5. Januar 1919: Die NSDAP-Vorläuferpartei wird gegründet. Doch ohne Versailles wäre Hitler nie an die Macht gekommen

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Kalenderblatt: Heute vor 100 Jahren, am 5. Januar 1919, wurde der NSDAP-Vorläufer gegründet, die Deutsche Arbeiterpartei. Neun Monate später schloss sich ihr ein gewisser Adolf Hitler an. Doch dass aus der kleinen Sekte eine Millionenpartei wurde, lag vor allem an der Rachsucht der Siegermächte: Die Empörung über die mörderischen Bedingungen des Versailler Diktatfriedens brachte die Deutschen quer durch all Parteien auf. SPD-Reichsministerpräsident Philip Scheidemann rief im Mai 1919 unter dem Beifall aller Fraktionen aus: „Weg mit diesem Mordplan!“ Doch während die etablierten Parteien sich mit diesem „Mordplan“ arrangierten, stellte die NSDAP die Agitation dagegen ins Zentrum ihrer Politik. Dieses Thema war viel entscheidender für die Wählergewinnung als ihr Antisemitismus.

Dieser Zusammenhang bildet ein wichtiges Element in der aktuellen Ausgabe von COMPACT-Geschichte „Versailler Vertrag. Der Pakt, der Hitler an die Macht brachte“. Bei der Vorstellung dieser Ausgabe am 30. November in Magdeburg fasste ich die Kernthesen dieser COMPACT-Ausgabe wie folgt zusammen (auszugsweise Abschrift des Vortrags – bitte entschuldigen Sie den Duktus der mündlichen Rede):

[Wörtliche Rede, Anfang] Wenn man sich die Geschichte der NSDAP und den Aufstieg von Hitler anguckt, dann ist der Versailler Vertrag an jedem ausschlaggebenden Punkt der bestimmende Faktor. Die Partei wird ja schon 1919 gegründet, Hitler tritt ein und sorgt dann für die Umbenennenung in NSDAP. Dann gibt es ein Grundsatzprogramm, 25 Punkte: Die ersten drei Punkte betreffen den Versailler Vertrag!

Die Partei am Anfang – 1920, 21,22, – ist eine Splitterpartei, kriegt nix zustande, ist hoffnungslos zerstritten, aus denen wäre nie etwas geworden – bis eben das Jahr 1923 kommt: 1923 besetzten die Franzosen das Ruhrgebiet in Erfüllung der Knebelungsbestimmungen des Versailler Vertrages. Denn Deutschland war im Verzug mit den Kohlelieferungen aufgrund der Repartitionen, und da haben die Franzosen gesagt: Ihr liefert nicht – dann gehen wir rein und besetzten und holen uns die Kohle. Dann wurden 400 Deutsche getötet, über 2.500 verletzt, dann gab es Streik, dann gab es Unruhen – und natürlich haben die Oppositionsparteien und die Nazis an erster Stelle diesen sogenannten Abwehrkampf an der Ruhr unterstützt und damit sehr, sehr stark die Sympathien der Leute an sich gezogen. Sodass dann in den Wahlen im nächsten Jahr 1924, obwohl eine wirtschaftliche Erholung schon eingetreten war – es gab ja dann die Währungsumstellung, die Inflation war weg –, eine Ersatzpartei der NSDAP (die nach dem Hitlerputsch am 9.11.1923 schon verboten war) aus dem Stand heraus über sechs Prozent bekommen hat.

Nach dem Putsch war Hitler im Gefängnis, die NSDAP hat dann wieder einen Rückgang erlitten, die Partei war wieder am Ende. Die haben wieder nichts auf die Beine gekriegt, und bei den nächsten Wahlen, wo sie wieder zugelassen waren, 1928, kriegen die klägliche 2,6 Prozent. Das ist nichts. Die Wende kommt wieder mit dem Versailler Vertrag, und zwar gab es 1928 eine Umschuldung der Reparationszahlungen, das war der sogenannte Young-Plan. Vorher haben die Franzosen einfach Kohle gewollt, Kohle und Stahl und andere materielle Güter haben die der Weimarer Republik geraubt. Die Amerikaner, die Wallstreet, waren ein bisschen cleverer, die haben eine andere Methode angewendet: Wir wollen nicht Eure Kohle, wir wollen einfach, dass ihr ad infinitum blutet – und sie haben Tilgung und Zinszahlung der Versailler Schulden gestreckt bis zum Jahr 1988. Bis dahin sollten die deutschen Reparationszahlungen gehen, und es war ja eine Summe von 123 Milliarden Goldmark!

