Zum Fall Münster: Wer war Jens R. – und wenn ja wie viele?

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Alle Indizien scheinen darauf hinzudeuten, dass Jens Alexander R., der „Todesfahrer“ von Münster, als Einzeltäter gehandelt hat. Das Stellen offener Fragen gilt als verpönt oder ist der Verschwörungssucht verdächtig. Eine Presseschau zu den bisherigen Erkenntnissen über Jens R. zeigt: Wir tappen alle im Dunkeln, doch nur Wenige geben es auch zu.

Jens R. soll, wenn es nach den großen Zeitungen und Magazinen geht, eine ganz arme Kreatur gewesen sein, die – je nach Schilderung – bereits früh über Selbstmord nachdachte. Bild schrieb gar, der Mann habe „noch nie Sex“ gehabt. Andere berichten von Streit mit Eltern, Ärzten, einer verpfuschten OP, akuten Rückenschmerzen und Alkoholmissbrauch. Nach Beweisen für diese Darstellungen traut man sich kaum zu fragen. Die Angelegenheit ist zu nah, zu persönlich, die Details zu intim. Der Journalist fühlt sich fast wie ein Voyeur, wenn er hier seiner Arbeit nachgehen will. Man wolle doch nur recherchieren, nur die Fakten, keine Spekulation, doch es hilft nichts.

Auch von diversen Anklagen und Gerichtsprozessen gegen den immer noch mutmaßlichen Amokfahrer ist zu lesen, ebenso von verschiedenen Abschiedsbriefen und „Lebensbeichten“, die auf seinem Computer, in den vier Wohnungen oder sogar im Tatfahrzeug gefunden wurden. Darf man fragen, wie die Medien an diese Schriftstücke rangekommen sind? Müssten diese als wichtige Beweismittel nicht zuerst einmal unter Verschluss gehalten werden, um eine mediale Spekulationsblase zu vermeiden? Auch solche Fragen traut man sich kaum zu stellen. Ist halt so. Finde dich damit ab. Fall erledigt. Basta. Wer sich dennoch nicht zufrieden geben will, der wird gerne mit Aluhut-Vorwürfen konfrontiert – oder wie zuletzt auch oft gesehen: Als notorischer Ausländerfeind bezeichnet, der es nicht ertragen kann, dass diesmal kein Muslim als Täter in Frage kommt.

Dass der Fall tatsächlich gar nicht erledigt ist, zeigen die Massenmedien, die sich „jedes Mutmaßen“ verbitten und „wilde Theorien“ geißeln, selbst am deutlichsten. Gerichtsprozesse oder auch nur Ermittlungen werden gar nicht mehr abgewartet. (Wie lange dauern Untersuchungen in so einem Fall?) Eine Rückschau auf einige Überschriften zeigt: Im Fall Jens R. scheint jeder seine eigene Wahrheit gefunden und sich darin bequem eingerichtet zu haben.

Spiegel Online schreibt über Jens R. und seine „Verschwörungsideen“:

Bild: Screenshot Spiegel Online

Spiegel Online schreibt im Artikel:

„Er verfasst Pamphlet nach Traktat nach Lebensbeichte und verschickt die Dokumente an Behörden, Bekannte und Nachbarn. In einem der von den Ermittlern sichergestellten Schriftstücke, überschrieben mit der Frage „Warum?“, beschuldigt R. gleich mehrere Personen aus seinem persönlichen Umfeld, gegen ihn zu intrigieren. Er leidet nun nicht nur körperlich, auch die Suizidgedanken kehren offenbar zurück. R. schreibt, jemand habe ihm eine scharfe Schusswaffe angeboten.“

Die verbotenen Fragen lauten: Wer war dieser jemand? Warum fühlte sich Jens R. als Opfer einer Intrige?

