„Wer hätte sonst einen Grund gehabt?“ – zum Kinostart von „Aus dem Nichts“

52

Golden Globe für Fatih Akins Verfilmballerung des NSU. Am Sonntag wurde der Film zum besten fremdsprachigen Streifen gewählt. Unsere Rezension vom 24. November lesen Sie hier.

+++

Der türkischstämmige Regisseur Fatih Akin hat den NSU ins Kino verfrachtet – und zementiert die staatsoffizielle Version, trotz vieler künstlerischer Freiheiten.

Eine Lüge ist nicht vollkommen, ehe sie fürs Kino verfilmt und der trägen Masse konsumgerecht aufbereitet worden ist. Nach dem 2016 ausgestrahlten ARD-Dreiteiler Mitten in Deutschland strahlt die Mär von Beate Zschäpe und den zwei Uwes seit Donnerstag auch über Deutschlands Kinoleinwände. Im Gegensatz zur ARD löst sich Regisseur Fatih Akin (Kanak Attack, Gegen die Wand) stark von den angeblichen Vorgängen – und holt doch das Maximum an antideutschem Potential aus der Vorlage raus.

Akin personifiziert die gesamte Mordserie anhand der von Diane Kruger dargestellten Deutschen Katja Sekerci. Ihr Sohn und ihr Mann – ein türkischer Ex-Drogendealer – kommen bei einem Nagelbombenanschlag in einem Hamburger Migrantenviertel ums Leben.

Im ersten Drittel fokussiert sich der Film ganz auf die „zweite Bombe“, die den Angehörigen der Opfer seitens der Ermittler um die Ohren geflogen sei. Stichwort: Dönermorde…

Auch bei Akin ermitteln die Behörden doch tatsächlich zuerst im Milieu des Getöteten! „War Ihr Mann Kurde? War er Muslim?“ wollen die Polizisten wissen. Ein klarer Fall von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ seitens einer von institutionellem Rassismus zerfressenden Hamburger Soko, macht der Film den Zuschauern glauben. Für die Hinterbliebene steht immerhin fest: „Das waren Nazis. Wer hätte sonst einen Grund gehabt?“

Dass Krugers Witwe – eine mit Tätowierungen bezogene, abgebrochene Germanistik- und Kunstgeschichtsstudentin – anscheinend das Antifa-Profil gut erfüllt, wird von Akin nicht kritisch ausgeleuchtet. Neben der Witwe ist der einzige, nicht des latenten Rassismus verdächtige Charakter ohnehin nur ihr Anwalt des Vertrauens mit Migrationshintergrund (Denis Moschitto). Selbst Muttern belastet sich selbst, als ihr trauernd der Wunsch entfährt, ihre Tochter möge doch einen anderen geheiratet haben. Kruger brüllt sie prompt außer Hauses – zumindest linke Diskussionskultur stellt Akin treffend dar.

Besser ein Linksstaat, sonst…

Tatsächlich ist ein verheiratetes Neonazi-Pärchen für den Bombenanschlag verantwortlich. Im sehr technischen, wenngleich sehr spannenden zweiten Drittel des Films wird ihnen der Prozess gemacht. Im Film liegen Spuren und Hinweise auf die Täterschaft der Verdächtigen zuhauf vor. Hier bewegt sich Aus dem Nichts ins Fantasiegenre.

Nur durch Findigkeiten des Verteidigers (Schauspieler Johannes Krisch hat eine perfide Ähnlichkeit mit dem „Szene-Anwalt“ Olaf Klemke) gelangt das Nazipaar schließlich tatsächlich auf freien Fuß – eine absurde Umkehrung der Realität. Egal, was die Indizien sagen oder Zeugen (so sie noch leben) – im Falle von Zschäpe steht die Schuld so oder so fest, wie COMPACT-Edition NSU: Die Geheimakten mit Verweis auf den mittlerweile zweiten NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages zeigt:

In seinem 1.798 Seiten starken Abschlussbericht vom 27. Juni 2017 zieht dieser die Bilanz nach hunderten Zeugenaussagen und tausenden ausgewerteten Hinweisen: «An keinem einzigen der 27 Tatorte der dem NSU zugerechneten vielen Straftaten – sowohl bezogen auf die Sprengstoffanschläge, die Ceska-Morde und den Polizistenmord als auch bezogen auf die noch vorhandenen Asservate der begangenen Banküberfälle – wurde eine DNA-Spur gesichert, die beim Abgleich Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos oder Beate Zschäpe zugeordnet werden konnte. Auch an den bei den Morden verwendeten Tatwaffen (…) konnte keine DNA der Drei festgestellt werden.»

