Washingtons neue rote Linie für Syrien ist ein Freifahrtschein für False-Flag-Terror

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Das Weiße Haus droht, die Assad-Regierung werde einen „hohen Preis“ für weitere Vergehen am syrischen Volk zahlen (wer auch immer dahinter stecken möge). UNO-Botschafterin Haley wirft Russland und den Iran gleich mit in die Waagschale. Moskau reagiert zu Recht besorgt.

Es ist ein Jammer. Ein Tag, bevor CNN sich selbst der Lüge über Trumps Klüngelei mit Russland überführte, ließ der US-Präsident selbst wieder Fake News über Syrien streuen. Und zwar potentiell tödliche.

Das Weiße Haus veröffentlichte am Montag eine kaum verdeckte Kriegserklärung an die syrische Regierung. Sprecher Sean Spicer sagte: „Die Vereinigten Staaten haben potentielle[!] Vorbereitungen für einen erneuten Angriff des Assad-Regimes mit Chemiewaffen identifiziert, der wahrscheinlich zu einem Massenmord von Zivilisten, darunter unschuldige Kinder, führen würde.“ Die beobachteten Aktivitäten seien “vergleichbar mit den Vorbereitungen des Regimes vor dessen Chemiewaffenangriff am 4. April 2017.“ (1)

Damals hatte es drei Tage gedauert, bis Donald Trump 59 Tomahawk-Raketen auf einen Luftwaffenstützpunkt der Regierung Bashar al-Assads feuern ließ – der erste direkte Eingriff der US-Streitkräfte in dem sechsjährigen Konflikt. Nun also wolle das „Monster“ Assad mal wieder grundlos seine eigenen Leute vergasen…

Spicer fuhr mit der mehr als einmal widerlegten Behauptung fort, man wolle vor Ort den Islamischen Staat bekämpfen. Aber: „Sollte Mr. Assad jedoch einen weiteren Massenmord mit Chemiewaffen verüben, werden er und sein Militär einen hohen Preis zahlen.“

Im Anschluss an diese Stellungnahme drohte die tollwütige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley, sogleich auch Assads Verbündeten, Russland und Iran. „Jegliche weiteren Angriffe gegen das syrische Volk werden Assad zugeschrieben“, so Haley, „aber auch den Russen & dem Iran, die ihm dabei helfen, seine eigenen Leute zu töten“.

Die Stumpfheit beeindruckt selbst erfahrene Kenner der Yankee-Diplomatie: Offener kann man die Kopf-ab-Milizen am Boden kaum dazu ermutigen, eine erneute False-Flag-Attacke zu inszenieren. Immerhin: Alles, was dem syrischen Volk zustoße („any further attacks“), würde Assad zugeschrieben – egal, wer dahinterstecken möge: der IS, al-Qaida oder außenstehende Kräfte, die das Land destabilisieren wollen.

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Verständlich, dass Moskau gereizt reagierte: Die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Zakharova schrieb auf Facebook: „Wir wissen aus der Vergangenheit, dass das Bush-Regime bereits die Verfälschung von Fakten über Massenvernichtungswaffen gegen das eigene Volk im Irak dazu verwendet hatte, gegen dieses Land militärische Aggressionen auszuführen. Wir sind hierüber ernsthaft besorgt.“ (2)

Zuvor hatte Wladimir Putins Pressesprecher Dmitry Peskov vor Verletzungen gegen die syrische Souveränität durch die USA gewarnt: „Wir haben von [Spicers] Stellungnahme gehört. Wir wissen nicht, was die Grundlage dafür sein könnte. Und natürlich widersprechen wir der Formulierung ‚weiterer Angriff‘ kategorisch.“ Peskov weiter: „Auch betrachten wir jegliche ähnlichen Drohungen an die legitime Führungsriege der Arabischen Republik Syrien als inakzeptabel.“ (3)

Demonstrativ besuchte Assad am Dienstag einen russischen Luftwaffenstützpunkt im syrischen Latakia. Bei dem öffentlichen Besuch nahm der alawitische Präsident sogleich im Cockpit eines russischen Kampfjets Platz.

