Die Eintracht nimmt Kurs auf das EL-Endspiel in Baku – und ist derzeit auch abseits des Rasens ein Beispiel für prägende Entwicklungen innerhalb des deutschen Fußballs.

    Der gestrige Fußballabend in der Frankfurter Commerzbank-Arena ließ aus sportlicher Sicht keine Wünsche offen. In einem kampfbetonten Spiel trotzte Eintracht Frankfurt im ersten Spiel des Halbfinales der Europa League dem favorisierten FC Chelsea ein 1:1 ab und erhielt sich damit die Chancen auf den ersten Einzug in ein Europacupfinale nach 39 Jahren.

    Nachdem die Eintracht in der Anfangsphase klar dominiert hatte, gelang Luka Jović in der 23. Minute die zu diesem Zeitpunkt verdiente 1:0-Führung, die Pedro kurz vor dem Halbzeitpfiff egalisierte. In der zweiten Halbzeit belagerten die Blues das Eintracht-Tor regelrecht, aber die Mannschaft aus der Mainmetropole verteidigte sich mit Glück und Geschick und hatte in der Endphase dann sogar noch die Chance auf den Siegtreffer.

    Die Eintracht krönt mit dem Halbfinaleinzug eine für sie äußerst erfolgreiche Saison. Noch vor drei Jahren konnte sie erst in den Relegationsspielen gegen den 1. FC Nürnberg den Abstieg in die 2. Bundesliga vermeiden, dann ging es mit dem hessischen Traditionsverein sportlich wieder bergauf. Im vergangenen Jahr gewann die Mannschaft überraschend den DFB-Pokal im Finale gegen den FC Bayern München, in diesem Jahr steht man kurz vor der Qualifikation für die Champions League.

    Ein legendärer Abend im Hampdon Park

    In der diesjährigen Europa League-Saison konnte die Mannschaft unter ihrem neuen Trainer, dem Österreicher Adi Hütter, der zuvor die Young Boys Bern zum ersten Mal nach 32 Jahren wieder zum Schweizer Meistertitel geführt hatte, Schwergewichte wie Schachtar Donezk, Inter Mailand und Benfica Lissabon aus dem Wettbewerb schmeißen. Auf dem Papier war Eintracht Frankfurt auch gestern die klar unterlegene Mannschaft ‒ allein Chelsea-Spielmacher Eden Hazard weist mit 150 Millionen Euro einen Marktwert auf, der dem der gesamten Eintracht-Mannschaft entspricht, die gestern auf dem Feld stand.

    Eintracht Frankfurt konnte schon einige Male im Europapokal für Furore sorgen. 1960 konnte die Eintracht als erste deutsche Mannschaft überhaupt das Finale im Europacup der Landesmeister erreichen. Am 18. Mai 1960 kam es im Glasgower Hampdon-Park vor 135.000 Zuschauern zum Aufeinandertreffen mit den „Königlichen“ von Real Madrid, der damals alles überragenden Vereinsmannschaft, die den Landesmeisterwettbewerb zuvor viermal in Folge gewonnen hatte. Bis heute gilt dieses Finale als eines der besten Fußballspiele des 20. Jahrhunderts überhaupt. Real trat mit Weltstars wie dem Ungarn Ferenc Puskás und dem in Spanien eingebürgerten Argentinier Alfredo Di Stéfano gegen die Amateure aus Frankfurt an. Diese konnten erstaunlich gut mithalten und gingen sogar durch Richard Kreß in Führung.

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    Im weiteren Verlauf des Spiels zelebrierte Real dann seinen Zauberfußball und gewann schließlich mit 7:3; Puskás erzielte vier, Di Stéfano drei Tore. Das Niveau des Spiels war sehr hoch, die BBC zeigt jährlich zur Weihnachtszeit eine Aufzeichnung des Spiels. Bobby Charlton, später einer der englischen Weltmeister von 1966, sagte über die Partie: „Mein erster Gedanke war, dieses Spiel ist ein Schwindel, geschnitten, ein Film, weil diese Spieler Dinge taten, die nicht möglich sind, nicht real, nicht menschlich!“

    1980: Deutsche Dominanz im UEFA-Cup

    20 Jahre später konnte die Eintracht dann ihren ersten und einzigen Europacupsieg feiern. Der deutsche Vereinsfußball erlebte damals eine Blütezeit und im UEFA-Pokal kam es zu einem rein deutschen Halbfinale, das vom FC Bayern München, Eintracht Frankfurt, dem VfB Stuttgart und Borussia Mönchengladbach bestritten wurde.

    In den beiden Finalspielen traf die Eintracht dann auf die Borussen, bei denen gerade der Stern von Lothar Matthäus aufging. Beim Rückspiel im Frankfurter Waldstadion am 21. Mai 1980 schoss der damals 19-jährige Fred Schaub die Eintracht zehn Minuten vor dem Spielende zum Europacupsieg, nachdem die Frankfurter das Hinspiel am Niederrhein mit 2:3 verloren hatten. Die damalige Eintracht-Mannschaft wurde durch Spieler wie Bernd Hölzenbein, Bruno Pezzey, Karl-Heinz Körbel, Norbert Nachtweih oder Bum-Kun Cha geprägt.

    „Frische Kraft im Kampf gegen Rechts“

    Bei der heutigen Eintracht bündeln sich viele Entwicklungen wie unter einem Brennglas. Rund um den Verein hat sich eine der ältesten und größten Ultra-Gruppierungen Deutschlands gebildet, die zuletzt in der Europa League durch aufwändige Choreographien auf sich aufmerksam machte.

    Für Aufsehen sorgte auch Eintracht-Präsident Peter Fischer, als er vor zwei Jahren die AfD als „braune Brut“ beschimpfte und die Stimmabgabe (!) für die Partei als unvereinbar mit einer Mitgliedschaft bei der Eintracht erklärte. Das brachte ihm natürlich Bonuspunkte bei Politik und Medien; die Wochenzeitung Zeit feierte ihn enthusiastisch als „frische Kraft im Kampf gegen Rechts“.

    Bis heute konnte Fischer allerdings nicht erklären, wie er überhaupt feststellen möchte, wer von den über 50.000 Mitgliedern der Eintracht nun AfD gewählt hat und wer nicht, denn in Deutschland gilt ja schließlich immer noch das Wahlgeheimnis – so dass sich auch beim gestrigen Spiel in der Commerzbank-Arena wieder Tausende von AfD-Wählern unter den Zuschauern befunden haben dürften.

    Die Gesamtentwicklung stimmt dennoch traurig: Fast 120 Jahre kam die Eintracht in ihrer Vereinsgeschichte ohne Unvereinbarkeitsbeschlüsse aus, doch mittlerweile scheint man am Riederwald schon den Besuch eines Fußballspiels für eine politisch hochbrisante Angelegenheit zu halten.

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