Jürgen Elsässer fügt in seinem Editorial hinzu:

Wie will man auf dieser Grundlage die Angeklagte hinter Gittern belassen oder sie sogar zu lebenslänglich verurteilen? Warum ist nicht stattdessen der Verfassungsschützer Andreas Temme in U-Haft, der nachweislich am Tatort des Mordes an Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel gewesen ist? Und warum ist der Kurde Veli A. immer noch auf freiem Fuß, den etliche Zeugen als Täter von gleich drei dem NSU zugeschriebenen Bluttaten angegeben haben?

Veli A. lungerte beim Nagelbombenanschlag in der Kölner Keuppstraße herum. Der angeblich fünfte NSU-Mord dient Aus dem Nichts als direkteste Vorlage. Hierzu heißt es in COMPACT-Edition:

Wie bei allen NSU-Morden gibt es keine Zeugenaussagen, die das Trio – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und die einzige Überlebende, Beate Zschäpe – belasten. Die Phantombilder von allen Tatorten sehen den beiden Männern überhaupt nicht ähnlich, Zschäpe wurde sowieso nirgends gesichtet. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Die Videoaufnahmen von zwei Fahrradfahrern, die am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe in der Kölner Keupstraße platziert haben sollen – das könnten vielleicht Uwe & Uwe gewesen sein. Allerdings gibt es einen Schönheitsfehler: Auf dem pixeligen Film ist das auffällige Tattoo am Unterschenkel des kurzbehosten Böhnhardt nicht zu erkennen, das ansonsten aktenkundig ist. Und: Eine Zeugin B. beschrieb den einen Fahrradfahrer als «einen hübschen Mann eher mediterranen Typs» (NSU-Abschlussbericht des ersten Bundestag-Ausschusses 2013, Seite 672), den anderen als «leicht korpulent» (Sachstandsbericht der
Generalstaatsanwaltschaft Köln, 4. Januar 2012). Schwer vorstellbar, dass sie damit die durchtrainierten und typisch deutsch aussehenden Rechtsradikalen gemeint haben könnte…

COMPACT-Edition liefert Originaldokumente, die Akin anscheinend nicht kennt, denn bei ihm hat Kruger am Tatort tatsächlich die verdächtige Deutsche beim Platzieren der Bombe gesehen und niemanden sonst. Trotz dieser erdrückenden Beweislage heißt es schließlich: in dubio pro reo.

Das also würde passieren, wenn der Rechtsstaat mal kein Linksstaat wäre? Nazimörder würden dann nicht mehr bestraft? Mal gut, dass die Witwe inzwischen selbst das Nagelbombenbauen erlernt hat…

Spiegel-Online: Nicht antideutsch genug!

Vielleicht ist es Zufall, dass der Kinostart von Aus dem Nichts auf den Tag genau 25 Jahre nach dem nächtlichen Brandanschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnten Häusern im schleswig-holsteinischen Mölln liegt? 14 Morde mit rechtsextremen Hintergrund hat es 1992 gegeben – Höchstwert seit der Wiedervereinigung. Seitdem ist der Trend stark rückläufig – trotz angeblicher NSU-Serie (siehe COMPACT-Recherche „Acht Morde von rechts“). Massenmedien erhalten die scheinbar ständige Bedrohung durch Rechtsextremismus pflichtschuldigst aufrecht. Aus dem Nichts ist keine Ausnahme.

Dass es auch anders geht, bewies der irakischstämmige, in Dänemark arbeitende Regisseur Fenar Ahmad kürzlich. Mit Darkland kam am 12. Oktober dieses Jahres ein Film von ihm ins Kino, der einen schonungslos ehrlichen Blick auf die gescheiterte Multikulti-(Unter)welt Kopenhagens wirft, ohne integrierte Migranten zu verraten. Davon ist Deutschland noch Lichtjahre entfernt.

Bestes Beispiel: Bei Spiegel-Online schneidet Akins Film nicht sonderlich gut ab. Der Grund: Kruger zufolge, könne die Geschichte auch ebensogut in anderen Ländern als Deutschland spielen – und die Identifikationsfigur ist weiß…

Aus dem Nichts läuft seit dem 23.11. in deutschen Kinos.

Über den Autor

Avatar

Max Z. Kowalsky, Jahrgang 1979, bestreitet sein Dasein als Privatdozent im schönen Genf. Seit 2015 schreibt der studierte Slavist für COMPACT.

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel