Vor zwei Jahrzehnten begann es so richtig: Die Regierenden peitschten das Land mit ihrer Agenda 2010 in Richtung Turbo-Globalisierung. Parallel dazu entdeckten die Medien eine neue Lust am Konformismus. Aber es entstand auch eine Partei, die dem Volk seine – damals schon verlorene – Souveränität zurückgeben wollte: Chance 2000.

    1998 – In dem Jahr begann die Endzeit der deutschen Demokratie. Dabei sollte alles groß werden. So richtig groß: Die Bundesregierung zog nach Berlin. Im September wurde Kohl abgewählt. Nach 16 Jahren Kanzlerschaft in Westdeutschland und sieben in Ostdeutschland: Das waren gefühlte „100 Jahre CDU-Regierung“ – wie Christoph Schlingensief es damals formulierte. Stagnation total.

    An die Macht kam der 68er-Eporkömmling Gerhard Schröder. Er brachte den Stein ins Rollen, dank dem die SPD heute im tiefen Tal der 15,5 Prozent verrottet. Von der Volks- zur Splitterpartei. In jener Zeit begann auch das Sterben kritischer Medien: Begeistert vom Ende der Kohl-Ära gaben sie dem neoliberalen Schröder endlosen Kredit.

    Sogar als der SPD-Kanzler seine Agenda 2010 beschloss, blieb ihm die Presse gewogen. Schlimmer noch, sie blies zur fröhlichen Hatz auf die neuen Sündenböcke: Interviews mit angeblich „Arbeitsunwilligen“, Porträts von steinreichen Sozialhilfempfängern – Bild kreierte den Luxus-Arbeitslosen „Florida-Rolf“ – sollten im Volk Hass und Verachtung für die Gefallenen wecken.

    Anti-Hartz-Demonstranten verspottete man als „Kaschmir-Fraktion“. Günter Grass, Jürgen Habermas und weitere Vorzeige-Intellektuelle schwiegen. Auch deren Sturz ins Bedeutungslose datiert in jene Zeit.

    Chance 2000

    Bei soviel Ab- und Niedergang vergisst man leicht, dass 1998 auch eine Widerstandsbewegung entstand. Ein kurzes Aufblitzen nur, aber immerhin. In ihr gingen, wie einst bei Josef Beuys, Kunst und Politik eine unauflösbare Verbindung ein. Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief (1960-2010) gründete im März 1998 die Kleinpartei „Chance 2000“. Zielsetzung: Die „Unsichtbaren“ unserer Gesellschaft zu unterstützen, sie als unabhängige Wahlkreiskandidaten aufzustellen. Slogan: „Wähle dich selbst. Du kannst es.“ Oder, den neoliberalen Zeitgeist auf die Spitze treibend: „Beweise, dass es Dich gibt!”

    Schlingensief, heftiger Kritiker der ’68er-Bewegung, verwarf deren Kollektivismus, setzte für die Rückeroberung der Volkssouveränität ganz aufs Individuum: „Im Bestreben, das Volk in seiner Gesamtheit wieder als Souverän des Staates einzusetzen und damit unserer Verfassung Genüge zu tun (,Die Gewalt geht vom Volke aus’), erklärt sich Chance 2000 sowohl als verfassungspolitisch prinzipientreu als auch als individuell-human im Einzelfall wirkende Kraft.“ Deshalb sei jeder „die kleinste Einheit von Volk (1 Volk).“

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    In den Jahren zuvor hatte Schlingensief die Hohlheit von Politik- und Medien-Profis aufgezeigt. Motto: Was diese hochbezahlten Blödsäcke absondern, kann in Wahrheit jeder. Beispielsweise eine Talkshow moderieren. Um dies zu demonstrieren, trieb Schlingensief als Moderator von „Talk 2000“ (1997) zahlreiche Gäste in den verbalen Wahnsinn.

    Chance 2000 Flyer

    Im gleichen Jahr stürmte der Aktionskünstler mit 50-60 Arbeitslosen und Behinderten das KdW (Kaufhaus des Westens), einen Westberliner Shopping-Palast für Luxusliebhaber. Die Rückkehr der Ausgegrenzten. Ein Klassencrash. Die Ausstellung der Verachteten im aggressiven Neonlicht des Konsumtempels. Natürlich erhielt der Regisseur daraufhin Hausverbot…

    Zwar wandte sich „Chance 2000“ an alle Bürger, aber wirkliches Potential vermutete diese Partei nicht bei den “Gewinnern”, sondern den “Verlierern” des Systems. Sie richtete sich „unmittelbar an alle, die befürchten, in der gegenwärtigen Lage keine Zukunft zu haben, nämlich an die, die keine Arbeit haben oder Angst haben, die Arbeit zu verlieren, oder an die jungen Menschen, die den Glauben, in gesellschaftliche Prozesse oder in den Arbeitsmarkt einbezogen zu werden, verloren oder nie gehabt haben.“

    Freilich lastete auch auf „Chance 2000“ das Dilemma der Postmoderne: Kein Entwurf läuft ohne „gespaltenes Bewusstsein“, ohne zynisches Wissen vom unvermeidbaren Scheitern, keine Liebesgeschichte ohne ironische Brüche, kein Pathos ohne den Subtext des Als-ob.

    Deshalb versprach die Partei die eigene Niederlage bereits im Programm: „Natürlich wird es eine Pleite werden (…) Aber eine Pleite, die von Herzen kommt, ist besser als eine Millionen, an der Scheiße hängt .“ So bitter es klingen mag: Im Grunde war „Chance 2000“ trotz seines Willens zum Widerstand von der Alternativlosigkeit des Systems überzeugt.

    So endete auch die Wahlparty unter dem Titel „CHANCE 2000 – Abschied von Deutschland” in der Berliner Volksbühne mit einer „Emigration“: Schlingensief gab an dem Abend bekannt, in seinen frisch gegründeten Internet-Staat auszuwandern (nicht vergessen: Im Jahr 1998 herrschte noch digitale Steinzeit!). Dieser virtuelle Staat, so fügte sein Dramaturg Carl Hegemann hinzu, werde Hegels politische Vision endgültig realisieren.

    Aber das interessierte nur wenige Zuschauer. An diesem Abend hatte die SPD die Bundestagswahl gewonnen. Aber kaum jemand ahnte, wie viel Endzeit damit begann.

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