Wirtschaft: China überholt die USA früher als gedacht

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China ist auf dem besten Weg, zur ersten Weltmacht aufzusteigen. Auf dem Gebiet Mobile Technologie ist China den USA schon davongelaufen, jetzt plant es eine neue Seidenstraße zu errichten, eine Eisenbahntrasse von China über Russland und Europa. Wird Europa noch rechtzeitig auf den neuen Wirtschaftszug aufspringen?

Ein Wetterleuchten war vor einer Reihe von Jahren das Ergebnis einer chinesischen Studie, mit der die Regierung die Militärführung beauftragt hatte. Es sollte die Frage beantwortet werden, wann der beste Zeitpunkt sein wird, die USA militärisch anzugreifen. Dies mag nur ein Faktor in einer Gesamtbetrachtung über Optionen gewesen sein. Doch dass diese Frage überhaupt gestellt wurde, war interessant. Sie zeigte, dass China sich schon lange mit dem Gedanken beschäftigte, wie und wann China die USA als primäre Weltmacht ablösen wird – und dabei nichts ausschloss. Die Antwort des Militärs damals war jedenfalls: Sofort angreifen!

Im öffentlichen Gedächtnis blieb der Vorgang nicht hängen. Er wurde als zu abwegig empfunden. Im Westen wird es als selbstverständlich angesehen, dass internationale Rivalität ohne den Einsatz von militärischen Mitteln geregelt wird. In westlichen Augen gilt es nur, ein paar bösen Buben auf die Finger zu klopfen, und die friedliche „Eine Welt“ könne sich weiterentwickeln. Mit den heutigen bösen Buben Putin, Assad und Kim Jong Un werde man schon fertig.

Die Entwicklungen in China und den USA in den letzten Monaten gibt heute die Antwort zu der Fragestellung der erwähnten Studie: Sie lautet: Gar nicht angreifen! Der Aufstieg zur ersten Weltmacht fällt China in diesen Tagen sowieso in den Schoss.

Eine subtile Verschiebung der internationalen Konstellation war vor einigen Wochen zu beobachten. Trump hatte gerade seine Präsidentschaft angetreten. Mit seinen spontanen Gedanken zu Korrekturen in der internationalen Politik hatte er bereits erwähnt, dass er unter anderem die Pattsituation zwischen Taiwan und Festland-China beenden werde. Es hörte sich so an, als wolle er jedem der beiden Parteien die richtige Rolle zuweisen. So rief er schon einmal die Präsidentin von Taiwan an, um sie zu ihrem Wahlsieg zu beglückwünschen.

Festland-China war entsetzt und legte die Beziehungen zu den USA auf Eis. Ohne dass Taiwan mit Selbstverständlichkeit als Teil der Volksrepublik China angesehen wird, kommt für China überhaupt keine nicht-militärische Auseinandersetzung infrage. Als Trump den chinesischen Premier anrief, war dieser für ihn nicht zu sprechen.

Wenig später trafen sich Trump und der chinesische Premier Xi Jinping. Man begegnete sich freundlich-diplomatisch. Jedoch in China war die Perzeption, in der politischen Klasse wie auch in der Bevölkerung, dass die USA sich entschuldigt hätten. Amerika hatte mit einem Schlag ein gutes Stück Ansehen verloren.

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Diese Episode ist ein Symbol für den allgemeinen Abstieg Amerikas. Die USA hatten sich (im Gegensatz zu Deutschland) ihre Spitzenuniversitäten erhalten. Zwei leuchteten besonders stark: Das Massachusetts Institute of Technology bei Boston und die Stanford University im Sehnsuchtsland Kalifornien. Ein Häufungspunkt bildete sich im Umkreis von Stanford am Südende der Bucht von San Francisco heraus, das Silicon Valley. Nachdem am MIT noch die Grundstruktur des Computers und die Grundlagen der Digitalisierung (aus der Radartechnik heraus) entwickelt worden waren, mischte sich im Silicon Valley die magische Kraft Kaliforniens mit einer Explosion von Innovation, die uns die weltbeherrschenden Technologien gebracht hat: Email, Netztechnik, Automatisierung, Mensch-Maschine-Interaktion, Social Media (Facebook), GPS, Virtual Reality, dabei die Aufhebung räumlicher Distanz für alle nicht-materiellen Verbindungen, Interaktionen und Übertragungen.