 

Beim Tagesspiegel geht man noch interessanteren Hinweisen nach:

Bild: Screenshot Tagesspiegel Online

Welchen Indizien geht man hier nach? Lesen Sie, was der Tagesspiegel dazu schreibt:

„Bereits am Sonnabend hatten Sicherheitsexperten angedeutet, der Täter könnte Kontakte zu Rechtsextremisten unterhalten haben. Am Sonntag war dann zu erfahren, Jens R. habe eine Zeitlang in Pirna (Sachsen) in einem Mietshaus gelebt, in dem mutmaßliche Mitglieder einer „Kameradschaft“ wohnen. Das sächsische Landeskriminalamt untersuche, ob der Amokfahrer in Verbindung zu diesen Leuten stand. Der Amokfahrer soll zudem eine Wohnanschrift in Heidenau (bei Dresden) gehabt haben.“

Und weiter:

„Geprüft werde auch, ob Jens R. Kontakte zur rechten Szene in Münster hatte, hieß es. Das bräunliche Milieu in der Stadt gilt als vergleichsweise klein. Bei der Kombination „gewalttätig – Waffennarr – frustriert“ sei eine „Affinität“ zum Rechtsextremismus nicht untypisch, sagten Sicherheitsexperten. „

Die verbotenen Fragen an dieser Stelle: Ist man automatisch der Bräunlichkeit verdächtig, wenn man in Pirna, als mutmaßlicher Nachbar einer Kameradschaft oder in Dresden wohnt? Und: Wie kommt die Zeitung dazu, Jens R. mit den Begriffen „gewalttätig – Waffennarr – frustriert“  zu beschreiben? Und wie wird durch diese Attribute eine Verbindung zum Rechtsextremismus gezogen?

 

Die Schweizer Boulevard-Presse will den Fall auch bereits gelöst haben. Auf Blick.ch heißt es am 9. April:

Bild: Screenshot blick.ch

Die zentralen Textstellen hier:

„Wenige Tage vor der Schreckenstat hatte Jens R. ein 92-seitiges Jammer-Manifest verfasst. Darin schildert er seiner Familie und Bekannten sein Leiden, sein persönliches Dilemma und wohl auch seine seelischen Abgründe. Seinen eigenen Eltern wirft er darin Misshandlung vor. Jens R. sieht seine Impotenz darin begründet, wie die «Bild-Zeitung» schreibt.“

und hier:

„Jetzt meldet sich erstmals der Vater von Amok-Jens zu Wort. «Er war nervlich schwer krank und hat in einer anderen Welt gelebt, und das, was er in einem Brief, den wir nicht bekommen haben, geschildert hat, stimmt absolut nicht», sagt der 79-jährige Vater des Amok-Fahrers zur «Welt».“

Die verbotenen Fragen: Wenn Jens R. wirklich psychisch krank war, wie kann dann die Boulevard-Presse es wagen, von einem „Jammer-Manifest“ zu reden. Macht sie sich über den Mann lustig? Und wenn er „Todessehnsucht“ gehabt hat und in klarer „Suizidabsicht“ gehandelt haben soll, wie die Polizei sagt, warum musste er dann noch zwei weitere Menschen töten und etliche verletzen? Und: Wenn der Vater sagt, dass das, was er schreibt, „absolut nicht“ stimmt. Was stimmt dann?

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass im Fall Münster immer noch unendlich viele offene Fragen bestehen. Ein Interesse an einer verständliche Erklärung für die bislang unbegreifliche Tat muss eigentlich jeder haben, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Für Journalisten wäre die Suche danach Pflicht. Da eine solche Aufklärung aber aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr geschehen wird, die vielen offenen Fragen unbeantwortet bleiben werden, die Massenmedien bereits ihre eigenen Theorien zurechtgestrickt haben und offenbar jeder niedergebrüllt wird, der es wagt, Zweifel zu äußern, ist die weitere Recherche ein Spießrutenlauf in dornigen Büschen. Wer will sie machen?

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Über den Autor

Marc Dassen

Marc Dassen wurde 1989 in Aachen geboren und hat Anfang 2015 sein Studium der Geschichte und Philosophie mit dem Bachelor-Grad abgeschlossen. Seither arbeitet er als Journalist für COMPACT-Magazin.

 

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