Die multipolare Weltordnung als Gegenentwurf zur amerikanisch dominierten Globalisierung: In seinem Buch «Konflikte der Zukunft – Die Rückkehr der Geopolitik» entwirft der russische Philosoph Alexander Dugin ein Konzept, in dem unterschiedliche Zivilisationen ihren eigenen Weg gehen. Hier mehr erfahren.
Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks schien die Geschichte entschieden. Der Kalte Krieg war beendet, der Kommunismus besiegt, die Vereinigten Staaten als einzige Supermacht übrig geblieben. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama verkündete das „Ende der Geschichte“: die liberale Demokratie westlicher Prägung werde sich langfristig überall durchsetzen. Die Globalisierung erschien als unaufhaltsamer Prozess, an dessen Ende eine nach westlichen Vorstellungen organisierte Welt stehen sollte.
Doch was, wenn dieser vermeintliche Triumph nur eine vorübergehende Episode der Weltgeschichte war? Wenn die amerikanische Vorherrschaft nicht den Endpunkt der politischen Entwicklung markiert, sondern lediglich eine Übergangsphase?
Genau hier setzt Alexander Dugin an. In seinem Buch «Konflikte der Zukunft – Die Rückkehr der Geopolitik» stellt der russische Philosoph und politische Theoretiker die Grundlagen der gegenwärtigen Weltordnung infrage. Sein Gegenentwurf ist eine multipolare Welt, in der nicht länger eine einzige Macht die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Maßstäbe für den gesamten Globus vorgibt.
Das Ende der alten Ordnung
Dugins Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen einer unipolaren und einer multipolaren Ordnung. Die erste beruht auf der Dominanz eines einzigen Machtzentrums, das seine Vorstellungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weltweit durchzusetzen versucht. Für Dugin verkörpern die USA und die von ihnen geprägten internationalen Institutionen dieses Modell.

Dabei geht es um weit mehr als militärische Überlegenheit oder wirtschaftliche Macht. Dugin betrachtet in «Konflikte der Zukunft» die Globalisierung als einen Prozess, der auch kulturelle und weltanschauliche Vereinheitlichung betreibt. Liberalismus, Individualismus, westliche Demokratievorstellungen und kapitalistische Wirtschaftsstrukturen werden demnach zu universellen Normen erhoben. Andere Gesellschaftsmodelle erscheinen aus dieser Perspektive als rückständig oder reformbedürftig.
Der Autor bestreitet jedoch, dass die westliche Moderne den einzig möglichen Entwicklungsweg der Menschheit darstellt. Warum sollten die gesellschaftlichen Vorstellungen Washingtons oder Brüssels gleichermaßen für Moskau, Peking, Neu-Delhi oder Teheran verbindlich sein? Weshalb müsste sich jede Zivilisation an einem politischen Modell orientieren, das unter ganz bestimmten historischen Bedingungen in Europa und Nordamerika entstanden ist?
Seine Antwort lautet: Die Menschheit besitzt keine einheitliche politische Bestimmung. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche geschichtliche Erfahrungen, Wertvorstellungen und gesellschaftliche Ordnungen hervorgebracht. Diese Vielfalt soll sich auch in den internationalen Machtverhältnissen widerspiegeln.
Die Rückkehr der Zivilisationen
An die Stelle einer von den USA dominierten Weltordnung setzt Dugin in «Konflikte der Zukunft» das Konzept mehrerer eigenständiger Zivilisationsräume. Nicht mehr der einzelne Nationalstaat bildet dabei zwangsläufig die entscheidende geopolitische Einheit, sondern größere historische und kulturelle Gemeinschaften.
Dugin unterscheidet sieben solcher Zivilisationen, die sich durch gemeinsame Traditionen, religiöse Prägungen, historische Erfahrungen und geopolitische Interessen auszeichnen. Zu ihnen zählen unter anderem der westliche, der eurasische, der chinesische, der indische und der islamische Raum.

