Eine Expedition ins finsterste Deutschland: Dorthin, wo unsere Alten ihre Würde verlieren und betteln müssen, obwohl sie ein Leben lang geschuftet haben. Ein Textauszug aus COMPACT 8/2018.

    So schwierig hatte ich es mir nicht vorgestellt, Senioren zu bewegen, mir zu erzählen, wie sie mit einer Rente auskommen, die kaum zum Leben reicht. Sie schütteln mit dem Kopf, wenden sich schamerfüllt ab. Und so fahre ich durch den Speckgürtel von Berlin, passiere gepflegte Ortschaften auf der Suche nach Menschen, die ihre Scheu überwinden. Ich bekomme den Tipp, die Tafeln aufzusuchen. Mein Weg führt mich nach Potsdam, der Stadt der Reichen und Schönen mit dem Filmviertel Babelsberg, dem preußischen Hollywood. Hier geben sich Prominente wie Modezar Wolfgang Joop, TV-Moderator Günter Jauch, Bild-Zampano Kai Diekmann oder Verlagserbin Friede Springer die Klinke ihrer Palais in die Hand, verborgen hinter sicheren Zäunen, blickdichten Hecken. Nahe Schloss Charlottenhof, unweit vom Lustgarten gelegen, suche ich entlang kostbar restaurierter Jugendstilvillen nach der Tafel – und entdecke sie, welch ein Kontrast, in einem Hinterhof, rechter Hand eine rostende Wellblechtür. Die Ausgabestelle selbst befindet sich in einem farblosen Gebäude. «Lebensmittel für Bedürftige» steht auf dem Schild vor dem Eingang.

    Ein Rentner kämpft sich die wenigen Stufen in den ersten Stock hoch. Hager ist er, mit einem schmalen Gesicht. Gepflegt. Sorgenfalten haben sich in seine Wangen gegraben. Schwer atmend stützt er sich auf seinen Trolley, in dem er seine Almosen nach Hause transportieren will – Lebensmittel im Wert von etwa 40 Euro. Das soll für sieben Tage reichen… Doch er kommt zu spät, ein Arztbesuch hat ihn aufgehalten. Für ihn gibt es jetzt nichts mehr. Der 78-Jährige kämpft mit den Tränen, droht die Fassung zu verlieren: «Oh, die Woche wird lang, ich hab kaum noch was zu essen daheim. Gut, dass noch einige Kartoffeln übrig sind. Mit Margarine muss es irgendwie gehen. Schön, dass ich eine Nachbarin habe, die mir gelegentlich Suppe vorbeibringt. Selbst der eine Euro für die Tafel fällt mir schwer. Und dabei habe ich mein ganzes Leben lang geschuftet. Glauben Sie mir: Ich hab schon bessere Zeiten erlebt, musste nicht so auf den Pfennig schauen. Aber jetzt… Ich komme hinten und vorne nicht zurecht.» Er greift sich verzweifelt in sein schlohweißes Haar, ein voller Schopf, zerzaust. Eine Geste, die ihm zur Gewohnheit geworden zu sein scheint.

    Tristesse nach dem Mauerfall

    Ich lade ihn ein, führe ihn auf die Terrasse eines der zahlreichen Restaurants und Cafés, die die Straße flankieren. Hier treffen sich Yuppies, die sich den Besuch leisten können. Er nicht. Nicht mehr seit dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren. Schon die beiden Renten hätten nicht für große Sprünge gereicht, deshalb sei sie nebenher putzen gegangen, schwarz. Ein Schatten von Trauer huscht über sein Gesicht. Dann schaut er sich um, senkt die Stimme und flüstert: «Wissen Sie, wir haben uns das ganz anders vorgestellt nach dem Fall der Mauer. Wir hofften auf ein besseres Leben. Ich war Landbautechniker, also nicht auf dem Feld, sondern zuständig für Organisation, Kontrolle, so was wie ein Unternehmer. In einer LPG, einem sozialistischen Genossenschaftsbetrieb. Hat zwar kurz vor der Wende an allem gefehlt, vor allem an Ersatzteilen für die Maschinen, aber da wurde halt improvisiert. Wurde ja sowieso alles von der Regierung subventioniert. Uns war’s egal; wir hatten ein regelmäßiges Einkommen.»

