Derzeit rückt das Westjordanland wieder besonders in den Fokus, Israels Ministerpräsident hat die vollständige Abriegelung befohlen. Eine weitere Eskalation, doch die Vertreibungspolitik hat in der Westbank Tradition. Seit 1967 ist das Westjordanland von Israel okkupiert. Die Siedler kamen mit Pflock und Gebet, die Säuberungskommandos folgten mit Feuer und Schwert. Immer brutaler schlagen die Besatzer zu, obwohl es dort weder Hamas noch Hisbollah gibt. Dieser Artikel erschien im neuen COMPACT-Spezial 47: „Schurkenstaat: Geschichte und Gegenwart Israels“.

    _ von Karl Brüning

    Ein Olivenbaum am Hang des Rasheen-Bergs im Westjordanland kann zweitausend Jahre alt sein. Der Stamm ist gewunden, von Jahrzehnten in den Fels gezwungen, grau wie der Kalkstein aus dem die Berge bestehen. Die Rinde ist tief gefurcht, die Äste verwinden sich gen Himmel. Wo der Boden hart ist, breiten sich die Wurzeln seitwärts aus und greifen in den Untergrund.

    Jeder Hektar Erde sei ein Schritt hin zu Gott.

    Der Wind zeichnet den Stamm, biegt ihn leicht ostwärts. Je mehr der Baum gelitten hat, desto reicher trägt er. Die Ernte beginnt im Oktober. Familien ziehen von Baum zu Baum, schlagen die Zweige, breiten Tücher unter den Kronen aus. Das Öl, das sie pressen, hat den Menschen seit Jahrtausenden das Leben erhalten. Aber fruchtbares Land zieht auch Begehrliche an.

    Unter der eisernen Ferse

    Das Westjordanland ist nach dem westlichen Ufer des Jordans benannt. Die Westbank, wie das Gebiet auf Englisch heißt, fiel im Krieg 1948 an das Haschemitische Königreich Jordanien. 1950 wurde es formell annektiert. In den Lagern des Westjordanlands formierten sich die Fedajin, auf Arabisch «die sich Opfernden»: Palästinensische Freischärler, die von jordanischem Boden aus in kleinen Gruppen über die Grenze zogen.

    Mitte April 2026 veröffentlichte das größte italienische Magazin «L‘Espresso» dieses Foto auf seiner Titelseite unter der Schlagzeile «L‘abuso», «der Missbrauch». Es zeigt einen israelischen Siedler-Soldaten, der höhnisch-aggressiv auf eine palästinensische Bäuerin blickt. Die Veröffentlichung wurde von der israelischen Botschaft als «antisemitisch» kritisiert. Foto: Pietro Masturzo, AFP, via L’Espresso

    Es waren Vertriebene der Nakba von 1948, die zu ihren Feldern und Olivenhainen heimkehren wollten. Viele wurden an der Grenze getötet. Die UN-Waffenstillstandskommission verurteilte israelische Angriffe auf palästinensische Orte zwischen 1949 und 1953 insgesamt 44 Mal. Jordanien meldete 629 Tote durch israelische Eingriffe im selben Zeitraum. Mit der Zeit griffen auch Palästinenser zu den Waffen. Am 12. Oktober 1953 drangen Kämpfer der Fedajin in die israelische Stadt Yehud ein und töteten eine Frau mit zwei Kindern durch einen Granatwurf. Zwei Tage später rückte Einheit 101 des israelischen Militärs (IDF) in das Westjordanland-Dorf Qibya vor, unter dem Kommando eines 25-jährigen Offiziers namens Ariel Scharon, einem späteren Ministerpräsidenten Israels. Der Befehl lautete: «Zerstörung und maximales Töten.» In derselben Nacht sprengten Scharons Männer 45 Häuser samt Bewohnern. 69 Palästinenser starben, zwei Drittel davon Frauen und Kinder. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den Angriff. Premierminister David Ben-Gurion zuckte mit den Schultern: «Es spielt keine Rolle, was sie in der Welt über Qibya sagen. Was wichtig ist, ist, wie es hier, in dieser Region, gesehen wird.»

    Die Flut

    Vierzehn Jahre später, im Juni 1967, eroberte Israel ausgedehnte Gebiete in den Nachbarstaaten, darunter auch die Westbank. Unmittelbar nach dem Sieg ergriff eine Welle religiöser Hochstimmung das Land. Für viele war der Sieg Gottes Zeichen.

    Rabbi Abraham Kook, ein einflussreicher jüdischer Theologe, lehrte seit den 1960er Jahren: Die Besiedlung des Landes, des biblischen Eretz Israel, jenes Landes, das Gott Abraham verheißen hatte, in dem David regiert hatte, beschleunigt die Ankunft des Messias. Jeder Hektar Erde sei ein Schritt hin zu Gott. Erstmals seit der Römerzeit lagen Judäa und Samaria, das heutige Westjordanland, wieder militärisch unter jüdischer Kontrolle. Kooks Sohn Zwi Yehuda übersetzte die Theologie seines Vaters in politische Praxis. Aus seinem Jerusalemer Lehrhaus zogen junge Gläubige ins Westjordanland und pflanzten Siedlungen in den Boden. Sie nannten sich Gusch Emunim, auf Hebräisch: Block der Getreuen.

    mitte: 8. Juni 2026: Eine Bewohnerin von Khirbet Qalqas, südlich von Hebron, trauert um ihr Zuhause. Die israelische Armee hatte kurz zuvor das Wohnhaus mit sechs Wohnungen dem Erdboden gleichgemacht.

    Am 27. September 1967, gut drei Monate nach Kriegsende, rammte Hanan Porat, ein junger Nationalreligiöser und späterer Mitgründer von Gusch Emunim, den ersten Pflock in den Boden bei Bethlehem, südlich von Jerusalem: Kfar Etzion, die erste Siedlung im Westjordanland. Rabbi Mosche Levinger folgte im Frühjahr 1968. Zum Pessachfest, dem jüdischen Erinnerungsfest an den Auszug aus Ägypten, mietete er mit einer Gruppe Unterstützern ein Hotel in Hebron, der Stadt, in der nach biblischer Überlieferung Abraham begraben liegt. Sie gaben vor, Touristen zu sein. Nach den Feiertagen weigerten sie sich auszuchecken. Die israelische Regierung ließ es geschehen und wies der Gruppe ein Militärlager in der Nähe als Unterkunft zu. Aus dem Hotel wurde schließlich eine Siedlung.

    «Eine systematische Kampagne der ethnischen Säuberung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.» Ehud Olmert

    Den Weg in die Staatsmacht öffnete ihnen der damalige Ministerpräsident Menachem Begin (im Amt 1977–1983). Der Gründer des Likud war ein Schüler Wladimir Jabotinskys, jenes radikalen Zionisten, der 1923 in seinem Essay geschrieben hatte: «Die zionistische Kolonisierung muss gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung durchgeführt werden.» Begin genehmigte und förderte die Siedlungsbewegungen großzügig, verschmolz diese mit dem Militär. Die Kolonien wuchsen unaufhaltsam. 1970 lebten kaum 1.500 Israelis jenseits der Grünen Linie, jener Waffenstillstandsgrenze von 1949, die Israel von den besetzten Gebieten trennt. Nach Begins Wahlsieg 1977 begann der eigentliche Boom. 1990 waren es bereits 76.000. Heute sind es über 500.000.

    Die Lage im Westjordanland. Quelle: Peace Now, Stand Dezember 2024. Grafik: COMPACT

    1993 schienen die Oslo-Abkommen eine positive Wende zu bringen. Auf dem Rasen des Weißen Hauses schüttelten sich Israels damaliger Ministerpräsident Jitzchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat die Hand. Die PLO strich das Ziel der Vernichtung Israels aus ihrer Charta. Israel akzeptierte die PLO als legitime Vertretung des palästinensischen Volkes.

    Für das Westjordanland bedeutete das eine Revolution: Die neu gegründete Autonomiebehörde übernahm die Kontrolle über die wichtigsten Zentren der Westbank: Zum ersten Mal seit 1948 hatten die Palästinenser eine eigene Verwaltung – dominiert von der PLO, ohne Einfluss der Hamas. Das Gesamtgebiet wurde in drei Zonen aufgeteilt: Zone A, die großen Städte wie Bethlehem und Nablus, kam unter palästinensische Kontrolle. In Zone B wurde eine geteilte Zuständigkeit eingeführt. Zone C, 60 Prozent des gesamten Gebiets, aber dünn besiedelt, blieb vollständig unter israelischer Hoheit. Dort liegen die meisten Siedlungen. Jitzchak Rabin, der 1967 als Generalstabschef den Sieg über die arabischen Armeen kommandiert hatte und nun als Ministerpräsident das Abkommen mit der PLO schloss, wurde erschossen von einem Mann, der den Frieden als Verrat am biblischen Eretz Israel betrachtete. Mit ihm starb der Oslo-Prozess.