Hier zeigen sich Berührungspunkte mit dem amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel Huntington, der nach dem Ende des Kalten Krieges einen „Kampf der Kulturen“ prognostizierte. Doch während Huntington vor allem die Konfliktlinien zwischen verschiedenen Zivilisationen untersuchte, will Dugin aus deren Existenz die Grundlagen einer neuen internationalen Ordnung ableiten.
Die Zivilisationen sollen ihre Eigenständigkeit bewahren und ihre politischen Verhältnisse nach eigenen Maßstäben gestalten können. Keine von ihnen dürfte den Anspruch erheben, ihre Werte zum verbindlichen Maßstab für alle anderen zu machen. Multipolarität bedeutet in diesem Sinne nicht bloß die Verteilung militärischer und wirtschaftlicher Macht auf mehrere Großmächte. Sie verlangt auch die Anerkennung unterschiedlicher Vorstellungen von Staat, Gesellschaft, Religion und menschlichem Zusammenleben.
Eurasien als Gegenmacht
Eine Schlüsselrolle nimmt in Dugins Überlegungen Russland ein. Aufgrund seiner geografischen Ausdehnung, seiner Geschichte und seiner kulturellen Prägung betrachtet er das Land nicht einfach als östlichen Teil Europas. Russland erscheint vielmehr als Zentrum einer eigenständigen eurasischen Zivilisation.
Diese soll ein geopolitisches Gegengewicht zur amerikanischen Vorherrschaft bilden. Dabei greift Dugin auf ältere Traditionen der Geopolitik zurück, insbesondere auf die Unterscheidung zwischen kontinentalen Landmächten und maritimen Seemächten. Die Vereinigten Staaten stehen in diesem Schema für eine atlantische Ordnung, während Russland den Kern einer kontinentalen Alternative verkörpert.

Auch Europa kommt in dieser Konzeption eine wichtige Bedeutung zu. Dugin stellt die Frage, ob der Kontinent seine Zukunft dauerhaft innerhalb einer amerikanisch geprägten Sicherheits- und Wirtschaftsordnung suchen muss oder ob eine eigenständigere geopolitische Orientierung denkbar wäre.
Seine Überlegungen reichen damit über die russische Außenpolitik hinaus. Sie berühren die grundsätzliche Frage, welche Stellung Europa in einer Welt einnehmen könnte, in der die USA nicht mehr als unangefochtene Führungsmacht auftreten.
Geopolitik statt Universalismus
Der besondere Reiz von «Konflikte der Zukunft» liegt darin, dass Dugin die internationalen Auseinandersetzungen nicht ausschließlich anhand aktueller diplomatischer Interessen erklärt. Hinter den Konflikten erkennt er tiefer liegende Gegensätze zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von politischer Ordnung. Der Streit um die Ukraine und die Rivalität zwischen Russland und dem Westen erscheinen in diesem Zusammenhang als Ausdruck eines umfassenderen Ringens um die künftige Gestalt der Welt.
Dabei erhebt Dugin nicht den Anspruch, bereits einen vollständig ausgearbeiteten institutionellen Bauplan vorzulegen. Seine multipolare Theorie ist vielmehr ein programmatischer Entwurf, der nach einer neuen Grundlage für die internationalen Beziehungen sucht. Offen bleibt beispielsweise, wie die Grenzen zwischen den Zivilisationsräumen bestimmt und Interessengegensätze innerhalb dieser Räume gelöst werden sollen.
Zwischenüberschrift
«Konflikte der Zukunft» ist somit mehr als eine Betrachtung russischer Außenpolitik. Das Buch stellt eine grundlegende Frage, die angesichts des Aufstiegs Chinas, des wachsenden Selbstbewusstseins anderer Mächte und der zunehmenden Konkurrenz um die internationale Ordnung an Bedeutung gewinnt: Muss die Welt nach einem einzigen politischen und kulturellen Modell organisiert sein?
Dugins Antwort ist ein entschiedenes Nein. Seine Vision ist eine Welt mehrerer Machtzentren und eigenständiger Zivilisationen, die ihre Zukunft nicht nach den Vorgaben einer universellen westlichen Ordnung gestalten. Ob dieses Modell Wirklichkeit werden kann, bleibt offen. Dass die amerikanische Vorherrschaft keine unumstößliche historische Selbstverständlichkeit ist, bildet jedoch den Ausgangspunkt seiner Überlegungen.
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