der Präsident machte unmissverständlich klar: Nur die Vereinigten Staaten seien in der Lage, Grönland wirksam zu sichern und zu verteidigen.
Es sei kein großer Deal, er wolle ,,doch nur ein Stück Eis“. Washington hat seine zuvor angekündigten Strafzölle gegen acht europäische Staaten, darunter Deutschland, überraschend zurückgenommen. Doch der Rückzug hatte seinen Preis: Als Deeskalation und sicherheitspolitische Rationalität etikettiert, verschiebt der Deal die Machtverhältnisse zuungunsten Europas.

Aus NATO-Kreisen heißt es, Rutte habe einen Vorschlag eingebracht, der zwei Elemente vereint: eine neue Überwachungsmission der Allianz im hohen Norden, und die Übernahme bestehender Militärbasen auf Grönland durch die USA. Rutte erklärte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos:
„Der einzige Weg, damit umzugehen, ist am Ende eine umsichtige Diplomatie.“
In internen Runden habe der NATO-Generalsekretär betont, die Arktis sei kein Randgebiet mehr, sondern eine Schlüsselzone transatlantischer Sicherheit. Das Modell orientiert sich ausdrücklich an den britischen „Sovereign Base Areas“ auf Zypern. Diese sind völkerrechtlich abgesonderte Gebiete, über die ein Staat volle Hoheitsrechte ausübt, obwohl sie geografisch in einem anderen Land liegen.
Großbritannien verfügt dort mit Akrotiri und Dhekelia über zwei Luftwaffenstützpunkte, die seit der Unabhängigkeit Zyperns im Jahr 1960 britisches Staatsgebiet geblieben sind. Ihr Status ist völkerrechtlich festgeschrieben: Sie gelten als britisches Überseegebiet, unterstehen dem Verteidigungsministerium in London, dürfen ausschließlich militärisch genutzt werden und sind weder wirtschaftlich ausbeutbar noch eigenständige Staaten.
Besetzung von wirtschaftlichen Knotenpunkten
Diese Darstellung greift jedoch zu kurz. Mit zunehmender Industrialisierung änderte sich auch die geopolitische Herangehensweise des British Empire. Große Landflächen und Kolonien wichen der Kontrolle maritimer Schlüsselpositionen. Die Royal Navy sicherte Handelswege und Engstellen vom Suezkanal über Malta bis Gibraltar.
Das Empire schuf ein System, in dem britischer Handel unter besseren Bedingungen operieren konnte als die Konkurrenz. Englische Schiffe fuhren unter militärischem Schutz, mit schnellerer Hilfe, kürzeren Wartezeiten und besserer Planbarkeit.

Geringere Versicherungs- und Finanzierungskosten, kürzere Liegezeiten und verlässlichere Lieferfenster reichen aus, um Aufträge zu gewinnen und Märkte zu dominieren. Wer dauerhaft nur zwei oder drei Prozent günstiger ist, verdrängt langfristig Wettbewerber, nicht unbedingt durch offene Blockaden, sondern durch reine Effizienz.
Auch die britischen Basen auf Zypern, dienten nie allein militärischen Zwecken, sondern waren stets Teil einer größeren Strategie zur Absicherung von Handelsrouten zwischen Europa, Nahost und Asien. Während der Suezkrise war der Suezkanal, von Oktober 1956 bis April 1957 faktisch außer Betrieb. Die britische Versorgung und militärische Präsenz im östlichen Mittelmeer und im Nahen Osten lief in den 1950er-Jahren vor allem über die Stützpunkte auf Zypern und Malta. Der Suezkanal war dabei der zentrale Verkehrsweg, jedoch nicht britisches Hoheitsgebiet.
Der Konflikt entstand, als Ägypten den Kanal 1956 verstaatlichte. Die Transitgebühren flossen nun nicht mehr an die britisch-französisch dominierte Kanalgesellschaft, sondern an den ägyptischen Staat. Nach dem militärischen Rückzug der Briten durch amerikanischen Druck und der anschließenden Wiederaufnahme des Warenverkehrs liefen sicherheitsrelevante Informationen, militärische Lageeinschätzungen und operative Koordination über britische Stellen, auch hier gestützt auf die Basen auf Zypern.
Großbritannien konnte dadurch zumindest mitentscheiden, wann Seewege wieder als passierbar galten, wo Minen geräumt waren und welche Routen als vertretbar eingestuft wurden.

Britische Schiffe konnten ihre Rückkehr in den Kanal früher planen, früher auslaufen und schneller reagieren, während andere Reedereien auf formelle internationale Freigaben, Versicherungszusagen und bestätigte Sicherheitsmeldungen warten mussten. In einem Massengeschäft mit engen Margen bedeutete dieser Vorsprung von Tagen oder Wochen einen messbaren wirtschaftlichen Vorteil.
Genau in diesem Licht ist auch Grönland zu betrachten. Mit dem fortschreitenden Abschmelzen des arktischen Eises, unabhängig von dessen Grund, öffnen sich neue Seehandelsrouten zwischen Nordamerika, Europa und Asien, teilweise kürzer, schneller und kostengünstiger als klassische Routen über Suez oder Panama.
Die Arktis entwickelt sich damit von einer Randzone zu einem zukünftigen Verkehrskorridor des Welthandels. Wer dort militärisch präsent ist, sichert nicht nur Sicherheit, sondern Einfluss auf Warenströme, Rohstofftransporte und strategische Engpässe. Grönland ist damit weniger ein Außenposten der Verteidigung als ein Hebel künftiger Machtprojektion zu sehen.
Europa gibt bereitwillig nach
NATO-Chef Rutte hatte den Plan bereits mit dem dänischen Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen sowie der grönländischen Außenministerin Vivian Motzfeldt bei einem Treffen in Brüssel erörtert. Das Gespräch sei, so heißt es, „gut verlaufen“. Sowohl Kopenhagen als auch Nuuk hätten grundsätzlich signalisiert, einer verstärkten amerikanischen Militärpräsenz offen gegenüberzustehen.
Parallel dazu treibt Washington größere Pläne voran. Trump kündigte weitere Gespräche über die Errichtung des geplanten Raketenabwehrsystems „Golden Dome“ auf der Insel an. Mit den Verhandlungen über ein umfassendes Grönland-Abkommen beauftragte er Vizepräsident J. D. Vance, Außenminister Marco Rubio und den Sondergesandten Steve Witkoff.
Grönland wird damit mehr denn je zur strategischen Schaltstelle zwischen Arktis, Nordamerika und Europa. Was als technischer Sicherheitsdeal beginnt, könnte sich als langfristige Verschiebung der Machtverhältnisse im hohen Norden erweisen.
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