Wirtschaftsstudie: Deutsche müssen 2016 noch mehr schuften!

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Vor einer wehrlosen Herde kann sich der Zynismus ungeschminkt präsentieren. So titelte Die Welt gestern: „Warum die Deutschen jetzt noch mehr arbeiten müssen“ Schon der Untertitel verrät den Grund: „Deutschlands Firmen werden 2016 mehr produzieren. Doch sie wollen dafür keine neuen Jobs schaffen – und keine neuen Maschinen kaufen. Der Einzelne muss also mehr leisten.“ Das ist das Fazit einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die „jedes Jahr die 46 wichtigsten Wirtschaftsverbände befragt.“ 29 davon wollen diese Produktionsteigerung ohne zusätzliche Angestellte und ohne technische Aufrüstung (dh. ohne Anschaffung von arbeitserleichternden Geräten). Stattdessen durch vermehrtes Auspressen der Angestellten. „Mehr Produktion, gleich viele Jobs“ titelte die IW-Analyse kurz und prosaisch.

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In der IW-Pressemeldung heißt es: „Hintergrund dieser Einschätzungen ist einerseits, dass der Konsum in Deutschland gut läuft. Den Exporteuren kommt zudem die Erholung in einigen Euroländern sowie der Aufschwung auf wichtigen Märkten wie den USA und Großbritannien zugute. Andererseits wankt die Konjunktur in großen Schwellenländern wie China. Zudem sind viele Betriebe verunsichert, weil sie die Auswirkungen der Flüchtlingszuwanderung und der Terrorrisiken auf die Wirtschaft nur schwer abschätzen können.“ Was ist damit gemeint? Dass künftige Terroranschläge die Konsumlaune senken könnten? Weiter: „Hinzu kommt, dass vor allem den personalintensiven Branchen der Mindestlohn zu schaffen macht.“ Nicht wahr: wenn man endlich wieder fünf-Euro-Stundenlohn zahlen könnte… „Daher halten sich in Sachen Arbeitsmarkt zuversichtliche und skeptische Einschätzungen die Waage – fast die Hälfte der Verbände geht von einer konstanten Beschäftigung aus.“

Natürlich ist bei der Weigerung, gesteigerte Produktivität durch Mehreinstellung zu kompensieren, durchaus „höhere Gewalt“ im Spiel. Genau genommen, so suggeriert Die Welt, liege es nicht daran, dass man keine weiteren Arbeitsplätze schaffen wolle. Nur gibt es leider keine Arbeitnehmer! Richtig gelesen: Die Demographie ist schuld: „So stagniert in Deutschland die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter. Wer in diesem Umfeld Wachstum produzieren will, muss mehr aus den Beschäftigten herausholen.“ Wohl gemerkt: man will nicht, man „muss“! Und Wachstum wollen wir doch schließlich alle, nicht wahr?

Besonders tapfer stellt sich die Autoindustrie den demographischen Zwängen. Die will nicht nur mehr Produktion bei gleicher Arbeitnehmerzahl. Nein, noch besser: „In der Kunststoffverarbeitung sollen die Angestellten sogar mit weniger Investitionen mehr Leistung erbringen.“ Mit weniger Investition mehr Leistung! Dass man da nicht schon früher drauf gekommen ist! Wie human erscheint dagegen die Finanzbranche, die Mitarbeiter nicht noch mehr ausbeuten, sondern gleich durch Technik ersetzen will…

Als „Trost“ verkauft Die Welt die Einschätzung der „Sachverständigen“, dass im nächsten Jahr „immerhin“ die Löhne steigen sollen: von 68 auf 68,2 Prozent. Dieses Mehr streicht aber der Psychotherapeut ein, denn die Anzahl an seelischer Erkrankungen dürfte zunehmen. Immerhin ahnt man dies auch auf Arbeitgeberseite. Deshalb empfiehlt Professor Thomas Straubhaar von der Uni-Hamburg den Unternehmern, „ständig die Arbeitsbedingungen weiter zu optimieren, um Beschäftigte bei guter Laune zu halten, sie klug zu motivieren, weiterzubilden und Burn-outs zu verhindern.“ Dann mal los!

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