In seinem Buch «Auf dem Weg zur Volkspartei» zeichnet Politanalyst Daniel Fiß nicht nur die Erfolgsgeschichte der AfD nach, sondern schreibt auch, was die Partei jetzt machen muss, um dauerhaft im Rennen zu bleiben. Hier mehr erfahren.
Die Zahlen verführen. Wer in ostdeutschen Ländern vierzig Prozent und mehr erreicht und auch bundesweit in Größenordnungen vorstößt, die vor einigen Jahren noch als undenkbar galten, kann sich leicht am Ziel wähnen. Die alte Bundesrepublik kannte für solche Parteien einen Namen: Volkspartei.
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COMPACT unterstützenPolitanalyst Daniel Fiß traut dem Frieden nicht. Sein Buch «Auf dem Weg zur Volkspartei» über den Erfolg der AfD ist deshalb keine reine Siegesmeldung. Es ist auch eine Warnung vor dem Rausch der Zahlen. Auf 176 Seiten erörtert Fiß die Frage, was aus hohen Umfragewerten und Wahlergebnissen eigentlich werden muss, damit eine Partei nicht nur gewählt wird, sondern bleibt.
Breit aufgestellt
Die AfD hat längst bewiesen, dass sie Protest bündeln kann. Sie kann Menschen mobilisieren, die von CDU, SPD und den übrigen Parteien nicht mehr erreicht werden. Im Osten hat sie zudem die Grenzen einer bloßen Milieupartei gesprengt. Arbeiter wählen sie, Selbständige, junge Männer, Angestellte, Teile der Mittelschicht. Auf dem Land ist sie stark, in manchen Städten ebenfalls. Wo früher CDU-Direktmandate fast zum politischen Inventar gehörten, haben sich die Verhältnisse umgekehrt.
Fiß interessiert sich aber weniger für den nächsten blauen Balken am Wahlabend als für den Morgen danach. Darin liegt die Stärke von «Auf dem Weg zur Volkspartei». Die deutsche Rechte neigt seit jeher dazu, politische Stimmungen mit politischen Strukturen zu verwechseln. Eine volle Halle ist noch keine Organisation. Ein virales Video ist keine kulturelle Verankerung. Und dreißig Prozent in einer Umfrage sind noch keine dreißig Prozent Menschen, die einer Partei auf Jahre verbunden bleiben.

Fiß kennt diesen Unterschied. Schon in seinen früheren demoskopischen Arbeiten hat er sich gegen die bequeme Vorstellung gewandt, AfD-Wähler seien schlicht die ökonomisch Abgehängten der Republik. Das Bild ist komplizierter. Einkommen spielt eine Rolle. Bildung auch. Aber ebenso Alter, Beruf, Wohnort, Lebensstil, Wertvorstellungen und die Erfahrung, mit der eigenen Sicht auf das Land politisch nicht mehr vorzukommen.
Der Blick des Autors auf die Wählerschaft ist deshalb aufschlussreich. Die AfD ist längst mehr als das Sammelbecken der notorisch Unzufriedenen. Besonders interessant sind Arbeiter und Selbständige. Dazu kommen jüngere Wähler und jene Teile der Mittelschicht, die viel leisten, aber den Eindruck haben, kulturell wie politisch immer weniger zu bestimmen. Das erklärt einen Teil der eigentümlichen sozialen Breite der Partei. Für Wahlerfolge reicht das. Für eine Volkspartei wird daraus eine schwierige Aufgabe.
Gestalten statt verwalten
Die historischen Volksparteien waren mehr als Wahlvereine. Hinter der SPD standen Gewerkschaften, Betriebsräte und Arbeitervereine. CDU und CSU waren mit Kirchen, Mittelstand, Bauernverbänden und kommunalen Netzwerken verbunden. Die AfD hat diesen soziokulturellen Unterbau noch nicht.
Genau hier setzt Fiß in «Auf dem Weg zur Volkspartei» an. Wahlerfolge müssen in gesellschaftliche Verankerung übersetzt werden. Parlamentssitze und Mitarbeiterstellen genügen dafür nicht. Im Gegenteil: Der parlamentarische Betrieb kann eine oppositionelle Partei bequem machen, lange bevor sie außerhalb der Parlamente wirklich stark geworden ist.

Der Autor fordert deshalb organisatorische Disziplin, gesellschaftliche Verwurzelung und weltanschauliche Konsequenz. Vor allem im Osten sieht er Ansätze einer solchen Entwicklung. Dort ist die AfD vielerorts keine exotische Protestpartei mehr. Sie gehört zum politischen Alltag. Man kennt ihre Kommunalpolitiker, Kollegen und Nachbarn wählen sie. Aus dem demonstrativen Protest kann so eine politische Selbstverständlichkeit werden.
Doch eine zweite Hürde bleibt. Eine Volkspartei muss Kompetenz weit über ihre Kernthemen hinaus ausstrahlen. Die AfD wird bislang vor allem mit Migration, innerer Sicherheit und Energiepolitik verbunden. Wer ein Land regieren will, muss aber auch Antworten haben, wenn Schulen Lehrer suchen, Krankenhäuser schließen oder mittelständische Unternehmen unter Druck geraten.
Hier beginnen die inneren Widersprüche einer breiten Wählerkoalition: Ein Arbeiter und ein Unternehmer können bei Migration dieselbe Position vertreten. Bei Steuern, Sozialversicherung oder Mindestlohn müssen ihre Interessen keineswegs übereinstimmen. Für eine Protestpartei ist das verkraftbar, eine Volkspartei muss solche Gegensätze politisch aushalten und einen Ausgleich herbeiführen.
Ein wichtiger Einwurf
Autor Daniel Fiß schreibt nicht aus der Distanz eines reinen Beobachters. Er kommt selbst aus dem rechten politischen Milieu, beschäftigt sich seit Jahren mit Demoskopie und hat praktische Kampagnenerfahrung, vor allem in seinem Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern. Gerade deshalb sind seine Einwände relevant.
Die großen Fragen, die er in «Auf dem Weg zur Volkspartei» behandelt, sind für die Zukunft der AfD entscheidend: Kann sie aus Protestwählern dauerhaft gebundene Wähler machen? Kann sie kommunal Personal hervorbringen, dem man nicht nur Opposition, sondern Verwaltung und Regierung zutraut? Kann sie gesellschaftliche Strukturen schaffen, die auch eine schwächere politische Konjunktur überstehen?
Klar wird dabei: Dreißig oder vierzig Prozent sind nicht das Ende des Weges. Sie markieren erst den Beginn einer schwierigeren Strecke. Fiß untermauert das mit Daten und Fakten. Ein wichtiger Einwurf!
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