https://www.youtube.com/watch?v=mEThBEJ874E

Eine gesetztere Tonart als Haley schlug US-Verteidigungsminister James Mattis am Dienstag an. Ihm zufolge hätten die USA eine „sehr aktive Entflechtungslinie“ mit den Russen. Die USA versuchten nicht, in Syrien „in einen Kampf verwickelt zu werden“. (4) Mattis wurde zwar bislang von John McCain unterstützt. Beobachter beschreiben ihn aber als „weniger neokonservativ als manch andere(n) Typen“, obwohl der 66-Jährige „definitiv an die eiserne Faust des US-Militarismus glaubt“. (5)

War Mattis über die Stellungnahme des Weißen Hauses informiert? Wie die New York Times am Montag berichtete, sollen „mehrere Militärbeamte vom Statement des Pressesprechers des Präsidenten völlig überrumpelt“ gewesen sein. (6) Die Los Angeles Times kolportiert ihrerseits, hochrangigen Beamten des State Departments sei es nicht anders ergangen. (7) „Normalerweise werden das State Department, das Pentagon und US-Geheimdienstbehörden konsultiert, bevor das Weiße Haus eine Bekanntgabe herausbringt, die mit Gewissheit in ausländischen Hauptstädten abprallt“, so das in Kalifornien ansässige Blatt.

Schon der offizielle, von Experten widerlegte, Bericht des Weißen Hauses zum vermeintlichen Saringas-Anschlag vom 4. April hatte teilweise Entsetzen in US-Sicherheitskreisen ausgelöst. „Viele Beamte haben ihren Frust und ihre Wut über das Geschehene zum Ausdruck gebracht“, schrieb Ex-CIA-Officer Philip Giraldi nach Trumps erstem und bislang einzigem ‚Vergeltungsschlag‘ auf Syrien. Die Angestellten nähmen „ein Lügengewebe wahr, so wie im Irak“. Giraldi: „Die Insider bemerken, dass keine Beweise hervorgebracht wurden, die überzeugend demonstrieren, dass syrische Streitkräfte eine Chemiebombe auf ein ziviles Gebiet warfen.“ (8)

Die neueste aggressive Stellungnahme des Weißen Hauses erfolgte einen Tag, nachdem der Investigativjournalist Seymour Hersh seine Rechercheergebnisse zu dem Fall veröffentlicht hatte. Hersh, der u.a. die Folter in Abu-Ghraib und US-Massaker im vietnamesischen My Lai aufdeckte, bilanziert nach einer Vielzahl Interviews mit Geheimdienstmitarbeitern und der Auswertung von Echtzeit-Communiqués: „Die verfügbaren Informationen machten deutlich, dass die Syrer am 4. April einen Treffpunkt von Dschihadisten mit einer russischen Lenkbombe mit konventionellem Sprengstoff angezielt hatten.“ Trump habe die Bombardierung befohlen, „obwohl die Geheimdienste ihn gewarnt hatten, dass sie keine Beweise dafür fanden, dass die Syrer eine chemische Waffe verwendet hatten.“ (10)

Diese Erkenntnisse werden folgenlos bleiben, wenn interessierte Kreise ihre jahrzehntealten Pläne zur Eroberung Syriens endlich erfüllen wollen. Tote „unschuldige Kinder“ wird es dann zuhauf geben.

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(1) https://www.washingtonpost.com/news/post-politics/wp/2017/06/26/white-house-says-syrias-assad-preparing-another-chemical-attack-warns-of-heavy-penalty/?utm_term=.1a9e225f459f
(2) https://www.facebook.com/maria.zakharova.167?ref=br_rs
(3) http://theduran.com/russia-us-threats-against-syria-unacceptable/
(4) http://www.dailymail.co.uk/wires/afp/article-4643040/US-wants-steer-clear-Syrian-civil-war-Mattis.html
(5) http://rightweb.irc-online.org/profile/mattis-james/
(6) https://www.nytimes.com/2017/06/26/us/politics/syria-will-pay-a-heavy-price-for-another-chemical-attack-trump-says.html
(7) http://www.latimes.com/world/la-fg-white-house-warning-syria-20170626-story.html
(8) http://www.theamericanconservative.com/articles/debunking-trumps-casus-belli/
(9) https://www.welt.de/politik/ausland/article165905578/Trump-s-Red-Line.html#Comments

 

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

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