Kurz vor den Wahlen hat es noch einen echten Tiefschlag gegen Israels Regierungschef Netanjahu gegeben. Ron Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, attackiert ihn scharf. In diesem Zusammenhang unverzichtbar: „Schurkenstaat – Geschichte und Gegenwart Israels“, die brisante COMPACT-Spezialausgabe. Hier mehr erfahren.
Direkt vor den anstehenden Knesset-Wahlen erhebt Ron Lauder schwere Vorwürfe gegen Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses und einstige Vertraute des Regierungschefs warnt vor dessen Wiederwahl. Netanjahu stelle den Machterhalt über Frieden und demokratische Prinzipien, kritisiert der US-amerikanische Milliardär in einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz.
Die Wahl findet morgen statt. In Israel ist dann Feiertag. 7,33 Millionen sind wahlberechtigt. Die meisten Wahllokale sind von 7 Uhr bis 22 Uhr geöffnet. Eine erste Hochrechnung ist für morgen gleich nach Schließung der Wahllokale angekündigt. Mit echten Ergebnissen ist bis Donnerstag-Mittag zu rechnen. Bis zum 4. November muss das Ergebnis feststehen.
Netanjahu, der „Diktator
Trotz zahlreicher Affären und politischer Kontroversen will Netanjahu weiterhin an der Macht bleiben. Doch ausgerechnet ein langjähriger Weggefährte stellt sich nun quer. Ron Lauder, der Netanjahu seit dessen Zeit als israelischer Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York kennt, zeichnet ein düsteres Bild von der politischen Entwicklung Israels. Die Vorwürfe des 82-Jährigen sind ungewöhnlich deutlich: Er bezeichnet Netanjahu als „Diktator“ und wirft ihm vor, die demokratischen Spielregeln des Landes zu missachten.
Lauder ist Erbe des Kosmetikkonzerns Estée Lauder und steht seit 2007 an der Spitze des Jüdischen Weltkongresses (WJC), der jüdische Gemeinden und Organisationen aus aller Welt vertritt. In den 1980er Jahren war er US-Botschafter in Wien. Durch seine internationalen Kontakte verfügt er über enge Beziehungen zu zahlreichen politischen Entscheidungsträgern. Zu Netanjahu pflegte er lange eine Freundschaft.
Lange habe er sich mit öffentlicher Kritik zurückgehalten, sagt er nun gegen über Haaretz. Nun sehe er sich jedoch gezwungen, seine Stimme zu erheben. Israel habe sich einst durch seine demokratischen Strukturen von vielen anderen Staaten unterschieden. Die gegenwärtige Entwicklung erinnere ihn dagegen zunehmend an eine „Bananenrepublik“.
Besonders schwer wiegt der Vorwurf, die amtierende Regierung ordne das Wohl der Bevölkerung ihren eigenen politischen Interessen unter. Die extremen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich würden Israel mit Unterstützung Netanjahus erheblichen Schaden zufügen. Der Regierungschef konzentriere die Macht auf sich und vernachlässige dabei demokratische Grundsätze, so Lauders Einschätzung. Bei der bevorstehenden Wahl würde der Milliardär nach eigenen Angaben Gadi Eisenkot bevorzugen.
Lauder zufolge hat sich Netanjahu im Laufe seiner politischen Karriere grundlegend verändert. Als dieser nach Israel zurückgekehrt sei, habe er sich von einem offenen und zugänglichen Menschen zu einem Politiker entwickelt, dessen Denken zunehmend von Machtinteressen bestimmt gewesen sei. Netanjahu habe danach gestrebt, eine zentrale Position innerhalb des Likud einzunehmen. Auch dessen Ehefrau Sara habe die Beziehung zwischen den beiden Männern belastet, berichtet Lauder. Letztlich habe Netanjahu die Freundschaft zugunsten seiner politischen Laufbahn aufgegeben. „Er ließ mich zurück“, sagt der Milliardär. Für seinen ehemaligen Freund habe die eigene Karriere stets Vorrang gehabt.