    Als Benjamin Netanjahu 2009 erneut Ministerpräsident wurde, beschleunigte sich die Annexionspolitik. Nach dem 7. Oktober 2023 wandte sich Israels Militärmaschine auch dem Westjordanland zu. Am 21. Januar 2025 rollten unter dem Namen «Eiserne Mauer» israelische Merkava-Panzer in die Flüchtlingslager Dschenin, Tulkarm und Nur Shams. 32.000 Menschen wurden vertrieben, 850 Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Das war ein offener Bruch der Oslo-Vereinbarungen, denn die verwüsteten Orte gehören zur Zone A des Westjordanlandes, bei der Israel 1993 versprochen hatte, sich nicht mehr einzumischen, nicht administrativ und vor allem nicht militärisch.

    Die Eskalation

    Im Juli 2024 definierte der Internationale Gerichtshof die israelische Siedlungspolitik als Verstoß gegen Völkerrecht. Israel ignorierte das Urteil und radikalisierte sein Vorgehen weiter. Finanzminister Bezalel Smotrich antwortete mit einem Programm zur Verdoppelung der Siedlerzahl. Im Oktober 2025 passierte ein Gesetzentwurf zur formellen Annexion der Westbank in erster Lesung die Knesset.

    Israelische Streitkräfte erzwingen den Zugang von Siedlern zur Altstadt in Hebron. Das Bild entstand am 27. Juni 2026. Foto: picture alliance / Sipa USA

    Am 31. März 2026 erweiterte das israelische Parlament die Anwendung der Todesstrafe. «Das Gesetz soll nur für Palästinenser gelten, die Israelis aus terroristischen Motiven getötet haben – nicht aber für israelische Staatsbürger», fasste die Tagesschau zusammen. Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir feierte den Sieg in der Abstimmung mit Champagner.

    Säuberung mit Kettensäge

    Im Ramin-Tal, östlich von Tulkarm, haben Bauern ihre Olivenbäume seit Generationen geerntet. Im Oktober 2024 griffen israelische Siedler sie beim Pflücken an und zwangen sie, ihre Felder zu verlassen. Seit 2001 haben die Siedler und Soldaten hunderttausende palästinensische Olivenbäume entwurzelt, verbrannt oder abgesägt. Allein während der Erntesaison 2024 dokumentierten die Vereinten Nationen die Zerstörung von über 2.800 Bäumen in 88 Gemeinden. In Al-Mughajir bei Ramallah entwurzelte das israelische Militär im August 2025 über 3.000 Bäume. Siedler griffen Bauern beim Ernten an, schossen auf sie, trieben sie von ihren Feldern.

    Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty Deutschland, stellte am 10. Juni 2026 in Berlin den Bericht «Erasing Anything Palestinian» (Alles Palästinensische ausradieren) vor: «Der Bericht zeigt auch – entgegen dem, was zu viele in der internationalen Gemeinschaft nahelegen –, dass diese Kampagne nicht von einzelnen Schurken, Siedlerorganisationen oder ”extremistischen” Regierungsministern ausgeht. Anders ausgedrückt: Die Gewalt durch Siedler ist keine Abweichung, sondern fester Bestandteil einer systematischen staatlichen Politik.»

    Ramin-Tal im Westjordanland. Foto: Screenshot Youtube

    Ehud Olmert, israelischer Ministerpräsident von 2006 bis 2009, schrieb am 18. Juni 2026 in der Tageszeitung Haaretz, er sehe sich gezwungen, «beispiellose und harte Vorwürfe» gegen seine eigene Regierung zu erheben. Auch er spricht von einer «systematischen Kampagne der ethnischen Säuberung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Die israelische Polizei sei Komplizin, die Sicherheitskräfte unterstützten «jüdische Terroristen aktiv».

    Das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten zählte allein im laufenden Jahr durchschnittlich sechs Siedlergewalttaten pro Tag. Seit Oktober 2023 wurden laut AFP über 1.070 Palästinenser im Westjordanland getötet.

    Dieser Artikel erschien im neuen COMPACT-Spezial 47: „Schurkenstaat: Geschichte und Gegenwart Israels“. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form hier bestellen.

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