Wernher von Braun, Sigmund Jähn, Ulf Merbold – sie bahnten den Weg ins All. Die drei Pioniere wurden völlig unterschiedlichen Gesellschaftssystemen ausgebildet – vielleicht ein Zeichen dafür, dass der Genius unseres Volkes nichts mit Politik zu tun hat. Mit der Interkosmos-Medaille aus feinstem Silber erinnern wir an diese Leistungen. Hier mehr erfahren.
Wernher von Braun
Als Wernher von Braun am 23. März 1912 in Wirsitz in der preußischen Provinz Posen geboren wird, deutet noch nichts darauf hin, dass dieser Deutsche einmal den Weltraum erobern würde. Im Alter von 13 Jahren fällt dem Heranwachsenden das Buch Die Rakete zu den Planetenräumen (1923) von Hermann Oberth in die Hände. Das verändert sein ganzes Leben! Schon Anfang 1930 lernt der frischgebackene Abiturient Oberth persönlich kennen. Bald wird er dessen Assistent bei Raketenexperimenten auf dem Versuchsgelände der chemisch-technischen Reichsanstalt in Plötzensee bei Berlin.
Gefördert wird von Braun auch von dem Ingenieur und Reichswehr-Major Walter Dornberger, der für das Heereswaffenamt Experimente durchführt. 1934 promoviert sein Schützling mit einer Arbeit über «Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete» und empfahl sich damit der Wehrmacht für Höheres. 1937 wird von Braun zum technischen Direktor der neuen Heeresversuchsanstalt Peenemünde berufen, 1938 tritt er der NSDAP bei, 1940 wird er Mitglied der SS. Ab 1941 arbeitet er auf Usedom mit Oberth an der von ihm entwickelten V2 zusammen.

Nach Kriegsende internieren die Amerikaner zahlreiche deutsche Wissenschaftler in Garmisch-Partenkirchen. Bei den Verhören geht es fast ausschließlich um das Raketenprogramm. Seine Kooperation mit den Amerikanern erklärt von Braun später so: «Mein Land hat zwei Weltkriege verloren, diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen.» Im Zuge der Operation Overcast siedeln er und 126 seiner Mitarbeiter schließlich in die USA über und arbeiten fortan im Forschungszentrum White Sands in New Mexico und in Fort Bliss, Texas, wo sie ihre unter Hitler begonnenen Versuche fortsetzen können.
1958 können die Amerikaner mit von Brauns neuer Jupiter-Rakete ihren ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn schießen. Der Deutsche, seit 1955 US-Staatsbürger, avanciert zum Nationalhelden, verkehrt mit Präsident Dwight D. Eisenhower und dessen Nachfolger John F. Kennedy. 1960 wird der Hollywood-Film Wernher von Braun – Ich greife nach den Sternen mit Curd Jürgens in der Hauptrolle zum Kassenschlager. Der US-Satiriker Mort Sahl lästert, der Titel «I Aim at the Stars» müsse mit «But Sometimes I Hit London» (…, aber manchmal treffe ich London) ergänzt werden – eine Anspielung auf die verheerenden V2-Angriffe gegen die britische Hauptstadt 1944.
Mit Gründung der NASA reagieren die USA auf die Erfolge der Sowjets, die mit Sputnik den ersten Satelliten und mit Juri Gagarin den ersten Kosmonauten ins All geschossen hatten. Von Braun wird Direktor des Marshall Space Flight Center, seine Abteilungsleiter sind ehemalige Mitarbeiter von Peenemünde. 1961 gibt Kennedy der bemannten Weltraumfahrt ein ehrgeiziges Ziel vor: Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen Amerikaner auf dem Mond landen. 1969 ist es so weit: Am 20. Juli bringt die von Wernher von Braun konstruierte Saturn V die US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin «Buzz» Aldrin auf den Mond. Mit der Apollo-11-Mission gehen seine langjährigen Träume endlich in Erfüllung – er wird als «Universalgenie» und als «Vater der bemannten Raumfahrt» gefeiert. (dp)
Sigmund Jähn
Am 26. August 1978 starteten Sigmund Jähn und sein Kommandant Waleri Bykowski vom sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur in die Erdumlaufbahn. Schon früh hatte der Junge aus dem vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz in den Himmel geschaut. «Als Sechsjähriger bewunderte ich die Flugzeuge, die in Schwärmen über uns flogen. Ich wusste damals nicht, dass sie gerade Plauen bombardiert hatten», erzählte er später im Rückblick auf das Jahr 1943.