Trotz der wachsenden Distanz hielt Lauder lange an der Verbindung fest und wies öffentlich Spekulationen über einen Bruch zurück. Dass er nun so offen mit Netanyahu abrechnet, markiert deshalb einen deutlichen Einschnitt.
Lauder selbst verfügt über beträchtlichen politischen Einfluss in den Vereinigten Staaten. Er unterstützte bereits früh die Republikanische Partei und spendete 2016 insgesamt 100.000 US-Dollar für Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf. Zudem wurde ihm zugeschrieben, Trump die Idee eines Kaufs Grönlands nahegebracht zu haben. Sein Schwiegersohn Kevin Warsh steht seit Kurzem an der Spitze der US-Notenbank.
Enttäuschung und Dringlichkeit als Antriebsfedern
Trotz seiner Abrechnung betont Lauder, dass er Israel weiterhin eng verbunden sei. In den vergangenen Monaten habe er seine verbliebenen Immobilien in dem Land verkauft oder verschenkt. Eine Rückkehr plane er nicht mehr; seine persönlichen Verbindungen zu Israel habe er weitgehend gelöst. Das bedeute jedoch nicht, dass er dem Land den Rücken kehre. Er verstehe sich weiterhin als Zionist und wolle sich auch künftig für Israels Erfolg einsetzen. Gerade deshalb könne er die gegenwärtige Entwicklung nicht länger schweigend hinnehmen.
Sein Appell an die israelische Gesellschaft ist von Enttäuschung und Dringlichkeit geprägt. Frühere Generationen hätten für den Aufbau und den Schutz des Landes gekämpft. Nun drohe diese Errungenschaft durch politische Fehlentscheidungen und mangelnde Weitsicht gefährdet zu werden. Lauder ist bewusst, dass seine Worte ungewöhnlich hart ausfallen. Er habe das Gespräch mit Haaretz gezielt gesucht, um die Öffentlichkeit aufzurütteln und vor den Konsequenzen einer weiteren Amtszeit Netanjahus zu warnen. „Ich bin 82 Jahre alt, vielleicht habe ich nicht mehr allzu lange zu leben“, sagt er. Er wolle seine Einschätzung deshalb nicht länger zurückhalten.
Verhinderter Schlag gegen Iran?
Ob dies die Wahl morgen beeinflussen kann? Netanjahu, mittlerweile 76 Jahre alt, ist seit 2005 Chef des Likud. Er ist der am längsten amtierende Ministerpräsident Israels, im Amt von 1996 bis 1999, dann von 2009 bis 2021, und ist seit dem 29. Dezember 2022 wieder. Sein Gegenspieler ist Gadi Eisenkot, 66 Jahre alt, Sohn marokkanisch-jüdischer Einwanderer. Er war 40 Jahre beim Militär, zuletzt Generalstabschef der Armee von 2015 bis 2019.Er sitzt seit 2022 in der Knesset, war von Oktober 2023 bis Juni 2024 Minister ohne Geschäftsbereich im Kriegskabinett von Netanjahu und ist seit September 2025 Chef seiner eigenen Partei Yashar (hebräisch für „Geradeaus“). Sein Sohn Gal fiel im Dezember 2023 im Gaza-Krieg.
Gestern platze in den Abend die Nachricht, dass es zwischen Netanjahu und Generalstabschef Eyal Zamir eine schwere Auseinandersetzung gegeben habe. Dabei sei es um eine mögliche neue Attacke gegen den Iran gegangen, berichtet der Sender Kanal 12. Der Armeechef soll Widerstand gegen eine Anordnung des Ministerpräsidenten geleistet haben, einen Militärschlag gegen den Iran zu starten. Er hatte offenbar Bedenken, dass hier eine Attacke für Wahlkampfzwecke gefahren werden sollte und hob hervor, die Armee werde sich „nicht in Provokationen hineinziehen lassen“. Gadi Eisenkot von der Yaschar-Partei sagte, er werde nicht zulassen, dass die Armee „zu einem Instrument in Netanjahus Kampf ums Überleben gemacht wird“.
In diesem Zusammenhang unverzichtbar: „Schurkenstaat – Geschichte und Gegenwart Israels“, die brisante COMPACT-Spezialausgabe. Hier bestellen.