Die kulturelle Umwälzung unserer Welt ist von einer Tragweite, deren Konsequenzen wir noch gar nicht absehen können. Allein, dass praktisch das gesamte Wissen der Menschheit von einer einzigen Institution, einem kommerziellen amerikanischen Unternehmen (Google), erfasst, gespeichert und zugänglich gemacht wird, übersteigt in ihren Auswirkungen die Fantasie.

Nun ist China dabei, auch auf diesem Gebiet die USA hinter sich zu lassen. Auf dem Gebiet Mobile Technologie ist China den USA schon davongelaufen. Bereits jetzt benutzen in China mehr Menschen ihr Mobiltelefon, um Rechnungen zu bezahlen, einzukaufen, Geld zu überweisen, Videos zu senden oder zu empfangen, um sich zu bewerben oder Freundschaften anzubahnen als in den USA. Jetzt schon ziehen große westliche Konzerne mit Abteilungen nach China, um sich von diesem innovativen Markt inspirieren zu lassen. Jeff Bezos experimentiert mit Drohnen in China, um einen schnellen Lieferdienst für seine Firma Amazon aufzubauen.

Eine chinesische „Killer App“ ist Weixin. Weixin organisiert den gesamten gesellschaftlichen Umgang eines Menschen. Weixin hat sich schneller ausgebreitet als Facebook. Es ist für die Nutzer die Nabelschnur zur Welt und Leute verbringen viele Stunden des Tages mit dieser App.

Auch im größeren Rahmen wird die Kulturrevolution des digitalen Zeitalters von China aus weitergetragen. China belebt mit seiner Wirtschaftsmacht eine Uralttradition, die eine asiatisch-europäische Verbindung gewesen war und wieder werden soll: Die Seidenstraße. Peking plant eine Eisenbahntrasse von China über Russland und Europa bis nach Spanien. Der Plan sieht eine Investitionsinitiative von einer Billion Dollar für die Infrastrukturprojekte vor, die die südasiatischen Ländern an die Seidenstraße anschließen.

So ist eine für Amerika gefährliche Situation entstanden. Während die USA von Palastintrigen gelähmt sind und nach den ersten „100 Tagen im Amt“ von der Trump-Regierung keine der im Wahlkampf versprochenen innenpolitischen oder außenpolitischen Initiativen angeschoben worden ist, ja sogar vom Impeachment des Präsidenten gesprochen wird, hat die USA stark an Boden verloren. Jetzt wären die europäischen Politiker gefragt, in diesem neuen internationalen Rahmen eine Perspektive für Europa zu entwickeln.

Wird jemand dem bürokratischen Moloch Brüssel entsteigen, um die Europäische Union zu reformieren (oder ganz zu erneuern) und uns zu einer angemessenen Position zwischen Seidenstraße und europäischer wirtschaftlicher und politischer Tradition verhelfen?

Lesen Sie dazu im aktuellen COMPACT: Amerika weiß um die gefährliche Konkurrenz, die von China ausgeht. Deshalb nehmen die US-Falken das Reich der Mitte neben Russland ins Visier. Die Vereinigten Staaten haben ihren gefährlichsten Konkurrenten in den letzten Jahren militärisch umzingelt. Nordkorea ist als Auslöser für einen Atomkrieg ebenso gefährlich wie Syrien. – Lesen Sie die komplette Reportage in COMPACT 5/2017hier bestellen  

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Über den Autor

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Dr. Hartmut Grebe hat 20 Jahre lang in den USA gelebt, an Universitäten geforscht und im Silicon Valley gearbeitet. Außerdem betreibt Dr. Grebe die Webseite www.lebensschmiede.com

 

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