«Der erste Deutsche im All» titelten die Zeitungen der DDR an jenem Tag. Oder: «Sigmund Jähn unterwegs zur Orbitalstation». Die Überschrift war ein Vabanquespiel: Bereits sechs Wochen vor dem Start musste die Nachrichtenagentur ADN ihre Reportage zu dem kommenden Großereignis einreichen; die Zensur brauchte Zeit. Während Jähn nach gut zwei Stunden Flug in die sowjetische Raumstation Saljut 6 umstieg, sammelten Kuriere in den Redaktionen der DDR die verschlossenen Umschläge wieder ein. Sie enthielten den Nachruf auf den Kosmonauten, falls etwas schiefgegangen wäre. Der Sachse sei nur ein «Mitesser in der Russen-Rakete», sudelte der Bild-Chefredakteur (und später, unter Helmut Kohl, BRD-Regierungssprecher) Peter Boenisch nach der Weltraumpremiere.

Sieben Tage, 20 Stunden und 49 Minuten blickte der Vogtländer auf den blauen Planeten. Bis heute bei Zeitgenossen unvergessen ist die Schalte des DDR-Kinderfernsehens, für die Jähn in der Raumstation gemeinsam mit einer Figur des Ost-Sandmännchens auftrat – und mit Mascha, einem gutherzigen und etwas tollpatschigen Mädchen des sowjetischen Kinderfernsehens. Als in Strausberg bei Berlin 2018 eine Kita eröffnete, war der Kosmonaut mit dabei. «Die Kinder kannten ihn zwar nicht, aber die Eltern und Großeltern machten Selfies mit ihrem Helden und waren ganz begeistert», berichtete Bürgermeisterin Elke Stadeler.
Die heutige Politik verhält sich schäbig gegenüber der Kosmos-Legende. Die Büste von Jähn vor dem Planetarium im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist schon lange verschwunden. Auch das wieder errichtete Planetarium in Halle (Saale) durfte den Namen Jähns nicht weiter tragen. So beschloss es im Februar 2021 der Stadtrat – ein Grünen-Antrag, der mit 28 gegen 18 Stimmen (vor allem aus der SPD und der Linken) angenommen wurde. Auch die AfD konnte sich nicht für den ersten Deutschen im All begeistern. Jähn, so die Kritik, habe nun mal der DDR gedient. Das mag sein, räumte Konrad Stahl, Bürgermeister in Morgenröthe-Rautenkranz, bereits 2019 ein. Doch «den Flug ins All hat er nicht mit einem Parteiabzeichen gemacht, sondern er hat eine Leistung vollbracht. Diese Leistung sollte man würdigen». (mmm)
Ulf Merbold
Auch der zweite Deutsche im All, fünf Jahre nach Sigmund Jähn, stammte aus dem Vogtland. 1941 in Greiz geboren, verließ Ulf Merbold 1960 die DDR, nachdem ihm die Behörden ein Physikstudium verwehrt hatten. Unter 2.000 Bewerbern aus den Mitgliedsländern der Europäischen Weltraumagentur ESA erhielt er den Zuschlag: Er war 1983 der erste Nicht-Amerikaner in dem US-Space Shuttle.
Zwischen 1983 und 1994 nahm er an drei Weltraumflügen teil, zuletzt an der russischen Mission Sojus TM-20 zur Raumstation Mir. Merbold und Jähn kannten sich seit 1984. Nach der Wende vermittelte er seinem DDR-Kollegen eine Beratertätigkeit für die ESA in Moskau.
13 Deutsche im All
Außer Sigmund Jähn und Ulf Merbold sind bislang elf weitere deutsche Astronauten in den Weltraum vorgedrungen – mit den Sojus-Raumschiffen der Sowjetunion beziehungsweise Russlands sowie mit dem Space Shuttle der Vereinigten Staaten. Deutsche im All waren unter anderem Reinhard Furrer und Ernst Messerschmid (1985), Thomas Reiter (1995/2006) und Alexander Gerst (2014/2018). Zuletzt gelangte Matthias Maurer im Rahmen eines SpaceX-Fluges 2021 auf die internationale Raumstation ISS.
Für seine Verdienste wurde Merbold mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Sowohl ein Asteroid als auch eine Schule wurden nach dem heute in Stuttgart lebenden Astronauten benannt. Sein Lebensfazit: «Da oben leben, das kann ich mir nicht vorstellen. (…) Wir müssen alles dafür tun, diesen wundervollen Planeten Erde bewohnbar zu erhalten und ihn intakt den Ungeborenen zu hinterlassen.» (km)
Pioniere der Raumfahrt: Wir erinnern an Sigmund Jähn und seinen Kollegen Juri Gagarin mit unserer neuen Interkosmos-Medaille aus feinstem Silber. Auch im edlen Set im Schmuckrahmen mit drei weiteren Medaillen zur deutsch-russischen Freundschaft erhältlich. Hier mehr erfahren.



