Vor zwei Jahren wurden die 17-jährige Ann-Marie und ihr Freund Danny (19) in einem Regionalzug in Schleswig-Holstein ermordet. Eine vertraute Zugfahrt, dann Minuten unvorstellbarer Gewalt. Ibrahim A. hatte mit einem Messer wahllos Fahrgäste angegriffen. Das Leben der Jugendlichen endete zwischen zwei Bahnhöfen. Was blieb, ist ein Vater, der aus dem Verlust Verantwortung für andere übernommen hat. In unserem neuen COMPACT-Spezial „Mädchen. Messer. Morde.“ analysieren wir, wie diese Art von Gewalt in den letzten Jahren zugenommen hat und zeigen auf, was sich ändern muss. Hier mehr erfahren.
Siebzehn – ein Alter, in dem das Leben normalerweise gerade erst beginnt: Studium, Traum vom ersten Auto und große Pläne. Stattdessen bleibt Stille. Und ein Vater, der an diesem Tag erneut Abschied nimmt. Heute gedenkt Michael Kyrath seiner Tochter auf der Plattform X. Es ist ein stiller Gruß zum Geburtstag eines Kindes, das nicht mehr da ist:
,,Die Liebe die sie uns gegeben hat, macht sie für uns unsterblich- für immer! Aber wir sind dankbar für die gemeinsame Zeit…heute wäre Ann-Marie 20 Jahre alt geworden.“
Über den Fall wurde bereits ausführlich in unserem COMPACT-Spezial ,,Mädchen. Messer. Morde“ berichtet, dieser Beitrag greift zentrale Passagen daraus auf.
Im RE 70
Der Regionalzug gleitet durch die frostklaren Weiten Norddeutschlands. Im Großraumabteil sitzen Ann-Marie und Danny, seit erst fünf Tagen ein Pärchen. Sie kennen diese Strecke gut, fahren sie regelmäßig zwischen Schule, Freunden und Familie.
Die Fahrt nähert sich dem Bahnhof Brokstedt. Gegen 14:00 Uhr zerschneiden markerschütternde Schreie die Ruhe. Ein Mann steht mitten im Gang, in der Hand ein Küchenmesser, blutverschmiert, die Augen leer. Ein Zeuge berichtet später über einen schrillen Lärm, „als würde ein Tier schreien und furchtbare Schmerzen haben“. Da die Schreie nicht aufhören, realisiert er: „Hier schreit ein Mensch um sein Leben“.
Er sieht noch eine Frau mit blutigem Gesicht und blonden Haaren am Boden liegen, die sich gegen den Täter über ihr versucht zu erwehren. Eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Panik bricht aus. Menschen drängen Richtung Türen, schreien, weinen, versuchen zu fliehen. Vier weitere Personen werden verletzt.
Als der Lokführer den Zug am Bahnhof Brokstedt endlich zum Halt bringt, entsteht auch auf dem Bahnsteig ein Tumult. Der Täter dagegen ist entspannt. Er sieht seine Tat als vollbracht an. Jetzt ist Zeit zum Relaxen. Er setzt sich auf einen Bahnsteig und raucht genüsslich eine Zigarette. Er läuft nicht davon und wartet auf die Polizei.
Täter war in Untersuchungshaft
Was ist über den Täter bekannt? Ibrahim A., wird am 19. Januar 2023 nach einer einjährigen Untersuchungshaft wegen schwerer Körperverletzung in Hamburg entlassen. Schon zuvor, zwischen 2015 und 2021, fällt er immer wieder durch schwere Straftaten auf. Eine Abschiebung erfolgt nicht.

An jenem Sonntag fährt er nach Kiel, um seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen, doch sein Antrag bleibt erfolglos. Rasend vor Wut über diesen Fehlschlag kauft er in einem Supermarkt ein Messer und geht auf der Rückfahrt wahllos auf Danny und Ann-Marie los. Es hätte auch jeden anderen treffen können.
Stimme eines trauernden Vaters
Als Michael Kyrath das erste Mal vor die Kameras tritt, zittert seine Stimme. Doch seine Worte schneiden durch die gewohnte Gleichgültigkeit wie ein Messer durch Butter: „In der Berliner Politikblase musste ich mir dumme Sprüche anhören.“ Eine Gesellschaft, sagte er, die täglich neue Messerattacken meldet, dürfe sich nicht länger damit abfinden.
Seit dem Tod seiner Tochter ist Kyrath ein anderer Mensch. Früher war er der ruhige Handwerksmeister und ein Mann, der an Wochenenden mit der Familie grillte, das einfache Glück zu schätzen wusste. Heute ist von diesem alten Leben kaum etwas geblieben. „Ich habe aufgehört, richtig zu leben“, sagt er leise.
„Ich funktioniere nur noch.“
Das mitreißende Lachen der geliebten Tochter ist nicht mehr da. Die Räume wirken leer, die Tage fließen ineinander. Doch irgendwann verwandelt sich die Starre in Tatendrang: ,,Wie kann jemand, der so gefährlich ist, einfach entlassen werden?“ Diese Frage lässt ihn nicht mehr los. Das Bestreben, anderen Familien das gleiche Schicksal zu ersparen, wird zum Ansporn.
Kyrath will kein Politiker sein. Er ist ein Vater, der seine Tochter verloren hat und nun versucht, aus dem Schmerz Sinn zu gießen. In Talk-Shows wie Lanz, Maischberger oder dem Nachtcafe fordert er Konsequenzen und vor allem Mut. Er weiß, dass er aneckt, aber das schreckt ihn nicht. „Ich habe nichts mehr zu verlieren“, sagt er entschlossen. Immer wieder macht er Druck auf das Establishment:
,,Täterprofil, Tatwerkzeug, Tathergang und Tatmotive seien immer nahezu die gleichen … und nach jeder Tat sind es dieselben Floskeln, die wir von der Politik hören – seit Jahren, und es ändert sich gar nichts.“
Und weiter: „Wir reden seit Jahren über Integration und Sozialarbeit, aber nicht über Konsequenzen. Mein Kind ist tot, weil keiner Verantwortung getragen hat.“
So ist aus einem trauernden Vater ein unbequemer Kämpfer für seine Mitmenschen geworden. Ein Mann der schützen will, wo es für seine Familie bereits zu spät ist. Keine Schicksalsbetäubung, kein ,,Mir egal, für mich ist es jetzt sowieso vorbei“, kein Schweigen. „Wenn ich über sie spreche, ist sie für einen Moment wieder da“, sagt Kyrath. „Ich kann sie nicht zurückholen. Aber ich kann verhindern, dass andere Eltern das Gleiche erleben müssen.“
Die etablierten Parteien haben diesen Zuständen, die wir jetzt mitten in Deutschland erleben, den Nährboden bereitet. In unserem neuen COMPACT-Spezial „Mädchen. Messer. Morde.“ haben wir diese Gewalt analysiert und eine verheerende Bilanz der letzten zehn Jahre gezogen. Dieses Heft dürfen Sie nicht verpassen, es soll eine Warnung für die Zukunft sein. Jetzt bestellen!