    Nach der Wende hätten sich viele der ehemaligen DDR-Agrarfunktionäre, «diese Junker der Äcker», das Land unter den Nagel gerissen, viele Beschäftigte rausgeschmissen. «Auch mich», schimpft er. Seine blassblauen Augen blitzen vor Zorn. Er wird laut, fuchtelt mit der Faust, als hätte er den Feind noch immer vor sich: «Nicht mal meinen Anteil haben sie mir ausgezahlt, jedenfalls nur einen geringen Betrag.» Der habe nicht zum Aufbau von etwas Eigenem gereicht. Deshalb musste er sich fortan als Erntehelfer verdingen, im Winter als Hilfsarbeiter. Müde lehnt er sich zurück. Das Gespräch hat ihn erschöpft. Er will heim.

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    Ich fahre weiter in den bei Rentnern beliebten Koeltzepark, eine der ältesten Grünanlagen der ehemaligen Festungsstadt Spandau. Auf Befehl Friedrichs des Großen wurden auf dem einstigen Friedhofsgelände Maulbeerbäume zur Seidenraupenzucht gepflanzt, die bis ins 18. Jahrhundert ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Berlin war. Als sogenannte Nordische Seide wurde sie gar exportiert.

    Nach mehreren erfolglosen Versuchen erklärt sich eine zierliche 93-Jährige bereit, mir ihr Leben zu schildern. Einsam sitzt sie auf einer schattigen Bank, dankbar für ein Gespräch. Rüstig ist sie – und wütend auf eine Regierung, «die ihre Alten am ausjestreckten Arm verhungern» lässt. «Ick hab mir nach’m Krieg als Trümmerfrau den Rücken krumm jeschuftet, eenen Sohn noch innen letzten Tagen dem Land jeopfert. Hatte Lungenentzündung, der Bengel, und Medikamente jab’s ja keene. Bis meen Jötterjatte ausser russischen Jefangenschaft kam, musste ick sehn, wie ick alleene zurechtekomme. Ick hatte ja nüscht jelernt.» Seit dem Tod ihres Mannes vor 22 Jahren, der als Straßenbahnfahrer in Berlin «ja ooch nich viel vadient hat», ist sie auf Grundsicherung angewiesen. Und auf die Tafel. «Mann, wat hab ick mir jekrümmt, bis ick mir dit erste Mal da hinjetraut hab. Almosen erbetteln.»

    Ihre modische Kurzhaarfrisur ist frisch gefärbt, mittelbraun: «Dit hat mir ’ne Nachbarin jemacht. Jeld fürn Frisör is keens da», kommentiert sie meinen Blick. Unlängst hat sie eine barocke Kommode verkauft, «seit Jenerationen inner Familie. Aber meene Waschmaschine war hin, ick brauchte ’ne neue, Erinnerung hin oder her, davon kannste Dir nüscht koofen. Aber hat schon jeschmerzt». Ein wehmütiger Zug legt sich um ihren schmalen Mund, aber verbittert, nein, das ist sie nicht. «Ooch wenn ick mir davor hüten muss. Wissen Se, da hat man vier Jören großjezogen, und keener kümmert sich. Na, ham ja selber nüscht, sind ja ooch schon in Rente», lenkt sie ein. «Und dann biste auf Armenspeisung anjewiesen.» Angewiesen auf die Tafel. Auf Suppenküchen. Sie sind die Antwort auf die neue Altersarmut im reichen Deutschland. Von kirchlichen, privaten und karitativen Initiativen ins Leben gerufen – weil sich der Staat seiner sozialen Verantwortung entzieht. (…)

    Dies ist ein Auszug aus der aktuellen COMPACT 8/2018. Die vollständige Reportage finden Sie im Heft. Jetzt am guten Kiosk – oder gleich hier mit dieser Ausgabe ein Abo beginnen und eine attraktive Prämie einstreichen.

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