Das war der Young-Plan von 1928. Und dann hat diese geschlagene Nazipartei, die schon am Ende war, ein Volksbegehren gemacht gegen diesen Young-Plan – zusammen mit der Deutschnationalen Volkspartei, und dieses Volksbegehren hat die Partei sozusagen in die Breite gebracht, auf die Dörfer gebracht. Dann flogen ihnen die Stimmen zu bei der nächsten Wahl 1930 – von zwei auf über 18 Prozent, alles vor dem Hintergrund, dass SPD, Zentrum und die anderen Mitteparteien, wie heute Angela Merkel, gesagt haben: Dieser Young-Plan – wie heute der Migrations-Pakt – ist alternativlos. Es gab nur zwei Parteien, die gesagt haben, der Young-Plan ist nicht alternativlos, das waren die Kommunisten und die NSDAP, und beide Parteien sind zum Ende der Weimarer Republik in der Wählergunst explodiert. [Auszug wörtliche Rede, Ende; es folgt eine Zusammenfassung eines weiteren Diskussionsbeitrages auf der Veranstaltung].

Natürlich hat auch die Weltwirtschaftskrise eine Rolle gespielt, die ab 1929 Millionen in Amerika und Europa ins Elend stürzte, sechs Millionen Arbeitslose allein in Deutschland. Aber auch die Weltwirtschaftskrise war eine Folge des Versailler Vertrages: Die Wallstreet hatte der Weimarer Republik Kapital geliehen, damit diese die Versailler Schulden bedienen konnte – ohne diese Kredite wäre es gar nicht gegangen. Dieses Leihkapital sorgte für die Scheinblüte der sogenannten Goldenen Zwanziger. Die Kreditverbriefungen behielten die Wallstreet-Banker nicht in ihren Bilanzen, sondern verkauften sie clever an Gutgläubige weiter – immer mit dem Argument, die Rückzahlung sei sicher, da ja die Weimarer Republik aufgrund des Versailler Diktats zur Zahlung verpflichtet sei. Doch natürlich kann man politisch nicht dauerhaft erzwingen, was ökonomisch nicht erwirtschaftet wird – 1929/30 zeichnete sich die Zahlungsunfähigkeit Deutschlands ab, und dann bankrottierten die Gläubiger, die sich in den USA und Europa von diesen faulen Krediten abhängig gemacht hatten.

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Inhaltsübersicht über COMPACT-Geschichte Nr. 5 „Versailler Vertrag – Der Pakt, der Hitler an die Macht brachte“:

Unannehmbar!

«Weg mit diesem Mordplan!» _ von Philipp Scheidemann, SPD
Vollständiger Redetext des Reichsministerpräsidenten.

Vor dem Sturm

Europa vor dem Krieg _ von John Maynard Keynes
An der Schwelle zum 20. Jahrhundert genossen die meisten Menschen in Europa und Amerika einen Wohlstand wie nie zuvor.

Die Konferenz

Die Verheißung des Friedens _ von John Maynard Keynes
Stolz und Vorurteil: Die Arroganz der Sieger gegenüber den Besiegten.

Falsche Versprechungen _ von John Maynard Keynes
Deutschland verließ sich auf die Zusagen des amerikanischen Präsidenten.

Der große Raubzug

Demagogie der Wiedergutmachung _ von John Maynard Keynes
Der englische Premier entdeckte die Ausplünderung Deutschlands als Wahlkampfschlager.

Die Verelendung Europas _ von John Maynard Keynes
In Deutschland und Österreich starben die Menschen an Unterernährung.

Lob und Tadel für Keynes _ Dokumente
Kann man einem britischen Finanzmann trauen?

Von Versailles zu Hitler

Aufstieg aus dem Nichts _ von Karel Meissner
Das Thema Versailles stand im Fokus der nationalsozialistischen Agitation.

Der Traum der hundert Stunden _ von Guido Giacomo Preparata
Der Kapp-Putsch von 1920 hätte die Fesseln von Versailles sprengen können.

Wall Street und die Nazis _ von Jürgen Elsässer
Der Diktatfrieden schuf die ökonomischen Bedingungen, um den Hitlerismus heranzuzüchten.

 

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

15 Kommentare

  1. Avatar
    Peter Töpfer am

    Erfolg der NSDAP erst durch Volksbegehren: deswegen wollen wir (wie ja auch die Gelbwesten mit ihrem RIC ["Référendum d’initiative citoyenne"] als einzige einheitliche Forderung) ja die plebiszitären Elemente.

  2. Avatar
    Jeder hasst die Antifa am

    Die NSDAP hat hier ihre Nachfolger gefunden, Jusos, Grüne Jugend, Antifa mit Terror,Euthanasie an ungeborenen und Meinungsdemagogie gegen Andersdenkende reihen sie sich Lückenlos in deren Ungeist ein.

      • Avatar

        Heist " Paul " auch " Sokrates "?
        Es sind allemal die gleichen Umgangsformen, nämlich, keine…

        PS: die Kirche aus dem Staat!

    • Avatar
      heidi heidegger am

      die Jusos als straffe FürherInnenpartei (erst Nahles und aktuell das andere Mädchen?)..kann man so sehen, aber @Paul sieht’s ungeduscht äh unentfiziert quasi, etwas anders (alles! eh). *LMAO*

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    Grade im Belehrungs – Fernsehen; wie gut doch Zuwanderer tun.

    MDR
    Wer war Krabat? Mensch und Mythos
    Film von René Römer (2018)

    Die Krux nur, da war ein Gebildeter und aktuell tausende Analphabeten!

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    Aristoteles am

    Auch die Strasser-Bewegung suchte eine Kooperation mit Russland.
    Ebenso Rathenau – eine der tragischsten deutsch-jüdischen Gestalten dieser Zeit,
    die vom Lauf des Schicksals WUSSTE
    und von der eigenen Rolle, die es darin spielen MUSSTE.

    Die Kooperation der USA mit der SU war allerdings viel mächtiger,
    als dass das schon vorher im Konzept sezierte Opfer
    langfristig etwas hätte ausrichten können.
    Zum Plan gehörte es auch,
    dass die Kriegserklärer GB und FR erstmal langsam machen
    und das Deutsche Opfer in die Falle locken,
    obwohl sie schon zu diesem Zeitpunkt militärisch überlegen waren.
    So blieb auch der Blutzoll der Franzosen im Vergleich relativ gering.
    Den Blitzkrieg gegen Frankreich als Erfolg auszulegen,
    zeugt von Naivität und Oberflächlichkeit.
    Wer so denkt würde nicht einmal NACHTRÄGLICH
    eine Schachpartie gewinnen.

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    Da kamen aber noch ein paar blöde Umstände hinzu …
    Zum einen wurde D. in die Demokratie geworfen, die es vorher so nicht kannte. Ohne den Kaiser als Leitfigur waren viele führungs- und damit orientierungslos. Zudem hat man den Politiker zum bezahlten Beruf gemacht und Adolf war gewissermaßen der 1.Bildungsabbrecher, der Kariere machen konnte. Arbeitsparteifunktionäre hatten ihn angeworben und als Mäzen gefördert.
    Während der Ruhrbesetzung hat man die Gehälter der Arbeiter von Berlin aus weiterbezahlt! DAS führte zur galloppierenden Inflation von 1923! Da die Leistung dieser Arbeit ja geraubt wurde. Wenn man das nicht getan hätte, hätten die Arbeiter die Gegend wohl verlassen (müssen). Einige wären dann wohl zurück nach Polen …
    1932 hatte F. die Kurzläuferkredite an D. schnell und restlos gekündigt. Eine Panikreaktion, die zur Massenarbeitslosigkeit führte. Die NSDAP gewann immer, wenn es den Leuten schlecht ging! Als sich das wieder drehte, hörte Kanzler Brüning auf. Bei der allerletzten Wahl wollte die SPD mit "Wir enteignen alle Reichen!" der KPD Stimmen klauen. Unseren Arbeitgeber enteignen? – das ging nach hinten los! Erst danach hatte die NSDAP die Mehrheit um das Ermächtigungsgesetz zu nutzen.

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    Och! Das gilt ja bis heute!

    Ohne Versailles und das Besatzungsrecht wäre Erika Ferkel nie an die "Macht" gekommen.

    Ferkel ist die GeschäftsFÜHRERin der BRD GmbH (Siegmar das Pack).

    Es sind die Besatzer die uns zersetzen wollen.

    Wir stören die Besatzer.

    Wir sind der Dorn im Auge der Enkel Churchill’s.

  7. Avatar

    Richtig:
    Deutsche wurden versklavt. Sie hatten Hyperinflation, nichts zu essen und keine Arbeit.
    Tausende hatten pro Jahr Selbstmord begangen.
    Die Alternative wäre der Bolschewismus gewesen.
    Dann hätten wir gleich die NWO gehabt.

  8. Avatar

    4.Januar 1919-in Berlin tobt der sog.Spartakistenaufstand. Wenn man eine direkte Linie vom Versailler Diktat zur Machtergreifung Hitlers ziehen will (vertretbar) dann ist dieses ein schönes Beispiel dafür,wie menschliches Bemühen das Gegenteil des Beabsichtigten bewirkt. Denn die Linie führt weiter zur krachenden Niederlage Frankreichs im Sommer 1940,die ohne Hitler nicht stattgefunden hätte. (Totale Niederlage Frankreichs in nur 6 Wochen,was das Kaiserreich in 4 Jahren nicht geschafft hatte! Übrigens die letzte Deutsche Sternstunde,nicht?)

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